Und so erheben 13 Mann des Münnerstädter Johannes-Chors ihre Stimmen, füllen den Gebetsraum mit ihrem Gesang. Langsam und getragen, heißt es da auf Kirchenslawisch: "GospodiPomilui". Danach Stille. Richard Arlt trägt in monotonem Singsang eine Fürbitte vor. Dann wieder die Antwort des Chores: "GospodiPomilui - Herr erbarme dich".
Der Gebetsraum in der russisch-orthodoxen Kirche in der Salinenstraße ist bis auf den letzten Platz gefüllt, einige der Besucher verfolgen das Geschehen stehend. Alona Albert zeigt sich über das große Interesse der Kissinger, die anlässlich der 3. Interkulturellen Woche gekommen sind, sichtlich erfreut. "Wir sind ja alle Christen und glauben an denselben Gott. Unser Glaube ist einander recht ähnlich", betont sie. Sie empfindet es als problematisch, dass die Leute den orthodoxen Glauben als zu fremd wahrnehmen.
"Bei uns übernehmen alle Gemeindemitglieder Aufgaben in der Kirche", erklärt sie. Das sei selbstverständlich, denn bei der kleinen Glaubensgemeinde - im Raum Bad Kissingen sind es knapp 40 Familien - bringen sich alle ein.
Alona Albert gibt den Besucher einen Blick in den orthodoxen Gottesdienst, erzählt allerhand Wissenswertes. Sie erläutert beispielsweise die übliche Raumaufteilung: "Im Gebetsraum befindet sich traditionell auf der linken Seite eine Maria-Ikone. Dort sitzen die Frauen". Auf der gegenüberliegenden Seite steht im Normalfall eine Jesus-Figur, um die sich die Männer sammeln. Die Geschlechtertrennung während der Messe sei heute nicht mehr so streng, obwohl religiöse Vorschriften an sich streng geachtet würden.
Deshalb wird die Liturgie auf Kirchenslawisch gelesen und die Kirchenlieder werden ebenfalls in der mittelalterlichen Sprache gesungen. Außerdem werde während des Gottesdienstes absolute Ruhe von den Gläubigen erwartet: "Als Ehrerbietung gegenüber dem Heiligen Geist, der gerade die Kirche erfüllt."
"Wenn ein Gläubiger die Kirche betritt, begrüßt er zu allererst die Zentralikone in der Mitte", sagt Albert und deutet auf einen goldenen Schrein mit dem Bild des Sergius von Radonesch. Der bekannte russische Heilige ist der Schutzpatron der Bad Kissinger Kirche, die am 18. Juli 1901 geweiht wurde. Finanziert wurde der Bau durch Spendenvon russischen Kurgästen. "Sie wollten auch während der Kur nicht auf die Liturgie verzichten", merkt sie an. Die beiden Weltkriege führten zu einem Bruch, von dem sich die Gemeinde erst Mitte der 1990er Jahre durch den Zuzug von Spätaussiedlern wieder erholte.
Die Gemeindemitglieder präsentieren sich den Besuchern in den Nationaltrachten ihrer Länder. Kasachische sind zu sehen, russische und moldawische. Ein entsprechend vielfältiger Eindruck bietet sich den Gästen auch beim Gebäck, das ihnen angeboten wird. Da reihen sich süße an herzhafte Leckereien, steht russischer Lebkuchen neben mit Hackfleisch oder Frischkäse gefüllten Pfannkuchen. "Wir haben unsere alte Heimat nicht vergessen", meint Alona Albert. "Beim Leben in unserer neuen Heimat hilft uns Gott".