"Allgemeine Fahrzeugkontrolle - Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte!" Die Ansage des Polizeibeamten ist freundlich, zugleich bestimmt. Der Motorradfahrer steigt aus dem Sattel seiner Maschine, kramt die geforderten Papiere aus der Geldbörse und unter der Sitzbank hervor, reicht sie an den Polizisten weiter. Letzterer prüft eingehend mit geschultem Auge den fahrbaren Untersatz des Mittfünzigers. Am Motorrad des Mannes im besten Alter ist nichts auszusetzen. Reifen in Ordnung, keine unzulässigen Veränderungen, Papiere vollständig. "Gute und unfallfreie Fahrt", wünscht der Beamte. Der Kontrollierte kann weiter seinem Hobby frönen.

Was sich hier abspielt, ist integriert in eine Schwerpunkt-Kontrollaktion der bayerischen Polizei gemeinsam mit Beamten aus Baden-Württemberg und Hessen. Das Ziel: Die schwarzen Schafe unter den Motorradfahrer aufspüren, zur Kasse bitten oder gar aus dem Verkehr ziehen. Das geschieht an jenem Wochenende viele Male. Mit teils erheblichen Auswirkungen für die Betroffenen.

Die Bilanz: Bei 100 kontrollierten Bikes werden 17 gebührenpflichtige Verwarnungen an die Fahrer fällig, es gibt neun Anzeigen. Sieben Mal kassieren die Ordnungshüter gar die Motorräder ein - weil die Manipulationen an den Maschinen schlicht und einfach zu gravierend sind.

Verstöße summieren sich

So zum Beispiel bei einem 23-jährigen Biker. Führerschein und Fahrzeugpapiere? Fehlanzeige! Schon auf den ersten Blick stellen die Polizisten das Fehlen beider Spiegel fest. Und beim genaueren Hinschauen offenbart sich ein weiterer gravierender Mangel: Die beiden hinteren Blinker sind nicht vorhanden. Lediglich die Kabel baumeln aus den beiden Halterungen. Für all das gibt es dann auch gleich die rote Karte. Das Motorrad wird sichergestellt und darf nur per Anhänger von der Kontrollstelle entfernt werden. Die Verstöße summieren sich, das kommt den jungen Mann teuer zu stehen.

Die Aktion findet irgendwo in Unterfranken statt. Sie ist Bestandteil des von der Bayerischen Staatsregierung ausgerufenen Verkehrssicherheitsprogramms 2030, das insbesondere zum Ziel hat, die Unfallziffern weiter zu senken und Uneinsichtige zur Raison zu bringen. Sicher ist: Die Kontrollen werden künftig noch forciert. Will heißen: Wer als Biker unterwegs ist, muss jederzeit damit rechnen, überprüft zu werden. Am Lagerberg in Hammelburg, am Schindberg in Münnerstadt, im Schmalwassertal, am Sulzthaler Berg, zwischen Kothen und Motten, an jeder anderen kurvenreichen Strecke.

Kontrollgruppe Motorrad

Dafür hat das Polizeipräsidium Unterfranken eigens eine Kontrollgruppe Motorrad ins Leben gerufen. Angehörige der Verkehrspolizeiinspektionen Würzburg-Biebelried, Schweinfurt-Werneck und Aschaffenburg-Hösbach, allesamt mit Dienstmotorrädern auf Streife und topfit im Sattel, haben "den Raubrittern" auf der Straße den Kampf angesagt. Mit temporären Kontrollstellen sowie unscheinbaren Videomotorrädern wird Jagd auf jene gemacht, die im öffentlichen Straßenverkehr rasen und zu laute Motorräder fahren.

Polizeihauptkommissar Werner Seifert, Leiter der Kontrollgruppe, kennt seine Pappenheimer. "Die allermeisten Motorradfahrer verhalten sich vollkommen normal, fahren vorbildlich, sind nicht zu beanstanden. Aber es gibt eben auch die anderen. Genau diese Krachmacher und Raser haben wir auf dem Radar. Die gesetzlichen Vorgaben sind eindeutig. Und wer nicht hören will, muss fühlen." Empfindliche Bußgelder und Geldstrafen, Punkte im Zentralregister bis hin zum Verlust der Fahrerlaubnis und dem Sicherstellen des Motorrades drohen.

Reifen und Auspuffanlagen

Zurück zur aktuellen Kontrollaktion. Die zahlreichen Beamten nehmen sich viel Zeit für die Überprüfungen. Neben den Zulassungsbescheinigungen dienen Betriebserlaubnisse für Fahrzeugteile (ABE) als Nachweise dafür, was an einem Motorrad sein darf oder eben auch nicht. Reifen und Auspuffanlagen werden dabei besonders unter die Lupe genommen. Nicht selten kommt es vor, dass unzulässige Reifen oder Kombinationen von Reifen montiert sind oder aber die Profiltiefe nicht mehr ausreichend ist. Gleichermaßen oft machen Motorräder einen Ohren betäubenden Lärm. Fehlende Dezibel-Killer oder sonstige unerlaubte Manipulationen an den Auspuffanlagen sind hier die Ursache.

Der überwiegende Anteil der Kontrollierten ist voll einverstanden mit der Aktion. "So etwas müsste noch viel öfter geschehen", sagt ein junger Mann, der seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte. Die 25-jährige Silja hingegen ist ganz offen und pflichtet dem in vollem Umfang bei. "Es gibt leider immer wieder schwarze Schafe unter uns. Nur diesen haben wir es zu verdanken, dass die Öffentlichkeit mit dem Finger auf uns alle zeigt." Die junge Frau hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um den Verkehrsteilnehmern zu signalisieren, dass sich hier eine Frau unter Kombi und Helm verbirgt: Von ihrem Helm baumelt ein langer, pink gefärbter Zopf. "Mal was Anderes, gell?", schmunzelt sie schelmisch.

Es gibt auch Kritiker

Die Kontrollen der Polizei finden erfahrungsgemäß auch Kritiker. "Was soll denn diese Hexenjagd?", macht sich ein angehender Senior mit deutlich ergrautem Haar gehörig Luft. "Ich wohne an einer exponierten Motorradstrecke. Fast jedes Mal, wenn ich aufs Motorrad steige, werde ich kontrolliert. Da vergeht einem glatt die Lust aufs Fahren." Andere Biker wünschen sich vergleichbare Kontrollaktionen mit dem Ziel, gerade die Eigner PS-starker Limousinen, SUVs und Sportwagen einzubremsen. "Hier gibt es mindestens gleichgroßen Handlungsbedarf."

Tempoüberschreitungen beim Motorradfahren sind ein trauriges Kapitel. Die Unfallstatistiken belegen eindeutig, dass Rasen eine der Hauptunfallursachen darstellt und nicht selten mit tödlichen Stürzen oder Kollisionen endet. So ist es auch im Jahr 2020 in Unterfranken wieder vielfach vorgekommen, dass Motorradfahrer wegen überhöhter oder nicht angepasster Geschwindigkeit schwer verletzt wurden oder starben.

Insgesamt registrierte die unterfränkische Polizei im Vorjahr 537 Motorradunfälle mit 484 Verletzten und neun Todesopfern. Aus diesem Grund erfolgten flankierend zur Schwerpunktkontrolle Radarmessungen vom Polizeimotorrad aus oder an stationären Messstellen. Elf Verstöße wurden registriert; der Spitzenreiter brachte es auf stattliche 141 bei erlaubten 100 km/h. Karlheinz Franz