Eigentlich sollte es ganz einfach sein: In Bad Kissingen ankommen, beim Bürgerbüro ummelden, einen Hausarzt finden. Das zumindest hatte Ingmar Kiesel erwartet, als seine Lebensgefährtin Ende Oktober zu ihm nach Bad Kissingen zog. In eine Stadt, die damit wirbt, ein Umfeld für Gesundheit zu bieten. Sein Fazit ein paar Wochen später: "Ich bin echt unzufrieden. Man kann niemandem einen Umzug nach Bad Kissingen raten, wenn die Grundversorgung mit einem Hausarzt nicht gewährleistet ist."

Er erzählt seine Erlebnisse so: Ein paar Wochen nach dem Umzug benötigte seine Lebensgefährtin einen Hausarzt. Die Antwort, die sie am Telefon erhielt, habe immer gleich gelautet: "Wir können keine neuen Patienten mehr aufnehmen." Nach etwa zehn Telefonaten erhielt sie schließlich einen Termin. Die Anfragen der Redaktion bei Hausärzten in Bad Kissingen bestätigen, dass es schwer ist, einen Hausarzt zu finden.

Vor über drei Jahren hatte der damalige Vorsitzende des bayerischen Hausärzteverbandes Dr. Dieter Geis öffentlich gewarnt: "Wir haben in unserem Berufszweig eine starke Überalterung." Wenn sich das in Unterfranken nicht ändere, sei in drei, vier Jahren die Versorgung gefährdet. Blickt man dagegen in den Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ergibt sich ein anderes Bild. Der Atlas gibt an, wie das ambulante Versorgungsangebot der Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten in Bayern ist.Der Landkreis ist in Planungsregionen eingeteilt. Für die Stadt Bad Kissingen und umliegende Gemeinden liegt der Versorgungsgrad im August 2020 bei rund 105 Prozent. Damit stehen dieser Region planungstechnisch gesprochen nicht mehr Ärzte zu.

Wie erklärt sich, dass viele in Bad Kissingen keinen Hausarzt finden, auf der anderen Seite aber ein über hundertprozentiger Versorgungsgrad herrscht? "Eine Antwort ist, dass einige Hausärzte ihren Standort nicht in der Kernstadt Bad Kissingen haben. In der Folge müssen Menschen, die auf der Suche sind, auch Praxen im Planungsbereich anfragen und weitere Wege in Kauf nehmen", sagt Oberbürgermeister Dirk Vogel.

Auch vom Landratsamt heißt es: "Die subjektive Diskrepanz erklärt sich durch die geografische Aufteilung der Bedarfsplanung der KVB im Landkreis Bad Kissingen."

Der Landkreis in Zahlen

Die Verteilung der Hausärzte ist laut dem Atlas so: Bad Kissingen (13), Bad Bocklet (6), Nüdlingen (2), Oerlenbach (2), Münnerstadt (6), Maßbach (6), Rannungen (1). Für den Planungsbereich Bad Brückenau gibt der Atlas folgende Zahlen an: Bad Brückenau (10), Wildflecken (1), Zeitlofs (1), Schondra (2), Burkardroth (2). Für den Planungsbereich Hammelburg werden folgende Zahlen angegeben: Hammelburg (13), Fuchsstadt (1), Elfershausen (1), Euerdorf (3), Oberthulba (3).

Die zumutbare Entfernung definiert die KVB auf ihrer Homepage so: Bei Ärzten der allgemeinen fachärztlichen Versorgung sei, vom eigenen Wohnort ausgehend, eine Fahrzeit von 30 Minuten oder 30 Kilometern zumutbar. Viele Menschen wünschen sich aber, einen Arzt in der Nähe zu finden, deshalb haben Ärzte in der Kernstadt besonders viele Patientenanfragen.

Bundesweite Vorgaben

Der stellvertretende KVB-Pressesprecher Axel Heise schreibt dazu: Es gebe bundesweite Vorgaben auf der Basis des Sozialgesetzbuches V. "Von diesen Zahlen, die im Prinzip am "grünen Tisch" in Berlin entstehen, kann die gefühlte Realität in den einzelnen Regionen Deutschlands durchaus abweichen."

Ein Hausarzt sollte in Bayern nicht mehr als 1609 Patienten versorgen müssen. Die Zahl war zu Beginn des Jahres von 1671 Patienten pro Hausarzt um 62 Personen abgesenkt worden, da die Bevölkerung in Deutschland insgesamt älter wird, teilt die KVB mit. Zu viel, sagt ein Hausarzt aus dem Landkreis. Bei rund 1200 Patienten sei die Auslastungsgrenze von Praxen erreicht. Hinzu komme, dass Bad Kissingen eher eine ältere Einwohnerschaft aufweise.

Auch die Ärzte werden älter. Das Durchschnittsalter der Ärzte liegt im Planungsbereich Bad Kissingen bei 60,6 Jahren, im Bad Brückenauer Bereich bei 58,6 Jahren. Als Vergleich: Das Durchschnittsalter der Hausärzte in Bayern liegt deutlich niedriger bei 55,2 Jahren.

Dirk Vogel ist sich des Problems bewusst. Auch er habe bereits viele Rückmeldungen von Hausärzten aus Bad Kissingen und Menschen, die in Bad Kissingen einen Hausarzt suchen, erhalten. "Die Möglichkeit einen Termin beim Arzt zu bekommen, ist die Voraussetzung für alle weiteren Leistungen aus der Krankenversicherung. Eine Versorgung mit Ärzten in einer Stadt trägt entscheidend zu ihrer Attraktivität bei."

Er weißt aber darauf hin, dass das System der Krankenversicherung nicht in die Zuständigkeit der Stadtverwaltung falle, sondern der Sicherstellungsauftrag der ambulanten haus- und fachärztlichen und der psychotherapeutischen Versorgung bei der KVB liege.

"Trotzdem trägt die Versorgung mit Haus- und Fachärzten entscheidend zur Attraktivität einer Stadt bei. Dementsprechend ist die ärztliche Versorgung für mich als Oberbürgermeister selbstverständlich ein Themenfeld, um das ich mich kümmere", sagt Vogel.

Nachfolge muss geklärt werden

"Wir werden im Planungsbereich zahlreiche Nachfolgen in den Praxen in den nächsten Jahren stemmen müssen. Dass das nicht einfach ist, wissen wir aus der Vergangenheit. Wir befinden uns hier in einem Wettbewerb mit anderen Regionen." Es brauche eine strategische Herangehensweise: Die Stadtverwaltung werde alle relevanten Informationen für Ärzte zusammentragen, die für Bad Kissingen als zukünftigen Standort sprechen. Dabei gehe es auch um den Status der ambulanten und stationären Versorgung, aber auch um weiche Faktoren wie Wohnpreise und Schulversorgung. Außerdem wolle man Ärzte ansprechen, die aus Bad Kissingen stammen und aktuell nicht hier praktizieren. Dirk Vogel plant auch, sich vom Kommunalbüro für ärztliche Versorgung im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) beraten zu lassen. Und er will mit Ärzten in Kontakt treten, um Übergänge bei der Praxisübergabe zeitlich genauer zu planen und gemeinsame Initiativen zu starten.

Das Landratsamt weißt auf ein Stipendiaten-Programm des Gesundheitsministeriums hin, das Studierende für eine Tätigkeit auf dem Land begeistern will. Außerdem biete das LGL Unterstützung bei der Niederlassung und Fördermöglichkeiten bei Praxisgründungen und -übernahmen.

"Die Politik kann aktiv attraktive Praxisräume anbieten", schlägt Axel Heise vor. Auch Arbeitsmöglichkeiten für den Lebenspartner sowie gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder könnten gute Argumente sein, sich in einem Ort anzusiedeln. Was macht Ingmar Kiesel solange sich nichts ändert? "Im Notfall warte ich, bis ich dran komme."

Unser Tipp:

Sie finden keinen Hausarzt?

Vermittlung Patienten, die keinen Hausarzt finden, können sich an die Terminservicestelle der KVB unter der Rufnummer 116117 wenden. Die KVB verspricht: Dort bekommen Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin vermittelt. Das gilt auch für Termine bei Fachärzten und Psychotherapeuten.

Anmerkung

In einer früheren Version des Onlineartikels haben wir nur die Planungsbereiche Bad Kissingen und Bad Brückenau angegeben. In der aktuellen Version des Artikels finden Sie auch die Zahlen für den Planungsbereich Hammelburg (Quelle: Versorgungsatlas KVB, Stand: August 2020). Wir bedanken uns bei einem unserer Leser für den Hinweis. (21.12.2020, 09:47 Uhr, wns)