178 Jahre ist es nun schon her, dass in Einraffshof eine Brauerei errichtet wurde. Die Geschichte der Brauerei ist sehr bewegt und von häufigen Besitzerwechseln durchzogen. Während die Brauerei nach dem Brand 1916 vollends verschwand, schlummert noch heute ein Teil der riesigen Anlage - einst bestehend aus Brauerei und Brennerei - dem Auge weitestgehend verborgen im Boden. Nur der Kellereingang zeigt an, wo sie sich das Gebäude einmal befunden haben muss.
Wer vor dem dunklen Kellerloch steht, ahnt noch nicht, welch weitläufiges unterirdisches Reich direkt vor den Füßen liegt. Der Treppenabgang wird von zwei sandsteinernen Pfosten flankiert und nur einige Mauerreste künden von der ehemaligen Brauerei. Die Steinstufen hinab zum Keller sind von Humus bedeckt - viele Jahrzehnte lang warfen die umliegenden Bäume und Hecken ihr Herbstlaub auf den Treppenabgang. Dazu gesellen sich einige Sandsteinbrocken. Der Eingang wird von einem schmiedeeisernen Gitter versperrt, ein Schloss schützt den Keller vor ungebetenen Gästen. Hinter dem Gitter trifft man auf das einzige halbwegs erhaltene Stück Holz der Anlage - ein Flügel des Kellerportals hängt noch in seinen Angeln, wenn auch bereits deutlich vom Alter gezeichnet.
Die Kühle des Kellers empfängt den Besucher zeitgleich mit Myriaden von Stechmücken. Bereits im ersten Raum wird die Vergänglichkeit der Anlage offenbar - eine Wand ist teilweise eingestürzt und gibt den Blick auf den dahinterliegenden Keller frei, an dessen Ende eine vermauerte Tür ihr Geheimnis hütet. Aus einem Spalt quellen Erde und Schutt, durchsetzt mit Scherben und ein paar Knochen. Hier ging es früher wohl weiter. Wie weit, das lässt sich nicht mehr herausfinden, da der verstürzte Kellerabschnitt mit allerlei Abraum und Unrat verfüllt wurde.

Der tiefste Keller ist zugleich der größte


In die Eingangshalle mündet links ein Gang, der in drei weitere Kellerabschnitte führt. Gleich der erste Abzweig geht in die Tiefe: Nach einem kleinen Erdabhang öffnet sich der Blick auf den tiefsten und größten Keller der Anlage mit 154 Quadratmetern Grundfläche und ganzen 17,50 Metern Länge. Am Boden ist ein steinerner Schacht eingelassen, der wohl zur Entwässerung gedacht war. Am Ende der Halle befindet sich ein Portal, aus dem jede Menge Schutt herausquillt. Der anschließende Keller ist beinahe bis unter die Decke mit Erde und Ziegelschutt verfüllt. Über dem höchsten Punkt zeigt ein Schacht an, dass der Raum von hier aus befüllt wurde. So ein Loch mag denen, die sich des Schutthaufens entledigt haben, ungeheuer praktisch vorgekommen sein. Nach getaner Arbeit haben die Entsorger den Schacht wieder sauber mit Sandsteinplatten verschlossen.
Fast übersieht der unachtsame Keller-Erkunder ein weiteres steinernes Tor hinter dem Schuttberg. Nur der rechte obere Teil schaut noch heraus. Die Passage lässt sich nur kriechend bewältigen. Der nun folgende Anblick ist beeindruckend und superlativ zugleich: Ein weiterer Keller schließt sich an, mit einer sagenhaften Länge von beinahe 30 Metern. Wegen seiner geringeren Breite von "nur" fünf Metern ist er mit 145 Quadratmetern der zweitgrößte Keller, dafür aber mit Abstand der längste.

Im alten Becken findet sich noch immer etwas Wasser


Zwei quadratische Schächte in der Decke, - auch mit Sandsteinplatten abgedeckt - geben Auskunft darüber, wie tief der Keller an dieser Stelle ins Erdreich eingegraben ist. Der erste misst etwa vier, der zweite gute fünf Meter, da der Hang nach hinten hin ansteigt. Wozu sie einmal gedient haben mögen? Auf der Wiese darüber gibt es jedenfalls keine Anhaltspunkte für die Existenz der Schächte. Allein die Vorstellung, dass sich unter dem Gras ein ausladendes Kellersystem erstreckt, erscheint ein wenig gewagt.
Der nächste Abzweig des mit großen Sandsteinplatten gepflasterten Ganges führt in zwei weitere Kellerräume. Im ersten erkennt man einen früheren Treppenabgang, der nachträglich entfernt und das entstandene Loch zugemauert wurde. Der dahinterliegende Keller zeigt noch Reste von steinernen Rinnen. Wurden hier die Fässer mit dem "guten Einraffshofer Bier" gelagert, von dem in einer Zeitungsannonce aus dem Jahr 1858 die Rede ist?
Zurück im Gang geht es in die letzten beiden Kellerräume. Im ersten Gewölbe fällt ein großes, rundes Loch in der Decke auf, das mit Sandsteinen abgedeckt ist. Der letzte Keller hält eine weitere Überraschung parat: Ein steinerner Wasserbehälter findet sich in der Ecke, noch immer mit kühlem Nass gefüllt. Ein wenig Tageslicht fällt durch einen der beiden Schächte. Durch diesen Schacht, so erinnert sich Engelbert Kleinhenz, habe er zusammen mit seinem Vater die "Köhl" - wie die Futterrüben genannt werden - reingeworfen. Diese waren für das Vieh im Winter als Nassfutter eine unentbehrliche Alternative zum Heu."Die Bedeutung der Rüben ging mit dem Einsatz von Silage verloren. Seit 1968 lagern wir hier deshalb auch keine Rüben mehr ein", so Kleinhenz. Seit dieser Zeit hat der Einraffshofer Brauereikeller keine weitere Nutzung mehr erfahren. Nur Fledermäuse finden hier nach wie vor ein frostsicheres Winterquartier der Extraklasse.