Hubert Kirchner führt die kleine Expedition auf dem Abstieg in die Unterwelt des Kissinger Kulturpalastes. "Wir nennen das unsere Katakomben", sagt er. Hier sind keine Toten bestattet, sondern ganz im Gegenteil, hier wird gewerkelt, was das Zeug hält.
Veranstaltungstechniker Fabian Hein repariert ein paar defekte Boxen; zwei weitere, Achim Kaidel und Johann Wehner, untersuchen in einem abgelegenen Gewölbe die unendlichen Lichterketten der Weihnachtsbeleuchtung, die aus 60 Figuren besteht, vom Notenschlüssel bis zur Krippe, sie überprüfen die 20 000 Birnchen, tauschen viele gleich gegen LED-Leuchten aus. "Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?" "Wir müssen rechtzeitig anfangen, um pünktlich fertig zu sein", erklärt Kirchner.

Ausmisten im Labyrinth

Beim weiteren Rundgang, in einem der unendlich anmutenden Gänge unter den Kurgebäuden, stapeln sich ausgediente Teppiche auf Rollen, stehen altertümliche Tischchen und Stühle, an denen ein Antiquar seine Freude hätte. "Alles, was Veranstalter so hinterlassen", sagt der "Fremdenführer". Ausmisten ist angesagt, Großreinemachen in dieser Unterwelt. "Seit Abschluss der Sanierung 2005 haben wir das nicht mehr gemacht. Damals waren es 17 Lkw-Ladungen mit Holzteilen und an die zehn Lkw-Ladungen mit alten Eisenteilen." Das ist schwer zu toppen, diesmal wird es vielleicht nur ein großer Transporter voll. Aber das rege Treiben in der fensterlosen Welt entfaltet ein fremdes Leben, unbemerkt von der Öffentlichkeit; für die geht in den Sälen, in der Wandelhalle, im Café das Leben weiter, als sei dieser "Underground" nicht existent.

Die Arbeit der Unsichtbaren

"Man sieht uns nicht, und das ist auch gut so", sagt Hubert Kirchner, "denn wenn man uns sieht, gibt es ein Problem." Der Mann weiß, wovon er spricht. Der Elektromeister ist Fachkraft für Facility Management. Er steuert alles, was in dieser abgeschotteten Welt geschieht. Und das beeinflusst - sichtbar oder spürbar - Leben, Licht, Wärme und Luft in den darüber liegenden Räumen der eleganten Kurgebäude. Er kennt die Katakomben wie seine Westentasche. "Ich glaube, es gibt hier keinen Raum, nicht eine einzige Stelle, an der ich nicht selbst schon mal Hand angelegt habe", erzählt er. Seit 18 Jahren ist er der Chef der Technik in den Kurgebäuden.
Mit Kirchner und mit Kevin Voll, Fachkraft für Veranstaltungstechnik und Mitarbeiter im Gästeservice, geht es tiefer hinab. Voll hat, obwohl seit fünf Jahren in Diensten der Staatsbad GmbH, die Schächte unter den Arkaden noch nie betreten. Von Kellern zu sprechen, wäre untertrieben: Es ist ein Labyrinth, in dem die Gefahr, sich zu verirren, mit jedem Schritt wächst. "Man kann sich an den Exit-Hinweisen orientieren", beruhigt Kirchner. 2013, wenn der Regentenbau 100-Jähriges feiert, will Kirchner, wenn möglich, auch anderen eine Führung durch die Katakomben und unters Dach des Regentenbaus ermöglichen. Wer sich darauf einlässt, muss sich beugen: Insbesondere in den Kellerräumen, die gern mal vom Saalehochwasser in Mitleidenschaft gezogen werden: Da beträgt die lichte Raumhöhe unter den gewaltigen Ver- und Entsorgungsrohren gerade mal 1,6 Meter. Wohl dem, der kleiner ist.

Von Rohren und Leitungen

Gut 500 Meter Schächte verlaufen unter Regentenbau, Kurgebäude, Arkaden und Wandelhalle, große, aber auch bedrückend enge. Sie dienen - schwarz, rot oder silbern - der Zu- oder Abluft, der Wasserver- und -entsorgung. Sie führen in die Lüftungszentrale oder zu Kälteanlagen. Andere riesige Rohre gehen zu einem Hochwasserbecken, das möglichst alles Wasser auffängt, wenn es denn steigt. Auch eine Pumpe ist bei der Sanierung eingebaut worden. "Der Kellerbereich wird möglichst nicht mehr geflutet", sagt der Elektromeister und zeigt: "So hoch hat das Wasser mal gestanden."
Die Schächte in den Katakomben beherbergen aber auch jede Menge Kabel: Nicht eine, nicht zwei, 50 oder mehr Kabel bilden dicke Stränge aus Stark- und Schwachstromleitungen, führen in unabsehbare Tiefen. "Dutzende Kilometer", sagt Kirchner, will sich aber nicht festlegen, wie viele es tatsächlich sind: "Das ist unmöglich." Trotzdem weiß er genau, wo welche Leitungen hinführen, wo sie abzweigen, welche der Hunderten Steckdosen von ihnen versorgt werden. Ungezählte Hinweisschildchen und Beschriftungen muten an wie Geheimcodes.

Die hilfreiche Elektronik

Diese "Sprache" beherrscht auch Kevin Voll. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem Beleuchtung und Belüftung der Säle bei Veranstaltungen. Zwar wird alles elektronisch gesteuert, am Max-Littmann-Saal etwa bedient er ein in die Wand eingelassenes Board. Aber wenn irgendwo ein Defekt ist, muss er wissen, wo die Stellschraube steckt, die er dann drehen muss. "Wir steuern die Anlage vom PC aus und bekommen Störmeldungen aufs Handy gemeldet", erklärt Kirchner, "und einer ist immer per Handy erreichbar." Seit der Sanierung ist die Technik vom Feinsten. Fehlalarme wie einst kommen heute, auch dank 500 neuer Rauchmelder, praktisch nicht mehr vor.
Trotzdem: "Es ist jeden Tag etwas defekt: Wasserhahn oder Klospülung, Birne, Geländer oder Scheibe." Kirchner steuert sein Team von 16 Mitarbeitern, damit alles passt: "Früher war ich zu 80 Prozent in den Gebäuden unterwegs und 20 Prozent im Büro. Heute ist es umgekehrt." Trotzdem hat er in den Katakomben keinerlei Orientierungsprobleme. Bei jedem Inspektionsgang weiß er exakt, wo er sich befindet und was oben drüber ist. Er kennt die Ein- und Ausstiege, die keiner sieht, obwohl sie da sind: versteckte Türen, zum Beispiel neben dem Rossinisaal, Messingeinfassungen auf dem Parkett des Großen Saals, die verraten, hier kommt der Lastenaufzug hoch, verschiebbare Treppen, die den Bühnenlift verbergen oder solche, die unters technikgespickte Dach führen.
Irgendwann sind wir wieder raus aus diesem Labyrinth. Voller Respekt für die Arbeit all der Unsichtbaren. Erst sie ermöglichen, dass normale Erdenbürger einfach nur zum Konzert kommen und es genießen können.


Fakten:

Schächte Gut 500 Meter Schächte verlaufen unter Regentenbau, Kurgebäude, Arkaden- und Wandelhalle, große Gänge ebenso wie be drückend enge, scheinbar ins Unendliche führende Schächte.

Nutzfläche Die Bad Kissinger Kurgebäude und ihre "Unterwelt" haben 19 500 Quadratmeter Nutzfläche.
Anlagen In den Katakomben finden sich 40 Elektrounterverteilungsanlagen, 15 Unterstationen zur Steuerung der Heizungs- und Lüftungsanlagen, insgesamt 15.