Es wird durch den Klimawandel öfter zu Naturkatastrophen wie Hochwasser oder Waldbränden kommen. Aber auch Explosionen, Zugunglücke oder Flugzeugabstürze sind Szenarien, die realistisch sind. Zudem lagert immer noch gefährliches Material im Grafenrheinfelder Kernkraftwerk. Wie warnen Kommunen ihre Einwohnerinnen und Einwohner im Ernstfall? Denn: Beim bundesweiten Warntag im September 2020 blieben viele Sirenen im Landkreis still. Das soll sich ändern: Nüdlingen beispielsweise rüstet schon im kommenden Jahr sein Warnsystem um.

Katastrophenalarmierung derzeit nicht überall möglich

Alexander Frey ist Feuerwehrkommandant von Nüdlingen und führt eine Firma, die sich auf Alarmierungs-Möglichkeiten spezialisiert hat: "Der Warntag betrifft nur einen Teil vom Landkreis. Den Katastrophenalarm gibt es aktuell nur in einem gewissen Radius um einen Störfallbetrieb." Laut dem Landratsamt ist das ein 25-Kilometerradius um das ehemalige Kernkraftwerk. Nüdlingen sei nicht in dem Umkreis, sagt Frey. "Deswegen können unsere Sirenen den Katastrophenwarnton, diesen Dauerton, gar nicht machen."

Zwei Arten von Alarmierungen

Ausgelöst werden die zwei Arten von Alarmierungen durch die Integrierte Leitstelle (ILS) in Schweinfurt.

  • Diese kann zum einen alle Feuerwehrsirenen für den Feuerwehralarm einzeln ansteuern - der bekannte Feuerwehrton: drei mal zwölf Sekunden Ton, zwölf Sekunden Pause.
  • Zum anderen kann die ILS im Katastrophenfall die Sirenen im 25-Kilometerradius um das ehemalige Kernkraftwerk auslösen. Dann heulen aber alle Sirenen, die in diesem Radius liegen. Dieser Katastrophenwarnton ist ein einminütiger Heulton.

Förderprogramm soll Bayerns Sirenen digitalisieren

Zu diesem gehört eigentlich auch ein Entwarnton. Den könne bisher gar keine Sirene im Kreis von sich geben, sagt Frey. Aber es ist Besserung in Aussicht: Ein Förderprogramm des Freistaats soll den Kommunen helfen, ihre Sirenenanlagen zu erneuern oder zumindest die Steuerung auf die neue digitale Alarmierung umzurüsten.

"Wenn die Umrüstung in den nächsten zwei Jahren rum ist, dann können alle Sirenen diesen Warnton abgeben", sagt Frey. Dass die Leitstelle diesen Warnton unabhängig in einzelnen Orten auslösen kann, ist noch in Planung. Zudem hatte Markus Söder (CSU) kürzlich angekündigt, die Anzahl der Sirenen in Bayern zu verdoppeln.

Nüdlingen rüstet um

Nüdlingen hat sich bereits im Oktober um das Förderprogramm beworben. "Wir werden uns neue Anlagen beschaffen", sagt Bürgermeister Harald Hofmann (CSU). "Wir haben derzeit drei Sirenen, eine in Haard und zwei in Nüdlingen. Dabei handelt es sich um ganz normale Feuerwehrsirenen. Die werden von der Integrierten Leitstelle angesteuert und machen den normalen Sirenenton."

Die neuen Anlagen sind digitale Sirenen, die die analogen ersetzen. Selbst bei einem Stromausfall sind diese funktionsfähig. "Das sind praktisch nur noch Lautsprecher, die auf dem Dach sind. Und unten ist ein Verstärker, über den das Signal eingespielt wird", erklärt Frey.

Durchsagen möglich

Der Vorteil an den neuen Sirenen sei, dass auch Durchsagen möglich sind, um die Bevölkerung individuell zu warnen. Beispielsweise, um auf drohendes Hochwasser aufmerksam zu machen. Vor drei Jahren hatte die Gemeinde bereits einen ersten Schritt in diese Richtung gemacht.

Über Feuerwehrautos lassen sich Durchsagen abgeben, um die Bevölkerung zu warnen. Allerdings: Im Ernstfall ist das nicht praktikabel. Denn das Abfahren jeder Straße frisst Zeit. Daher bemüht sich die Gemeinde um die neuen Sirenen. Die Installation steht im kommenden Jahr an.

Neue Standorte für Sprachdurchsage

Die neuen digitalen Sirenen - egal, ob mit oder ohne Durchsage-Möglichkeit - fördert der Freistaat zu 80 Prozent. Dazu kommt noch etwas Mehraufwand: Einen Ton höre man zwar überall, so Hofmann. Aber "bei Sprachdurchsagen muss man eben verstehen, was gesagt wird. Dafür gibt es Messungen. Die Prüfung ist bei uns abgeschlossen." Es brauche einen weiteren Sirenenstandort in Haard und noch einen in Nüdlingen.

Für Frey bieten die neuen Anlagen einen großen Vorteil. Brennt es im Ort, lässt sich per Durchsage an die Bürger appellieren, ihre Fenster zu schließen. "Wenn ich einfach die normale Sirene laufen lassen würde, würde das niemanden interessieren", sagt Frey.

Es braucht ein Konzept

Für die neuen Sirenen braucht es jedoch ein Konzept: "Es nutzt ja nichts, wenn ich einfach was kaufe und irgendwohin stelle. Wann mache ich was, wie ist das Vorgehen, wer darf was entscheiden? Das muss alles festgelegt werden", führt Frey aus. Zuständig sind zum einen das Landratsamt und zum anderen die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. In allen Fällen löst jedoch die Leitstelle die Alarmierung aus. Das wird auch mit den neuen Sirenen so bleiben.

Parallel entsteht Katastrophenschutzkonzept

Parallel arbeitet die Nüdlinger Verwaltung an einem umfassenden Katastrophenschutzkonzept für die Gemeinde. Hierzu laufen derzeit Abstimmungen mit dem Landratsamt. Erste Ergebnisse gibt es bereits: "Wenn jetzt nachts was passieren würde, steht ein Krisenstab zur Verfügung, der sich dann mit der Entscheidungsgewalt darum kümmern kann", sagt Hofmann.

Unter Planung des Kommandanten Alexander Frey stimmten sich die relevanten Bereiche wie Bauhof, Kläranlage und Ordnungsamt ab und durchdachten verschiedene Katastrophen-Szenarios. Dabei fanden auch die Erkenntnisse des Sturzfluten-Managements Berücksichtigung.

Auch andere Kommunen rüsten um

Auch andere Kommunen sind dabei, ihre Alarmierungs-Möglichkeiten aufzubessern. Bad Kissingen rüstet an allen Sirenenstandorten Notstromaggregate nach. Münnerstadt und Bad Bocklet sind dabei oder planen, ihre Sirenen-Anlagen auf digitale umzurüsten.