Meterhohe Stapel von braunen und riesigen weißen Säcken mit der Aufschrift "Naturland" liegen in der Halle bereit. Auf dem Zehntfreyhof der Familie Neder in Ramsthal herrscht gerade Hochbetrieb. Während es andere Landwirtschaftsbetriebe in den Wintermonaten ruhiger angehen lassen, "ist bei uns gerade Hochsaison", sagt Julia Herrle, "denn die Bauern wollen im März, April säen".
Sie ist die Tochter von Christine und Günter Neder und arbeitet und wohnt mit ihrem Mann Jürgen auf dem Zehntfreyhof, der zusammen mit seinen Partnern in Wartmannsroth und Detter für ökologische Pflanzenzüchtung und Saatgutvermehrung den Bundespreis erhielt. Beide sind außerdem bei Naturland angestellt. Während Julia sich mit Spezialisierung auf den Ackerbau kümmert, berät Jürgen deutschlandweit in Sachen ökologische Schweinehaltung. Jedenfalls bis Ende des Jahres, dann will er sich ganz auf den Ramsthaler Betrieb konzentrieren. "Wir sind das gallische Dorf, umringt von großen Saatzuchtfirmen, die auf Gentechnik setzen", sagt Herrle und lacht.


Autark werden

Die ökologische Züchtung von Saatgut ist viel Handarbeit. Im Züchtungsgarten von Werner Vogt-Kaute werden verschiedene Sorten selektiert und später in kleinen Parzellen überprüft. Nur was als gut befunden wird, wird als Basis- und später zertifiziertes Saatgut auf dem Zehntfreyhof angebaut und vermehrt.
Den beiden ist wichtig, dass zum einen wieder mehr heimisches Eiweiß-Futter produziert wird, um einerseits Abholzung und Ausbeutung der Dritten Welt zu verhindern und andererseits unabhängig von Eiweißimporten zu sein. Zum anderen dürften die großen Saatgut-Firmen keine Monopol-Stellung bekommen, damit sie irgendwann komplett den Preis allein bestimmen können, sagt Julia. Deshalb steckt das Ehepaar Herrle, die beide Landwirtschaft studiert haben, sein Knowhow in die ökologische Züchtung und Saatgut-Vermehrung.
Den Grundstein dafür legten Christine und Günter Neder bereits vor 25 Jahren, als sie ihre Landwirtschaft auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt haben. Sie gaben ihre Tiere weg und stellten auf Saatgut-Vermehrung um. Werner Vogt-Kaute, der die Züchtung übernimmt, fand in ihnen einen guten Partner.


Anstoß zum Umdenken

Die Anbauflächen für Hülsenfrüchte wie Ackerbohne, Erbse und Lupine, auch Leguminosen genannt, waren über viele Jahre hinweg deutlich zurückgegangen, auch im Ökologischen Landbau. Stark schwankende Erträge und eine schwache Unkrautunterdrückung machten den Anbau für Biobauern unattraktiv.
Doch damit wollten sich die Naturland Betriebsleiterin Kornelia Vogt und ihre Kollegen Ralf Henninger und Günter Neder nicht zufrieden geben. Gemeinsam mit Michael Konrad, Ressortleiter Saatgut bei der Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG, begann die Marktgemeinschaft, die Züchtung und Vermarktung von Leguminosen speziell für den Ökolandbau voranzutreiben, um den Bedeutungsverlust zu bremsen.
Und das mit Erfolg: Sie entwickelten Winterformen von Leguminosen, die sich aufgrund ihrer Langstrohigkeit durch eine gute Unkrautunterdrückung auszeichnen und zudem unempfindlicher gegenüber Frühjahrstrockenheit sind. Die Sorten "Pandora" und "Specer" sind weißblühende und damit tanninarme (gerbstoffarme) Wintererbsen-Linien. Diese sind nicht so bitter wie die bisherigen buntblühenden und "schmecken Schweinen und Geflügel besser", weiß Jürgen Herrle. Rind dagegen sei das völlig egal. "Wintererbsen könnte man auch versuchen im konventionellen Anbau zu verwenden. Die werden im Herbst angebaut und verranken sich schnell. Im Frühjahr sind die schon so groß, dass kein Pflanzenschutzmittel mehr nötig ist", erläutert Julia Herrle.


Preis als Anerkennung

Die Silos auf dem Zehntfreyhof können 800 Tonnen Saatgut lagern. Zudem ist der Ramsthaler Betrieb oberhalb der Ortschaft Umschlagplatz für alle Bestellungen der Marktgesellschaft. Von hier kommen und gehen die Lkw überall hin. "In der Hauptsaison werden hier 80 Tonnen pro Tag umgesetzt", erzählt Julia Herrle.
Der Preis im Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau ist vor allem eine Anerkennung ihrer Arbeit. Bislang sind ihre Züchtungen in Deutschland salopp gesagt "nur für den Schweinetrog".
Aber Ackerbohnen zum Beispiel sind in Ägypten ganz normales Nahrungsmittel. Vielleicht wird das ein Projekt von Werner Vogt-Kaute auch bei uns ändern. Im Soja-Bereich ist der gedankliche Wandel ja längst vollzogen.