Oft war die Türe schon um 20 Uhr wegen Überfüllung geschlossen. Die Disko hatte magnetische Anziehungskraft, die über die Gemeindegrenzen weit hinaus reichten. Sie war eine Oase jugendlicher Unruhe, für viele der Nabel der Welt.
Die Wirtsleute hatten ein besonderes Gespür für den Geschmack der Besucher, und sie pflegten den persönlichen Kontakt.
Im Mai 1992 war die Disko zum letzten Mal geöffnet, bis September blieb die Gaststätte dann noch - nach Belieben - auf. Ein Jahr später wurde der Saal abgerissen und das Gebäude zum Mietshaus umgebaut. So wie die früheren Gäste schwelgen auch die ehemaligen Gastgeber oft in der Vergangenheit.
Die Gaststätte bekam Robert Kirchner im Mai 1954 überschrieben: "Da war ich gerade mal 22 Jahre alt." Einen Beruf hat er nicht erlernen können, auch vom Sport blieb er ausgeschlossen. Er musste immer in der elterlichen Gastwirtschaft mithelfen (der Vater war 1950 verstorben). "Dabei hätte ich so gerne Fußball gespielt, aber dann wäre die Mutter ja alleine da gestanden."

Schon der Großvater

Ehemals hieß das Anwesen "Gasthaus zur Rhön", später prägte sie jahrzehntelang als Disko "Rhön" das Nachtleben der Vorrhön. Das Haus hatte Tradition. Schon Kirchners Großvater, Joachim Reiser, hat in ihm Tanz abgehalten.
"Den Saal habe ich gleich am Anfang abgerissen und neu aufgebaut", so Robert Kirchner. Das Geschäft gedieh, 1958 wurde angebaut. Zunächst nur ein Stück und nur die untere Etage. Das Bauen begleitete die Wirtsleute auf Schritt und Tritt: "Jedes Jahr wurde Hand angelegt und irgendwo erweiternd gewerkelt. Erst kam die Scheune dazu, dann wurde aufgestockt (1970)."
Ihr größter Plan scheiterte 1978 jedoch an baurechtlichen Gründen. Der war auch sehr ambitioniert. Direkt an der Lauterer Kreuzung sollte sie stehen: eine neue, moderne Disko (mit Gästehaus): "Aber es hat nicht sollen sein. Die Behörden stellten sich quer."
So konzentrierten sich die Kirchners ganz auf ihr Juwel am oberen Ende der "Löffudzstodd". In den 50er Jahren haben vorwiegend die einheimischen Kapellen gespielt, unter anderem die Kapelle Grom. Dann gaben sich die populären Kapellen die Klinke in die Hand. 1961 hat z. B. "Theru" zum ersten Mal gespielt. "Ihre Auftritte waren der Hit und sorgten für ein volles Haus." Musik war ab 1961 immer Sonntags (von 19 bis 1 Uhr). Drei Jahre später kam der Samstag dazu.

Gute, trendige Bands

"Wir sind viel draußen rumgefahren und haben Kapellen gesucht - von Aschaffenburg bis Kulmbach", berichtet Anetta Kirchner. Gute, trendige Bands sollten es sein. "Was preislich passte, wurde engagiert", ergänzt ihr Ehemann.
Den gab es dafür mit zahlreichen anderen namhaften Bands. Die kamen zum Teil von weit her. Doch die Besetzung der Kapellen hat oft nicht mehr gestimmt und sie wurden immer teurer. Hinzu kamen die Kosten für Werbung und Plakate sowie die vielfältigen Abgaben und Steuern. "Für die Kostendeckung benötigten wir ca. 800 Besucher", rechnet Robert Kirchner vor. "Die kamen auch in der Regel, obwohl wir bereits fünf Mark Eintritt verlangt haben - was etwas mehr als andernorts war."

Rechnung ging nicht mehr auf

Die Rechnung ging aber immer öfters nicht mehr auf. Vom Drauflegen lebt es sich aber schlecht, das erkannten auch die Kirchners schnell. Deshalb sattelten sie 1976 auf Schallplattenbetrieb um, was bei der Jugend sehr gut ankam.
Getroffen hat sich alles zwischen 16 und 40 Jahren. Das Publikum kam von überall her, von Unsleben bis Zeitlofs, von Wildflecken über Hammelburg bis Würzburg. "70 Prozent waren Stammgäste", so Angela Kirchner und Elfi Rehlein. Beide Töchter standen immer mit an vorderster Front. Jede hatte eine Theke bzw. sorgte für Nachschub.
Discjockey Gustav Holzheimer gab dem Ganzen ein markantes Gesicht. "Er war die Zuverlässigkeit in Person und während den 16 Jahren Diskobetrieb jede Minute da", sagt Adolf Rehlein, der eine Schwiegersohn der Wirtsleute. Der andere Schwiegersohn, Roland Kirchner (Cosmos), kann das nur bekräftigen: "Der Gustl war einmalig, ein Pfundstyp, der bombig zu uns passte."
Stolz sind beide auf das gute Einvernehmen mit den Vereinen und insbesondere der Nachbarschaft. Letztere hatte viel zu erdulden, angefangen vom wilden Parken, über den Krach bis hin zu manch anderer (Zer)Störung. "Die haben zwar immer mal geschimpft, insbesondere, wenn der halbe Ort rücksichtslos zugeparkt war, haben den Bestand der Disko aber nie grundsätzlich in Frage gestellt. Dafür sind wir denen heute noch dankbar", so Robert Kirchner.
Aber die Zeit ging nicht spurlos dahin. Als früher die Musikkapellen gespielt hatten, sind die Besucher um 19 Uhr gekommen und gingen in der Nacht. Dazwischen war weitgehend Ruhe. "Bei der Disko war jedoch Wallung, das war ein ständiges Kommen und Gehen", gibt Robert Kirchner unumwunden zu. Letztendlich war das auch der Grund, warum die Institution 1992 "Servus" sagte.
"Wir mussten nicht wegen irgendwelcher Auflagen aufhören, auch nicht wegen mangelnder Besucher", betont Anetta Kirchner, "wir wollten die Nachbarn nicht weiter belästigen. Uns fehlten ganz einfach die Parkplätze." Die waren immer Mangelware gewesen, obwohl die Gaststättenbesitzer den alten, trocken gelegten See im Oberdorf von der Gemeinde gepachtet, asphaltiert und darauf 50 Stellplätze angelegt hatten.
Das Ende hat dem beliebten Paar anfangs richtig wehgetan. Aber nach einigen Jahren waren sie darüber hinweg. Sie sind dankbar für die schöne Zeit und allen, die mitgeholfen haben.