Bad Kissingen — Ein Kuriosum ist in Bad Kissingen gefunden worden - Holzfiguren im Dienst der Kriegspropaganda aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die handwerklich gut gemachten Figürchen, zwei Handbreit hoch, signiert "C P" oder "C D" und wohl aus Oberbayern stammend, müssen 1914/15 entstanden sein. Die Figuren verkörpern einen Feindeshass, den man sich heute zumindest in Deutschland nicht mehr vorstellen kann.
Im Grunde sind es geschnitzte Karikaturen der gehässigen Art.
Die Hetzfiguren wurden in einem inzwischen geschlossenen, traditionsreichen Bad Kissinger Lokal in der Prinzregentenstraße gefunden. Nach dem Einwohnerbuch der Stadt Bad Kissingen 1928/30 gab es in der Prinzregentenstraße 2 eine "Kahlbaumstube" (Inh. Kraft-Koob), nach dem Einwohnerbuch 1934/36 eine "Künstlerklause" (Inh. Hans Hacklinger), die der Wirt Josef Huber, angeblich aus Niederbayern, 1934 als Pächter und später unter dem Namen "Hubers gute Stube" fortführte. Das Lokal war noch im Adressbuch 1955/56 unter "Bars" aufgelistet. 1938 kam Franziska Brandmeier aus München, die das kleine Lokal pachtweise weiter betrieb, ab 1958 unter eigenem Namen. "Bei Fränzi" hatte in der Nachkriegszeit den Ruf einer Nachtbar ohne Sperrstunde. Wenn andere Lokale längst geschlossen hatten, bekam man "Bei Fränzi" nach 3 Uhr morgens noch eine scharfe Gulaschsuppe und die nötigen Löschflüssigkeiten.
Nach dem Ausscheiden der Wirtin fand man die Figuren verpackt im Keller. Sie hatten vermutlich seit den Zeiten von Sepp Huber unbeachtet auf einem Regal gestanden.
Zwei Dreiergruppen versinnbildlichen die drei Feindstaaten Frankreich, Großbritannien und Russland.
In der Anfangsgruppe hat sich eine vollbusige Marianne mit Jakobinermütze bei einem Russen mit typischen Kittel und Pelzmütze und einem Engländer mit Zylinder untergehakt. Nach dem Text am Sockel marschieren sie siegesgewiss "à Berlin". In der zweiten Szene "Die Heimkehr" humpeln sie geschlagen im Gänsemarsch zurück.
Die Einzelfiguren befassen sich gehässig mit den maßgeblichen Persönlichkeiten der Feindstaaten. Der ranghöchste war der russische Zar Nikolaus II..Von vorne gesehen streckt "Nikolaus der Friedliche" - in einer Kutte wie das "Münchner Kindl" - die Freundeshand aus, während er hinter dem Rücken in der linken Hand den gezückten Dolch trägt.
Noch schlechter kommt König Peter I. von Serbien weg. Die erste Einzelfigur zeigt ihn mit dem spöttischen Untertitel "Peter der Große" mit einer Bombe in der Hand. Die zweite Figur zeigt ihn mit der Beschriftung vorne am Sockel: "Sauer schmecken Franzens Hiebe dem König aller Hammeldiebe". Schmerzlich hält König Peter die Hände vor das Gesäß, auf das er Hiebe bekommen hat. Mit "Franz" war offenbar der österreichische Kaiser Franz-Josef gemeint.
Die weiteren Einzelfiguren befassen sich mit den maßgeblichen Ministern der Feindmächte, Théophile Delcassé (1852-1923) war von 1914 bis 1915 Außenminister. Der glatzköpfige Mann mit mächtigem Schnauzbart und der "Melone" in der Hand ist am Sockel (nicht nachvollziehbar) beschrieben mit: "Die Großen laufen frei herum".
Die zweite gehässige Karikatur befasst sich mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré (1860-1934). Die geschnitzte Karikatur zeigt ihn als einen ängstlich nach oben schauenden Mann, der offensichtlich die die damalige inoffizielle deutsche Nationalhymne "Die Wacht am Rhein" (Es braust ein Ruf wie Donnerhall...") als aufziehenden Orkan fürchtet. Die Schärpe ist farblich missglückt, sie müsste blau-weiß-rot sein.
Der dritte westliche Alliierte war der damalige britische Premierminister Herbert Henry Asquith(1852-1928) . Unklar ist der Spruch am Sockel: "Ich bin erblich belastet.....!" unverständlich.