"Dann mussten wir von dem kleinen auf das große Boot springen. 150 Menschen", berichtet Osama Ajjan von einem Kapitel seiner Flucht. "Es war starker Wellengang und eiskalt. Eine schwangere Frau war auch dabei. Wir haben zusammen geholfen, dass sie es schafft. Es war sehr knapp."

Seine Hände und seine Stimme werden unruhig, während er die Episode erzählt, sein Gesicht spannt sich an. Es wirkt, als würde er den Moment nochmals erleben. Das scheinen auch die rund 70 Schüler in der Aula des Frobenius Gymnasiums in Hammelburg zu spüren, die für große Schülergruppen erstaunlich still sind. Ajjan spricht den Vortrag auf Deutsch.


Leben in Syrien

Osama Ajjan ist Chemiker. In der Nähe von der syrischen Hauptstadt Damaskus habe er eine gute Anstellung gehabt, wie er berichtet. Er ist 32 Jahre alt, in Palästina geboren und lebte von frühester Kindheit an bis etwa vor einem Jahr in Damaskus. "Syrien war sehr offen und tolerant, es gab viele Chancen", sagt Ajjan. Die ersten Bilder seines Vortrages zeigen ein anderes Bild von Syrien, als es derzeit in den Medien zu sehen ist: eine Silvester-Feier mit großem Feuerwerk, belebte Straßen, historische Gebäude und Moscheen sowie Fotos seiner beiden Kinder. Er betont, auch christliche Freunde gehabt zu haben und dass Syrien kein fundamentalistisches Land sei. Die terroristische Miliz Islamischer Staat (IS) bezeichnet er als eine "falsche Macht", die in Syrien keine Berechtigung habe.


Kein Kanonenfutter

Als sich der Widerstand gegen Bashar al-Assad in der Bevölkerung um das Jahr 2011 verstärkte und schließlich der Bürgerkrieg ausbrach, habe sich Ajjan wie viele seine Freunde nicht für eine Seite entscheiden wollen. "Wir wollten nicht als Kanonenfutter benutzt werden, weder für die Regierung noch für die Rebellen", sagt er. Ajjan wollte nur in Frieden mit seiner Familie leben. Das wurde aber zunehmend schwieriger.

Während einer der zahllosen Schießereien traf eine Kugel seine Schulter. Er hatte nur einen Parkplatz suchen wollen. "Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt er. Auf dem Weg zur Arbeit wurde er immer öfter kontrolliert, Bomben und Raketen fielen auf die Hauptstadt, das Haus seines Onkels wurde zerstört. Als dann seine Mutter krank wurde, beschloss er, die Flucht anzutreten. "Um meinen Kindern eine friedliche Zukunft zu ermöglichen", sagt Ajjan. Anfang November des Jahres 2014 machte er sich auf den Weg. Einen vollen Monat war er unterwegs. Unter Lkw-Planen und unter Deck.


Lange beschwerliche Flucht

Er habe sein Auto verkaufen müssen, um die Flucht zu bezahlen, die etwa 6500 US-Dollar gekostet haben soll. Seiner Frau und seinen Kindern habe er die gefährliche Route über das Mittelmeer nicht zumuten können. Er will sie auf legalem, sicherem Wege nachholen. Gemeinsam mit Freunden machte er sich auf die beschwerliche Reise. Zunächst in die Türkei. Normalerweise eine rund sechsstündige Fahrt, die aber wegen verschärfter Kontrollen und Wartezeiten etwa 18 Stunden dauerte. In Istanbul und Mersin verbrachte die Gruppe viel Zeit mit Verstecken und Warten. Warten darauf, dass 150 Leute zusammenkommen. Damit es sich für die Schlepper lohnt, ein Schiff aufzutreiben.

Nach zwei Wochen ging es los aufs Mittelmeer, wie eingangs beschrieben vom kleinen auf das große Boot. Drei Stockwerke hatte das zweite Schiff, doch die Flüchtenden mussten unter Deck bleiben. "Die meisten wurden seekrank und haben 20 Stunden lang gebrochen. Es hat gestunken, war eng und stickig", beschreibt Ajjan. Bilder von eng aneinander liegenden Flüchtlingen verdeutlichen seine Worte"Wir fuhren los in dem Bewusstsein, sterben zu können", sagt er. "In unserem Glauben wäre das dann Schicksal. Und es ist immer noch besser, es zu versuchen und dabei zu ertrinken, als zuzusehen, wie die Familie im Krieg stirbt."


Hammelburg statt Hamburg

Kurz vor der Küste rief der Kapitän des Fluchthelferbootes bei der italienischen Marine an und versteckte sich mit seiner Mannschaft bei den Flüchtenden. "Die italienischen Soldaten waren sehr nett und haben ihr Essen mit uns geteilt", sagt Ajjan. In Italien waren sie dann fünf Tage im Gefängnis. Die Flüchtlinge wurden als Syrer identifiziert und nach Mailand gebracht, die Schlepper wurden enttarnt und ihr Schiff versenkt. Die große Gruppe der Flüchtenden verbrachte zwei Tage am Bahnhof von Mailand, wo sich laut Ajjan gut um sie gekünmmert wurde. Von dort ging es über Nizza nach Paris und schließlich nach Stuttgart. "Eigentlich wollten wir zu Bekannten nach Hamburg weiter, wurden aber in Münster festgenommen", bemerkt Ajjan mit einem Achselzucken. Von dort wurden sie dann nach Dortmund gebracht, "der Computer hat für mich dann Bayern ausgewählt", sagt er. Seit Dezember 2014 wohnt er in der Nähe von Kitzingen. Der stellvertretende Schulleiter des Frobenius Gymnasiums kennt dort eine Kollegin, so kam Ajjan nun für den Vortrag nach Hammelburg.

Ob Deutschland denn seine erste Wahl war, als er sich für die Flucht entschied, fragt eine Schülerin. "Ja", antwortet Ajjan, "weil ich glaube, dass ich hier gute Chancen habe, eine Arbeit zu finden." Sein syrischer Studienabschluss in Chemie ist kürzlich vom deutschen Kultusministerium als Bachelor anerkannt worden, er kann sich damit nun um eine Stelle bewerben. "Ich habe eine gute Ausbildung und möchte schnell die Sprache lernen, um arbeiten zu können", sagt er.

Ob er, wenn der Krieg in Syrien einmal vorbei ist, denn wieder zurückkehren wolle, wurde Ajjan gefragt. Er könne das nicht beantworten, denn "ich glaube nicht, dass der Krieg bald vorbei ist." Das Problem habe mit dem Bürgerkrieg begonnen, ende aber wohl aus anderen Gründen, meint Ajjan: "Es ist ein internationaler Krieg geworden." Viele Seiten seien involviert, ein Ende zeichne sich nicht ab.

Schon zu Beginn seines Vortrages hat er sich für die Aufnahme bedankt, am Ende lobt er nochmals die Hilfsbereitschaft. Eine Folie mit der Aufschrift "Danke Deutschland!" zeigt er im Hintergrund. Er möchte möglichst schnell sein "zerstörtes Leben hier wieder neu aufbauen".

Ajjans Asylantrag ist seit ein paar Monaten anerkannt, einen Termin in der libanesischen Botschaft hat er aber erst für Ende 2016 bekommen. An diese muss er sich wenden, um seine Frau und seine beiden Kinder nach Deutschland zu holen, weil der Libanon das nächstgelegene Land zum Aufenthaltsort seiner Familie ist. Frühestens zum Sommer 2016 rechne er damit, seine Familie wiederzusehen.