Das hat er ja nun wirklich nicht gewollt. Und wenn er es gewusst hätte, wäre er strikt dagegen gewesen: Dass er die Zeitung aufschlägt, und was sieht er als erstes? Sich! Aber irgendwie muss es die Welt ja erfahren, dass Heinz Steidle heute seinen 80. Geburtstag feiert. Denn auch wenn er kein gebürtiger Kissinger ist, zählt er fraglos doch zum Kissinger Urgestein - was angesichts seines enormen und unverdrossenen Engagements für den Deutschen Alpenverein und seine Sektion Bad Kissingen gar kein so unpassender Titel ist.

Geboren wurde Heinz Steidle am 12. Oktober 1940, im damals noch unzerstörten Würzburg, als zweites Kind des Telegrafenwerkführers Josef Steidle und seiner Frau Josefine. Sein Bruder Toni war bereits 1935 zur Welt gekommen. Kurz vor der schweren Bombardierung der Stadt am 16. März 1945 brachte die Mutter Toni und Heinz bei ihren Eltern in Kitzingen in Sicherheit. Der Vater war immer nur kurze Zeit im Fronturlaub zu Besuch bei der Familie. Anfang 1946 - der Vater war inzwischen aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, -bekam die Familie in Bad Kissingen zwei Zimmer im Allee-Kurheim von Dr. Syassen (heute Haus Altenberg) zugewiesen. Josef Steidle hatte Arbeit als Telegraphentechniker im Telegraphenamt gefunden, und allmählich begann für die Steidles wieder so etwas wie Wohnen. Aber noch ziemlich unstet. Nach kurzer Zeit zog die Familie in Wohnräume über dem Telegraphenamt in der Ludwigstraße und im Frühjahr unter das Dach der Postgarage an der Münnerstädter Straße.

Im September 1947 änderte sich das Leben des sechsjährigen Heinz mit einem Schlag: Er wurde zum Abc-Schützen an der Anton-Kliegl-Grundschule. Vier Jahre später wechselte er ans Gymnasium Bad Kissingen, das er nach der 10. Klasse 1958 mit der Mittleren Reife verließ. Da er seine berufliche Zukunft im Justizwesen sah, ging er für drei Jahre an die Bayerische Rechtspflegerschule auf Schloss Haimhausen bei Dachau, wo er ein Fachstudium für Rechtspflege absolviert. Dann holte ihn erst einmal die Bundeswehr nach Wildflecken.

Sechser im Lotto: Lieselotte

1961 lernte Heinz Steidle im Fasching Lieselotte Pörtner kennen, seinen "Sechser im Lotto". 1962 verlobten sich die beiden, und am 30. Mai 1964 - er hatte gerade den Wehrdienst beendet, sie hatte die Verwaltungsausbildung im Rathaus als Prüfungsbeste abgeschlossen - wurde geheiratet. Ihre erste gemeinsame Wohnung bezogen sie in der Hartmannstraße. 1965 und 1967 wurden ihre beiden Töchter Anja und Silvia geboren. Natürlich wurde die Wohnung zu eng, und die Familie fand ein Haus in der St.-Bruno-Straße.

Im Gegensatz zu seinem Familienleben, in dem er zumindest in den ersten Jahren öfter umgezogen ist, war Heinz Steidles berufliches Leben von großer Sesshaftigkeit. Denn dort, wo er 1958 seine berufliche Laufbahn begann, beendete er sie auch 2003 mit dem Schritt in den vorzeitigen Ruhestand: am Amtsgericht Bad Kissingen. Dort arbeitete er 33 Jahre als Rechtspfleger. Und dort wurde er 2002 auf die Stelle des Geschäftsleiters beim Amtsgericht Bad Kissingen berufen. Denn gefragt waren nicht nur seine Rechtskenntnis und sein Umgang mit den Mitarbeitern und Klienten, sondern auch sein Organisationstalent. Er war unter anderem zuständig für den aufwändigen Umzug der Kissinger Außenstelle von der Hartmannstraße (Haus "Marienruhe") in die Spitalgasse - bei weiterlaufendem Betrieb. Und er war federführend dabei, als es um Grundstückskäufe an der Von-Hessing-Straße und Maxstraße ging, um mehr Raum für das Amtsgericht zu schaffen. Bei der Fertigstellung war er allerdings bereits im Ruhestand. Den er damals mit einem kleinen Geständnis begann: Es war ihm nicht gelungen, in seiner Amtszeit die Stempel von den Schreibtischen des Gerichts zu vertreiben und durch digitale Tools zu ersetzen. Da war er mit seinen Ideen seiner Zeit und seinem Arbeitgeber doch etwas zu weit voraus.

Wer heute den Namen Heinz Steidle hört, denkt allerdings zuerst nicht an den Gerichtsmenschen, sondern an den Bergmenschen: Die Sektion Bad Kissingen des Deutschen Alpenvereins war und ist über viele Jahrzehnte hinweg mehr oder weniger seine zweite Familie: 1962 trat er in die Sektion ein, 1976 holte er die gesamte Familie nach. 1978 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt, und nur zwei Jahre später übernahm er die Führung des Vereins, die er 34 Jahre innehatte. Vor sechs Jahren trat er nicht mehr zur Wiederwahl an. Klar, dass er seitdem Ehrenvorsitzender ist - und Pressewart.

Sektiion erlebt Aufschwung

In diesen 34 Jahren erlebte die Sektion einen enormen Aufschwung. Die Mitgliederzahl stieg von 400 auf 2500, die ein ständig wachsendes Angebot nutzen konnten. Steidle fand einen Gruppenraum in der Steinstraße, der schließlich zum Vereinsheim wurde. 2000 konnte er einen Teil der ehemaligen Squash-Halle im Kasernengelände von der Stadt pachten und zur ersten Kletterhalle umbauen. Zehn Jahre später wurde unter seiner Führung die jetzige große Kletterhalle "no limits" eröffnet.

Der einschneidendste Schritt war allerdings 1993 ein mutiger Schritt, der sich freilich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelte: Die noch kleine Sektion entschloss sich, die Pfrontner Hütte auf dem Aggenstein in den Tannheimer Bergen zu kaufen und umzubauen - und natürlich in Bad Kissinger Hütte umzubenennen. Für das Sektionsteam bedeutete das viele Jahre extremer Anspannung, eines ständigen Hin und Her zwischen Bad Kissingen und Tirol und nicht enden wollender Arbeit. Für Heinz Steidle kam dieser ganze Stress leider zur rechten Zeit. Denn der 27. Februar 1997 wurde zum Katastrophentag für die Familie: Silvia, ihre jüngere Tochter, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. So konnte er Rückhalt und Ablenkung nicht nur in der Familie finden, sondern auch in der Arbeit für die Sektion.

Natürlich gab und gibt es für Heinz Steidle nicht nur die Praxis. Zwölf Jahre war er im Verbandsrat und Hauptausschuss des DAV in München tätig. 2002 war er dabei, als in Bad Kissingen der Vereinsbeirat gegründet wurde. Bis 2009 war er im Vorstand, bis vor einem Jahr noch Mitglied im Plenum. 2004 bekam für sein Engagement die Bürgermedaille der Stadt, 2015 folgte das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste im Ehrenamt.

Heinz Steidle hat sich fit gehalten: "Der rennt dauernd auf die Berge. Der kann gar nicht anders", heißt es in seinem Umfeld. Das muss er ja auch als Mitglied im Hüttenarbeitskreis mit seinen häufigen Arbeitseinsätzen. Dass seine beiden Enkeltöchter Sophia und Pauline seine Liebe zu den Bergen teilen und ihn manchmal auf seinen Touren begleiten, macht ihn glücklich. Und mit seinem Fahrrad macht er, wenn er nicht unterwegs ist, sonntags weite Ausflüge . Langeweile sieht anders aus.

Wegen Corona wird heute am Vormittag im kleinen Kreis mit Freunden und abends mit der Familie gefeiert.