Melissa Gastl sitzt morgens im Homeoffice und wartet auf den Beginn eines Online-Meetings. Schnell möchte sie im Vorfeld ihre Französische Bulldogge noch kurz ausführen. Sie öffnet die Tür und erstarrt. Direkt vor ihrem Eingang sitzt eine Schleiereule auf dem Boden. "Die Eule hat mich mindestens so erschrocken anschaut, wie ich sie", so erzählt die 28-Jährige.

"Eine Eule vor der Haustür, das hat man dann doch nicht jeden Tag", ergänzt sie lächelnd. Geistesgegenwärtig bringt sie zuerst ihren Hund zurück in die Wohnung und schaut sich nach einem Umzugskarton um. Hiervon hat sie noch reichlich, liegt ihr Umzug in die neue Wohnung ja erst kurze Zeit zurück. "Mir war klar, dass etwas mit der Eule nicht stimmen kann, und ich überlegte sie einzufangen und zu sichern", so Gastl, die dann ausgestattet mit Karton und Handtuch vorsichtig wieder vor die Haustür tritt.

Die Eule hüpft tiefer ins Gebüsch, wirkt recht kraftlos. Die junge Frau kommt näher, und unverhofft setzt die Eule zu einem kurzen Flug an und landet in einem anderen Garten. Melissa Gastl entscheidet sich dafür, die Eule erst einmal verschnaufen zu lassen und geht kurz zurück, um sich in das Online-Meeting einzuklinken. Nach einiger Zeit geht sie hinüber und sieht, dass die Eule immer noch an der gleichen Stelle sitzt.

"Da ich nicht wusste, was ich jetzt am besten machen kann, rief ich eine Tierärztin an, wissend, dass ich vermutlich nicht ganz an der richtigen Stelle bei ihr bin, aber ich wusste ja auch nicht, wohin ich mich zwecks einer Eule wenden kann", sagt sie. Glücklicherweise kannte die Tierärztin einen Falkner, den sie zwecks des Einfangens, Mitnehmens und Beobachten des Vogels kontaktierte. Geistesgegenwärtig schickte Melissa Gastl der Tierärztin ein Foto mit, da sie zu diesem Augenblick selbst noch nicht wusste, welche Eulenart es war.

Auch der Falkner sollte sehen, welches Tier auf ihn wartete, das gesichert und gerettet werden soll. Einige Minuten später kündigte die Tierärztin den Falkner Matthias Büttner an, der allerdings eine Dreiviertelstunde bis zum Fundort brauchen würde. Es wäre gut, die Eule so lange im Auge zu behalten, so Tierärztin Stein.

Nachbarschaftshilfe

Gastl tat ihr Bestes und engagierte Nachbarn, die so lange auf das Tier achteten. Der eintreffende Falkner fand den Vogel unter einem Gestrüpp und sicherte ihn. Bei der Eule handelte es sich um eine normalerweise nachtaktive Schleiereule, die keine offensichtlichen Verletzungen aufwies. "Ich gehe davon aus, dass sie irgendwo dagegen geflogen ist", sagte Büttner. Er wolle die Eule mitnehmen, beobachten und wenn das Tier sich erholt, es nach Hammelburg zurückbringen.

"Die Schleiereule hat Glück gehabt", ergänzte der in Wirmsthal ansässige Matthias Büttner, auf tierische Feinde wie Marder hinweisend. Selbst züchtet er Falken für den jagdlichen Gebrauch. Die Liebe zu den gefiederten Freunden begleitet ihn bereits ein Leben lang. Schon in Kindertagen gab es Falken bei ihm zu Hause und nahm auch verletzte Vögel auf. Heute ist er beim Landesbund für Vogelschutz engagiert und kontrolliert dreimal jährlich beispielsweise 50 Röhren in Ramsthal, Wirmsthal, Oerlenbach und Eltingshausen, in denen zum Beispiel Steinkäuze brüten.

Verunfallte Greifvögel

Büttner betrachtete die Eule, die er in den Händen hält, erneut. "Sie ist gut genährt", meinte er. Er hoffe, dass sich die Eule schnell erholt, damit sie für die aktuelle Brutsaison als Elterntier nicht ausfällt. Sollte sie sich nicht mehr richtig erholen und könne man sie nicht mehr auswildern, würde er diese Schleiereule in die Obhut des Wildtierparks Klaushof geben, so Büttner, der auch oft gerufen wird, wenn zum Beispiel Greifvögel - oft Käuze, Bussarde oder Falken - mit einem Auto kollidierten und Hilfe brauchen.

Zu seiner Erleichterung konnte er den Vogel, der den Tag aufgrund seines Anflugtraumas in einer abgedunkelten Kiste verbrachte, abends wieder an seinen angestammten Lebensraum in Hammelburg in die Freiheit entlassen. "Der Schleiereule ging es wieder gut, sie ist sofort weggeflogen", so Matthias Büttner. Der Raubvogel, ein Männchen, wie von Büttner zu erfahren war, hatte viel Glück im Unglück. Er wurde gefunden, fachmännisch versorgt und wieder freigelassen.

Die richtige Einstellung

"Ich habe es gerne gemacht, es ist ein sehr schöner Vogel. Nichts zu seiner Sicherung beigetragen zu haben, hätte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können", so Melissa Gastl, die nicht weggeschaut hat, als ein Wildtier ihre Hilfe brauchte. Sie ist sich bewusst, dass man gegenüber jedem Lebewesen, das Hilfe braucht, eine Fürsorgepflicht hat.

Die Schleiereule gilt in Bayern als gefährdet. Sollte Melissa Gastl wieder ein hilfloses Tier - vielleicht sogar vor ihrer Haustüre finden - so ist eines gewiss: Sie wird es nicht im Stich lassen.