Als Mohammad Elias Shadab von seinem Vater erfuhr, dass die Taliban in Kabul eingezogen waren, brach er in Tränen aus. Weil der 23-Jährige, der in Bad Kissingen lebt, wusste, was das für seine Familie bedeutet. Mutter, Vater, vier Schwestern und zwei Brüder - sie flohen 2015 nicht mit ihm von seiner Heimat Dschalalabad nach Deutschland, sondern gingen in den Iran, bevor sie nach Kabul zurückkehrten.

Die Verhältnisse damals, erzählt Mohammad, seien okay gewesen. Heute sind sie es nicht mehr. In Kabul müssen gerade alle bangen, die in der Vergangenheit bei der Polizei, im Gericht oder als Lehrkräfte gearbeitet haben. Und die, die den ausländischen Truppen als Ortskräfte in ihrem Einsatz geholfen haben.

Vater war bei der Kripo

Shadabs Vater arbeitete bei der Kriminalpolizei, jetzt traut er sich kaum noch aus dem Haus. Seine große Schwester hat den Beruf der Lehrerin ergriffen - unwahrscheinlich, dass sie unter den Taliban darin arbeiten darf. Shadabs kleinere Schwestern hatten gerade das Abitur geschafft, wollten studieren, Ärztin beziehungsweise Journalistin werden. Auch diese Träume: vorerst geplatzt. Seine jüngste Schwester darf nicht mehr zur Schule.

Frauen dürfen unter dem Regime der Gotteskrieger sowieso nur in männlicher Begleitung aus dem Haus, erzählt der Afghane. Und wenn, dann nur von oben bis unten verschleiert. "Es herrscht jetzt ein anderes Weltbild dort, besonders für Frauen ist es wie im Gefängnis", berichtet der 23-Jährige. Den Beteuerungen der Taliban, dass nach ihrer Machtübernahme alles so freiheitlich bleibt wie zuvor, glaubt er nicht.

Verbindung wird immer schlechter

Über die Situation in seinem Heimatland - und wie es seiner Familie geht - wusste Mohammad Shadab bisher deswegen so gut Bescheid, weil die Verbindung gut war. Täglich schrieb und sah man sich über Internet und Messenger-Dienste. "Jetzt ist das Internet relativ schlecht, meist ist der Kontakt sehr kurz. Man fragt nur, ob alles okay ist." Sein Vater wolle nicht, dass man ihn darüber ausfindig mache.

Sein Sohn bekniete ihn, mit der Familie ins Ausland zu gehen. "Mein Vater meinte, es ist alles gut. Rauskommen ginge gar nicht." Mit einer so großen Familie zum Flughafen in Kabul und dann hinein zu gelangen, scheint unmöglich. Dafür müsste sein Vater Dokumente mitnehmen, die ihn verraten würden. Es wird oft kontrolliert.

Nato-Einsatz "Nicht umsonst"

Den 20-jährigen Einsatz der Nato in Afghanistan nennt Shadab "nicht umsonst. Für unsere Leute war alles sehr gut, trotz gelegentlicher Anschläge. Sie haben gearbeitet, konnten reisen." Jetzt fragten sie sich, wofür Amerikaner, Deutsche und andere dagewesen seien und soviel aufgebaut hätten. "Die ganze Welt wird keinen Kontakt mehr zu diesem Taliban-Emirat mehr haben und die wollen auch keinen nach draußen", glaubt er.

Die ausgebildeten, erfahrenen Leute, die ein Land tragen, würden sich aus Angst nicht bei den neuen Machthabern melden, der Krieg werde weitergehen. Täglich betet Shadab - für sein Land und seine Eltern, dass er sie doch bald wiedersehen kann.

In einem anderen Eck des Landkreises wohnt Derya Rahimi (Name geändert) mit ihrer Familie. Sie ist besorgt. Und verzweifelt. Und auch ein bisschen verärgert über das Handeln des Westens: Ihre Eltern, Geschwister, Neffen und Nichten sitzen ebenfalls in Kabul fest und trauen sich nicht aus den Häusern. Und sie sitzt hier in Deutschland, ohne Möglichkeit, ihnen zu helfen.

"Sie gehen nicht vor die Tür"

Rahimi kam vor acht Jahren nach Deutschland, nachdem ihr Mann und ihr Sohn in Afghanistan getötet wurden. Nun lebt sie mit ihrem jetzigen Mann und ihren Kindern im südlichen Teil des Landkreises. Hier sind sie sicher. Was ihr Sorgen bereitet: Eine ihrer Schwestern arbeitet bei der Polizei. "Sie ist mit meinen Eltern und zwei Kindern in Kabul. Sie hat Angst vor den Taliban. Sie gehen nicht vor die Tür", berichtet Rahimi auf englisch. Ihre Mutter arbeitete bei der ISAF. Das war eine Sicherheits- und Wiederaufbaumission der Nato.

Nur Rahimis Vater gehe ab und zu nach draußen, um einzukaufen. Auf die Frage, warum die Schwester ihre Polizeidokumente nicht verbrenne, antwortet die Afghanin: "Sie kann zwar ihre Dokumente verbrennen. Vielleicht auch ihre Uniform. Aber die Menschen wissen, dass sie bei der Polizei arbeitet. Sie kann nicht sich selbst verbrennen."

Schwester war Ortskraft

Eine andere Schwester hat bis 2009 vier Jahre als Ortskraft nahe Masar-e Scharif den Truppen geholfen. Nachdem ihr Mann auf der Flucht verschollen war, ging sie nach Kabul, wo sie jetzt mit ihren zwei Kindern und den Schwiegereltern ist.

Alle haben das eine Problem: "Wie kommen sie zum Flughafen? Es ist viel zu unsicher, vor die Tür zu gehen." Dass die USA ab Dienstag nicht mehr den Flughafen sichern, ist also fast schon nebensächlich, wenn sie nicht einmal dorthin kommen. Rahimi hatte versucht, von Deutschland aus ihrer Familie zu helfen, indem sie verschiedene Helferkreise kontaktierte. Ohne Erfolg.

"Wir wissen nicht, wie wir ihnen helfen können"

Sie schrieb dem Kissinger Landratsamt - es kam keine Antwort. Pressesprecherin Nathalie Bachmann erklärt: "Da sind uns leider die Hände gebunden." Wie in der Berichterstattung der vergangenen Tage sichtbar, sei die Evakuierung der Menschen vor Ort "selbst für die Bundesregierung eine riesige und auch gefährliche Herausforderung" gewesen. "Ein internationaler Einsatz, noch dazu in einem Krisen- bzw. Kriegsgebiet - das ist für uns als Kreisverwaltungsbehörde nicht zu leisten", so Bachmann.

"Wir wissen nicht, wie wir ihnen helfen können", sagt Rahimi. Sie habe viele Dokumente, die die Polizeiausbildung ihrer Schwester belegen, und dennoch werde sie überall verwiesen. Das mache sie manchmal etwas wütend.

Auch in Afghanistan helfe niemand. Das Militär sei 20 Jahre lang vor Ort gewesen - und nun ziehen sich alle zurück und lassen die Taliban einmarschieren. "Warum lassen sie das zu? Sie tun nichts", klagt Rahimi. Sie und ihr Mann verstehen nicht, warum die USA, die NATO, die so stark sind, nicht die im Verhältnis kleine Gruppe von Taliban besiegen können.

"Es kann sein, dass nichts passiert. Oder alle sterben."

Derya Rahimis Mann hat ebenfalls Familie in Afghanistan. Die einen in Kabul, die anderen in Masar-e Scharif. Sie haben zwar keine Berufe, die sie besonders gefährden würden. "Sie haben trotzdem große Angst", sagt er. Aber die Zukunft der Stadt kann das afghanische Paar nichts sagen. Derya Rahimi meint: "Es kann sein, dass nichts passiert. Oder alle sterben."