"An das Gute erinnert man sich, das Schlechte wird schnell vergessen." Diese Aussage von Werner Kneißl zog sich wie ein roter Faden durch den Erzählabend "Erlebt & Erzählt" der Stadtbibliothek Hammelburg. Sie hatte ihn als Zeitzeugen zum Thema "Flucht und Vertreibung" eingeladen.
Kneißl ist Jahrgang 1930 - "ein ganz ein mieser Jahrgang!" - und wurde im Egerland geboren. Sein Heimatort Sichdichfür liegt in der Nähe von Marienbad, heute Tschechien. Er ging in eine deutsche Schule und hatte anfangs wenig vom Krieg mitbekommen. Der Vater musste einrücken, und die Mutter war besorgt um das einzige Kind, so dass der kleine Werner froh war, wenn er ausbüxen und mit seinen Freunden zum Schwimmen gehen oder die Verwandtschaft besuchen konnte.


Über Umwegen an die Saale

Die Lage verschlimmerte sich nach und nach, Essen wurde knapp, und im März 1946 wurde er zusammen mit seiner Mutter gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Zwei Tage hatten sie Zeit zu packen. Nur 50 Kilo an Gepäck durften sie mitnehmen, und die wenigen Habseligkeiten wurden nochmals willkürlich dezimiert. Der Zug brachte sie zuerst nach Hünfeld in Hessen, weitere Stationen waren Frankfurt und Gießen. Nach Hammelburg kam Kneißl über die Bundeswehr. Seine Frau war bereits mit im Transport, aber die beiden kannten sich da noch nicht.
Ein Zuhörer wies auf die Rolle der Mütter hin: Sie hätten die Hauptlast getragen. "Ich bewundere meine Mutter noch heute dafür, was sie auf der Flucht geleistet hat", meinte Kneißl. Was bedeutet für ihn Heimat? Ohne zu zögern antwortet Kneißl: "Das Egerland ist meine Heimat!"


Positive Ausstrahlung

Sehr schwer war es für ihn, dass er 40 Jahre nicht dahin zurückkehren durfte, da er bei der Bundeswehr gearbeitet hat. "Marienbad? Es gibt nichts Schöneres!" Kneißl erzählt begeistert, wie schön die Stadt jetzt hergerichtet ist und empfiehlt jedem, hinzufahren.Vorwürfe und Beschuldigungen: Fehlanzeige. Auch von Verbitterung keine Spur. Ebenso wenig erzählt er von Feindseligkeiten, die den Fremden in der neuen Heimat mit Sicherheit entgegenschlugen. Für ihn ist wichtig, dass er und seine Mutter überlebt haben. Seine positive Ausstrahlung zeigt sich auch in seiner Musik: Werner Kneißl zithert - er unterhält das Publikum am Anfang und am Schluss mit traditionellen Liedern auf seiner Zither.
Moderator Ernst Stross, dessen Eltern ebenfalls Egerländer waren, entlockte Werner Kneißl manche interessante Erinnerung. Insgesamt wurden etwa drei Millionen Sudetendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Mitgenommen haben sie keine materiellen Güter - aber Fleiß, Ausdauer, Sparsamkeit und Glauben hatten viele im Gepäck dabei. Der Heimatverlust hat teilweise Generationen geprägt. Deshalb ist es wichtig, sich klarzumachen, was es früher, aber auch heute bedeutet, eine Heimat zu verlieren. Die Menschen mussten nach außen funktionieren, sie mussten sich anpassen und anpacken. Aber hinter verschlossenen Türen wurde um die verlorene Heimat getrauert.
Werner Kneißl hat die Erinnerung bewahrt und lange das Gedenkkreuz für die Heimatvertriebenen im Friedhof zusammen mit seiner Frau gepflegt.
Die Veranstaltungsreihe "Erlebt & Erzählt" hat die Stadtbibliothek anlässlich des Stadtjubiläums ins Leben gerufen. Erlebtes soll bewahrt werden, indem Zeitzeugen zu bestimmten Themen erzählen. Der nächste Termin ist am Dienstag, 12. April. Als Gast kommt Winfried Breun und erzählt zum Thema Blasmusik in Hammelburg. red