Viele haben es noch gar nicht gemerkt: Etliche Radler fahren auch weiterhin stadtauswärts die innere Kissinger Straße hoch. Bei allen, die die Ankündigung gelesen haben oder denen aufgefallen ist, dass die Schilder "Radfahrer frei" abmontiert wurden, ist die Aufregung dagegen groß. "Es ist immer der gleiche Mechanismus: Bei möglicher Gefahr wird immer was für Radfahrer verboten", ärgert sich etwa Markus Heurung. Der Hammelburger ist nach eigenen Angaben oft mit dem Rad in der Stadt unterwegs. Seine Forderung: "Wir brauchen endlich ein Verkehrskonzept, bei dem alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind." Deshalb hat er kurzfristig für heute, Samstag, 3. Juli, eine Kundgebung angemeldet.

Heurung ärgert sich schon länger über die Verkehrspolitik in seiner Heimatstadt, Auslöser für die Demo sei nun aber die Sperrung der inneren Kissinger Straße stadtauswärts für Radler. Die hatte die Stadtverwaltung unter der Woche kurzfristig angeordnet. Zur Begründung wird auf eine verletzte Radfahrerin verwiesen: Am 26. Juni wiederholte sich ein Unfall, der so nahezu identisch bereits im Herbst passierte: Gegen 13.15 Uhr fuhr laut Polizeibericht ein Ehepaar mit den Rädern stadtauswärts in die Kissinger Straße. Weil ein Pkw entgegen kam, wich der 60-jährige Ehemann auf Höhe der Volksbank auf den Gehweg aus. Während er den wenige Zentimeter hohen Bordstein überwand, wurde die Kante seiner Frau zum Verhängnis: Die 61-Jährige stürzte, brach sich den rechten Arm und schürfte sich das rechte Knie auf.

"Aus unserer Sicht war Gefahr im Verzug, deshalb haben wir jetzt gehandelt", begründet Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) die Reaktion der Stadtverwaltung. Im Amtsdeutsch wurde die "Entfernung der Befreiung des Radverkehrs vom Verbot der Einfahrt in die Kissinger Straße" angeordnet. Die Stadtverwaltung entspreche damit einem Antrag des Senioren- und Behindertenbeirats, über den zwar erst in der Stadtratssitzung am Montag, 19. Juli, entschieden werde, der allerdings jetzt bereits umgesetzt worden sei. "Damit entfällt der Begegnungsverkehr und das Unfallrisiko wird reduziert", heißt es aus dem Rathaus. Die Verwaltung verweist Fahrradfahrer auf umliegende Straßen in der Innenstadt. Alternativ müsse das Fahrrad auf dem Gehweg der Kissinger Straße geschoben werden.

"Unglückliche Ad-Hoc-Entscheidung"

Als "unglückliche Ad-Hoc-Entscheidung" kritisiert SPD-Stadträtin Rita Schaupp die Maßnahme der Stadt. Aus ihrer Sicht müssten stattdessen die Zahl der Parkplätze in der inneren Kissinger Straße reduziert und Falschparker härter überwacht werden. Schaupp fordert zudem, dass in der Bahnhofstraße, die derzeit ausgebaut wird, von Beginn an auf ein besseres Miteinander zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern gesetzt wird: "Ich hoffe, dass wir dort nicht die gleichen Fehler machen."

Als "Fehlentscheidung" bezeichnet auch CBB-Fraktionssprecher Dr. Reinhard Schaupp die Sperrung: "Sie widerspricht den Zielen einer fahrradfreundlichen Stadt, den Zielen des nationalen Radverkehrsplans, bevorzugt einseitig den Autoverkehr." Aus Schaupps Sicht war die Empfehlung des Seniorenbeirats nicht zu Ende gedacht. Auch Reinhard Schaupp plädiert für weniger Pkw-Parkplätze in der inneren Kissinger Straße: Es sollten immer nur maximal zwei Stellplätze in Folge ausgewiesen werden, damit in den Lücken dazwischen Pkw einscheren und entgegenkommenden Radfahrern ausweichen können. Außerhalb der Parkmarkierungen solle es ein Halteverbot geben. Diese Regelung sollte am besten stündlich und bis in den Abend kontrolliert werden.

Bereits im Oktober 2020 hatten Rita und Reinhard Schaupp ein umfassendes Sicherheitskonzept für Radfahrer beantragt. Im Januar 2021 stimmte der Stadtrat zu, allerdings berichtete die Stadtverwaltung auf Nachfrage im Juni, dass noch nach geeigneten Planungsbüros gesucht werde. Laut Reinhard Schaupp liegen der Stadt mittlerweile Angebote von externen Gutachtern vor. Aber: "Das wurde von uns nicht beantragt und nicht gefordert." Stattdessen plädiert der CBB-Stadtrat für eine Zusammenarbeit mit Gebietsverkehrswacht, Polizei, Radfahrern und betroffenen Bürgern vor Ort.

"Für fahrradfreundliches Hammelburg!"

Markus Heurung stört an der aktuellen Diskussionen vor allem, dass Maßnahmen nur zu Lasten der Radfahrer gehen und Kraftfahrzeugen keinerlei Rücksicht abverlange. "Für ein fahrradfreundliches Hammelburg!" hat Heurung deshalb die heutige Fahrraddemonstration überschrieben. Treffpunkt ist um 9.30 Uhr am Parkplatz Bleichrasen. "Wir werden von dort aus eine kleine Fahrradtour durch Hammelburg machen", sagt er zum Ablauf und fügt hinzu: "In der Kissinger Straße werden wir natürlich unsere Räder schieben." Die Kundgebung soll gegen 10.30 Uhr am Marktplatz enden. Heurung bittet um die Einhaltung von Hygenieregeln, insbesondere das Tragen von Masken und das Beachten der Abstandsregeln.