Die Szenerie ist bezeichnend: Eine Frau steigt aus einem Auto mit Kitzinger Kennzeichen und starrt ungläubig auf die verschlossene Ladentür. "Geschlossen? Wirklich?" Sie kann es nicht glauben. So wie ihr geht es vielen Menschen in Münnerstadt, aber auch in der näheren und weiteren Umgebung. Die Konditorei Kraft ist weit und breit bekannt. Die Lebkuchen und Pralinen sind bis nach Florida und Korea verschickt worden. Doch das alles ist nun Geschichte.

Inhaber Klemens Kraft und seine Mutter Rita Kraft sitzen in der Küche. Normalerweise würde er jetzt in der Backstube stehen und sie hinter dem Tresen - trotz ihrer beinahe 80 Jahre. Doch der Ofen ist heute kalt geblieben und wird es auch in Zukunft bleiben. Jetzt werden die beiden erst einmal alles in Ordnung bringen. Was dann kommt, weiß niemand.

Immer zwei Berufe

"Am 2.
November 1927 haben Emil Kraft und Anna Kraft, geborene Welzenbach, die Bäckerei eröffnet", erzählt Rita Kraft. Damals in dem Haus an der Ecke Hennebergstraße/Gymnasiumstraße. Emil Kraft war Landwirt und hatte auch einen Hof nebenan. Und er war Bäckermeister. "Die Krafts hatten immer zwei Berufe", sagt Klemens Kraft. Der Vater von Emil, Andreas Kraft, war noch Landwirt und Braumeister gewesen. Vom Frühjahr bis Herbst ging es aufs Feld, im Winter wurde gebraut.

Emil Krafts Sohn, Karl Kraft, hat am 25. Oktober 1953 Rita Kraft, geborene Pfeufer, geheiratet. Danach erfolgte die Übergabe des Geschäfts. Die Hochzeitsreise von Karl und Rita Kraft ging für acht Tage nach München. Es sollte ihr letzter Urlaub für 19 Jahre sein. 1970 ließen die beiden den Hof abreißen. Zwei Jahre später wurde in der Hennebergstraße die neue Bäckerei/Konditorei mit Café und Wohnhaus eröffnet.

"Ich bin gar nicht gefragt worden", erinnert sich Klemens Kraft. Von Anfang an war klar: Er wird Bäcker und Konditor. Seine Bäckermeister-Prüfung hat er 1980 in Lochham bei München bestanden, fünf Jahre später seine Konditormeister-Prüfung in Straubing. Unter anderem in der Richmont-Schule im schweizerischen Luzern hat er viel gelernt. Zurück in Münnerstadt hat er dann alles selbst gemacht. Torten, Pralinen und Eis beispielsweise. Und natürlich alles aus der Backstube.

Erinnerungen werden wach

Beim Gespräch werden Erinnerungen an alte Zeiten wach. Das Café hatte früher auch an Sonntagen geöffnet und war besonders bei den Frühschoppen-Gängern sehr beliebt. Doch sieben Tage in der Woche waren einfach zu viel. Dann wurde montags geschlossen. Später wurde der Sonntag der Ruhetag, das Geschäft war seither am Montag geöffnet. 59 Jahre lang hat Rita Kraft hinter der Theke gestanden. Keinen Tag war sie krank. Lediglich bei der Geburt ihrer drei Kinder war sie jeweils für ein paar Tage im Krankenhaus. Das alles hat Spuren hinterlassen. Die Knie sind kaputt.

39 Jahre lang war Klemens im Geschäft. Auch er war keinen einzigen Tag krank. Einen Arbeitstag schildert er so: Um 3 Uhr wird aufgestanden und in die Backstube gegangen. Gegen 11 Uhr widmet er sich dann der Konditorei. Fertig ist er damit etwa um 16 Uhr. Am Abend bedient er noch für eine Stunde im Café, um 19 Uhr ist endgültig Feierabend. Und am nächsten Tag geht es wieder um 3 Uhr raus. Das ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Obwohl die Konditorei und das Café bis zum Schluss sehr gut gelaufen sind, muss er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Die Bäckerei, so sieht er es heute, hätte er schon früher sein lassen sollen "Davon gibt es einfach zu viele."

Die Schüler fehlen in der Stadt

Früher einmal waren viel mehr Schüler in der Stadt, erinnert er sich. Heute werden die Gymnasiasten beispielsweise direkt an der Schule abgeholt. "Münnerstadt ist eine Schulstadt", betont er. Heute sehe man kaum noch Schüler in der Stadt. "Wo es Leute gibt, kannst du ein Geschäft machen, wo niemand rumläuft, geht nichts."

In all den Jahren sind unzählige junge Menschen bei Krafts ausgebildet worden. Konditoren, Bäcker und Fachverkäufer. "Die allermeisten haben wir übernommen", sagt Klemens Kraft. Doch in den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, geeignete Auszubildende zu bekommen, die sich für diese Berufe interessieren. "Mit acht Stunden ist es nicht getan, das ist das Problem." Er weiß es nur zu gut. Denn selbst am freien Sonntag hat Klemens Kraft oft in der Backstube gestanden und die bestellten Torten hergerichtet.

Doch er hat es immer gern getan. Die Schwedenkugeln beispielsweise sind seine Erfindung. Pralinenschachteln tragen die Bilder vom Oberen Tor und dem Heimatspielhaus hinaus in die Welt. Das Packpapier zeigt das Welzenbachhaus am Jörgentor. Die Bäckerei und Konditorei Kraft war immer eng mit Münnerstadt verbunden und ist eigentlich nicht wegzudenken. Doch es ist vorbei.

Nun, einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es immer. Für die Konditorei mit dem Café wollen die Krafts einen Pächter suchen. Es gehen Gerüchte, dass Klemens Kraft dann vielleicht doch noch einmal seinem geliebten Beruf nachgehen wird. "Wenn es gewünscht wird", sagt er. Er weiß zwar noch nicht in welcher Form, aber als Konditor würde er sich gerne mit einbringen. Mit der Bäckerei ist für ihn aber endgültig Schluss.

Neue Stellen gefunden

Die Angestellten müssen übrigens nicht zum Arbeitsamt. Die zweite Konditorin macht gerade eine Umschulung, eine Angestellte ist im Mutterschutz. Die anderen beiden haben neue Stellen gefunden. Nur die Krafts wissen nicht, wie es weiter geht.