Jedes Jahr am letzten Juni-Wochenende veranstaltet die bayerische Architektenkammer die Architektouren. Dadurch erhalten einige der bayerischen Architekten die Möglichkeit, ihre geplanten und anschließend realisierten Objekte vorzustellen. Neben Bauten aus den Bereichen Landschafts- und Innenarchitektur sind auch Objekte aus der Stadtplanung mit dabei. In diesem Jahr läuft die Veranstaltung zum Thema Architektur baut Zukunft. "Es gibt fast kein passenderes Objekt zum diesjährigen Motto, als einen Kindergarten. Unsere Zukunft wird schließlich schon dort geprägt", ist der Architekt der neuen Kindertagesstätte in Thulba, Marcus Seifert aus dem Architekturbüro "hessdörfer seifert architekten", der Meinung. Deshalb entschied er sich schließlich auch für eine Bewerbung der Kindertagesstätte St. Elisabeth bei den Architektouren. Mit Erfolg: Neben dem Kindergarten wurden noch weitere 166 Objekte von einer Fachjury ausgewählt - allerdings ist kein weiteres aus der Region mit dabei. Doch nicht nur das Motto der Veranstaltung passt perfekt zur Kindertagesstätte, auch die Architektur des neuen Gebäudes hat einiges zu bieten.

"Unser Wunsch ist es, die alten Dorfkerne, wenn es wirtschaftlich möglich ist, so gut es geht zu erhalten", äußert sich der Bürgermeister der Gemeinde Oberthulba, Mario Götz, im Gespräch. Das sei einer der Gründe, warum das am Kindergarten bereits bestehende Schwestern- und Marienheim in die neue Gebäudestruktur mit eingegliedert wurde. "Es ist für mich natürlich immer einfacher, alles abzureißen und von Grund auf neu zu planen", beschreibt der Architekt. Aber nicht immer sei das auch die beste Lösung. Die beiden Bestandsgebäude wurden also erhalten, renoviert und an den neuen Erweiterungsbau angepasst. "Wir haben versucht die dörfliche Struktur zu erhalten, allerdings etwas modern zu interpretieren", erklärt Seifert. Um den Gesamteindruck abzurunden, wurden noch grüne Fensterläden an die beiden ehemaligen Heime angebracht.

400 Quadratmeter mehr

Auch beim Dach des gesamten Gebäudes wurde auf die Eingliederung in die umliegende dörfliche Struktur großen Wert gelegt. Deshalb wählte Seifert ein steiles Satteldach mit roter Ziegeleindeckung, ähnlich den umgebenden Dächern, aus. Das große Bauvolumen des Erweiterungsbaus konnte schließlich durch mehrere lange Baukörper geschickt gegliedert und proportioniert werden. So entstanden interessante Innen- und Außenbereiche. Die Nutzfläche des Kindergartens vergrößerte sich damit von den ursprünglichen 700 auf ungefähr 1000 Quadratmeter. "Einige Teile des vorherigen Gebäudes waren allerdings nicht mehr richtig nutzbar, weshalb wir faktisch vermutlich sogar eine Vergrößerung von insgesamt 400 Quadratmetern haben", merkt der Architekt an. Und: Während der Bauphase gelang es den Verantwortlichen, noch ein zusätzliches Baugrundstück zu erwerben, wodurch auch die Nutzfläche des geplanten Innenhofes nochmal deutlich vergrößert werden.

Besonders geachtet wurde, sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung der Umbauarbeiten, auf eine nachhaltige Bauweise. Vor allem bei der Auswahl der Baumaterialien spielte das Thema eine bedeutende Rolle. Aus diesem Grund entstanden die Außenwände beim Erweiterungsbau als Holzständerwände mit einer Dämmung aus Zellulosefasern und Holzfaserdämmplatten. Die Fassade wurde teilweise mit Holz verschalt, teilweise verputzt. Auch im Innenbereich wurde das Thema Nachhaltigkeit wieder aufgegriffen. Verlegt wurde ein schadstofffreier Bodenbelag aus Linoleum und Fliesen.

Holz aus Oberthulba

Durch große Fensterfronten aus Alu und Eichenholz soll möglichst viel Tageslicht in den Innenbereich des Gebäudes gelangen. "Es war mir wichtig, dass das Gebäude möglichst lichtdurchflutet ist", erzählt Seifert. So könne zusätzlich eine Menge Energie gespart werden. "Energetisch sind wir weit über den aktuell geforderten Standard gekommen." In der Gebäudehülle unterschreitet der Energiebedarf die aktuellen ENEV Anforderungen um 50 Prozent. Auch eine eigene PV - Anlage für den Kindergarten ist bereits im Gespräch.

Neben der Nachhaltigkeit hat allerdings noch eine weitere Besonderheit sowohl bei der Innen- als auch bei der Außengestaltung eine große Rolle gespielt: die Regionalität. Das Holz für die Douglasien-Verschalung des Außenbereichs kommt aus dem Gemeindewald in Oberthulba und wurde anschließend ausschließlich von regionalen Firmen weiterverarbeitet. Ähnliches bei den Möbeln im Innenbereich.

Besichtigungen möglich

Im Rahmen der Architektouren kann die Kindertagesstätte am 25. und 26. Juni jeweils von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Und: Die offizielle Einweihung des Kindergartens konnte Corona-bedingt eine lange Zeit nicht stattfinden. Am kommenden Samstag, 25. Juni, soll diese nun ebenfalls stattfinden. Die Feierlichkeiten starten mit einem Gottesdienst in der St. Lambertus-Kirche in Thulba mit Domkapitular Clemens Bieber, anschließend folgen einige Grußworte und Ansprachen. Wichtig: Die Einweihung beginnt bereits um 10 Uhr, nicht erst um 10.30 Uhr wie es im Pfarrbrief steht.