Spaziergänger haben es vielleicht bemerkt - Ende Juni war der Alte Sportplatz in Thulba vollgestellt mit Autos und Bussen. Eines hatten alle gemeinsam: Ein Dachzelt. Erst kurz davor hatten die Dachzeltnomaden am Campingplatz ihr drittes Übernachtungsdorf aufgebaut. Nun fanden sich die Mitglieder der Community erneut in Thulba ein, um auf dem alten Sportgelände vier Tage lang eines ihrer Popup-Events zu feiern. In diesem Zug fand auch die offizielle Eröffnung des neuen Dorfes statt.

Zu sehen gab es an diesem Wochenende einiges: Vom einfachen Auto mit Dachzelt bis hin zum großen Transporter. Auch das Ehepaar Häntschel aus Würzburg/Zell am Main und ihre beiden Kindern nahmen an dem Event teil. Die Besonderheit: Erst vor kurzem war das Camping-Mobil noch der Lebensmittelpunkt der Familie.

Ein Jahr lang reisten Tim und Rikea Häntschel mit ihren Kindern (zwei und sechs Jahre alt), in ihrem Transporter durch die Welt. Trotz ihrer bis dato nur sehr geringen Camping-Erfahrung entschieden sich die beiden im Jahr 2019 zu diesem Schritt. Ausschlaggebend war ein Dachzelt-Festival, wo sie ihre Faszination für den Urlaub auf vier Rädern entdeckten. "Die Reise war genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt gebraucht haben", erinnert sich Vater Tim Häntschel.

Am 1. Mai 2021 hieß es für die Familie also Kofferpacken - die Fahrt ging los. Ganz so einfach gestaltete sich die Planung im Vorfeld allerdings nicht: "Vor so einer großen Reise muss einiges organisiert werden", erzählt die 36-Jährige Mutter, Rikea Häntschel. Nicht nur die Klamotten müssen gepackt werden, unter anderem auch berufliche Angelegenheiten sowie die aktuelle Wohnsituation sollte entsprechend geregelt sein.

Polizei-Mannschaftsbus wird Wohnmobil

Mit der Organisation der Reise haben die beiden bereits im Jahr 2019 begonnen. Gemeinsam erwarb das Ehepaar einen alten Mannschaftsbus der Polizei, den der 36-Jährige Familienvater in seiner Freizeit zu einem Wohnmobil umbaute. "Ich weiß nicht genau, wie viele Stunden ich insgesamt investiert habe. Aber bestimmt 2000", erinnert er sich. Dass das 130 PS Fahrzeug höchstens 80 Kilometer pro Stunde fahre, sei kein Problem gewesen. "Wir konnten nie mehr als 100 Kilometer am Tag zurücklegen." Auch das war kein Problem für die Familie, Zeitdruck habe man auf so einer langen Reise schließlich keinen.

Das Ehepaar ist sich einig: Schwierigkeiten während der Reise gab es quasi keine. Kleiner Schäden am Fahrzeug konnten schnell repariert werden und auch von Krankheit blieb die gesamte Familie weitestgehend verschont.

Start der Reise war Deutschland. Von da an ging es nach Österreich, Slowenien, Kroatien bis in die Türkei, nach Georgien und an die Grenze nach Aserbaidschan. Länger als sechs Wochen verbrachten sie allerdings nie an einem Ort. So kamen sie am Ende insgesamt auf über 22.000 gefahrene Kilometer.

"Nach jeder Grenze war es ein anders Gefühl", erinnert sich Rikea Häntschel. Die Landschaft hat sich allerdings nur wenig verändert, vor allem die Menschen und deren Kultur sei nirgendwo zu vergleichen gewesen. Auch die Begegnungen mit der jeweiligen Landesbevölkerung waren beinahe durchweg positiv. Aber: "Man darf nie vergessen, dass man Gast im jeweiligen Land ist. Du bist auf die Menschen vor Ort angewiesen", betont der Vater.

Auch während der Reise ist gute Planung wichtig - vor allem mit Kindern. Eine der wichtigsten Fragen, die immer sofort geklärt werden sollte: Woher bekomme ich meine Lebensmittel und sauberes Wasser. Der Schlafplatz sollte ebenfalls möglichst schnell feststehen. Trotz allem hatte das Ehepaar nicht immer einen Plan, wo die Reise als nächstes hingehen soll. "Manchmal sind wir auch einfach losgefahren und haben erst dann geschaut, wo wir landen möchten", erzählt die Ehefrau.

Die Rückkehr in den normalen Alltag im April diesen Jahres fiel der Familie schwer. "Wir sind in unserer Wohnung angekommen und waren erstmal alle unglücklich", berichtet der Vater. "Ich habe mich am Anfang total verschwenderisch gefühlt", sagt Rikea Häntschel.

Über 3000 Euro Spenden

Neben den Häntschels sind insgesamt noch 150 weitere Personen der Dachzeltcommunity angereist. Zweck solcher Projekte ist: "Die Leute kommen, um gemeinsam Zeit zu verbringen und das Leben einfach zu genießen", sagt Sibylle Lux, Dachzeltnomadin. Deshalb fanden Aktionen wie ein gemeinsames Frühstück oder ein Lagerfeuer statt.

Insgesamt sammelten die Teilnehmer an diesem Wochenende außerdem 3214 Euro Spenden. Auch die neue Betreiberin des Campingplatzes beteiligte sich mit 700 Euro an der Aktion. Gespendet wurde zur Hälfte an die eigene Hilfsorganisation der Dachzeltnomaden, den Rest des Geldes bekam die Schweinfurter Kindertafel.

Am letzten Tag des Events, kurz vor Abreise der Dachzeltnomaden, fand eine gemeinsame Müllsammelaktion statt. "Generell verlassen wir die Plätze gern sauberer, als sie vorher waren", betont Lux.