Herr Vorndran, kann der normale Anleger den Finanzmarkt aus Ihrer Sicht heute überhaupt noch überblicken?
Philipp Vorndran: Die Finanzmärkte haben sicher in den letzten Jahrzehnten an Komplexität hinzugewonnen. Seit ich meine ersten Schritte auf dem Börsenparkett 1983 unternehmen durfte, sind viele neue Finanzinstrumente hinzugekommen, aber mindestens so viele neue staatliche Regulationen. Beides hat es dem Normalbürger sicher nicht erleichtert, sich dort alleine zurechtzufinden. Was aber heute wie damals gilt: Der wichtigste Ratgeber bei Finanzgeschäften ist der gesunde Menschenverstand. Finger weg von allem Instrumenten, die man nicht selbst verstehen oder nachvollziehen kann.

Was bedeutet das für Anleger?
Deutsche Anleger weigern sich in den meisten Fällen, für die Finanzberatung zu bezahlen, deshalb sollte sich keiner darüber wundern, dass man ihnen das Honorar dann oft über versteckte Gebühren in vielen Finanzprodukten "in Rechnung" stellt. Außerdem ist es naiv anzunehmen, dass ein Bankangestellter seinem Kunden immer, völlig unabhängig das beste Produkt am Markt empfiehlt. Das wäre ja so, als würde der Ford-Händler seine Kunden zu Toyota um die Ecke schicken. Natürlich passiert das nicht! Beim Automobilkauf ist das jedem klar, bei der Bank erwartet man immer Wunderdinge.

Wie bewerten Sie als Kapitalmarkt-Stratege die Euro- und die Schuldenkrise: Haben wir das Tal schon durchschritten oder kommt das Schlimmste noch?
Wir haben es hier mit zwei komplett unabhängigen Geschehnissen zu tun. Die globale Schuldenkrise gäbe es auch ohne den Euro. Deren Bewältigung wird noch mindestens ein Jahrzehnt benötigen und uns allen viel Kaufkraft entziehen. Hier stehen die USA, Japan und Großbritannien mindestens so schlecht da, wie der Durchschnitt der Eurozone. Meiner Meinung nach wird die Lösung hier eine lange Phase negativer Realverzinsung heißen, das bedeutet viele Jahre in denen die Sparzinsen nach Steuern unterhalb der Inflationsrate liegen werden. In den nächsten zehn Jahren dürften die deutschen Sparer auf ihre Einlagen dadurch circa ein Viertel ihrer Kaufkraft verlieren, auch wenn auf ihrem Sparbuch immer noch der selbe Euro-Betrag verzeichnet ist.

Und beim Euro?
Bei der Eurokrise sind inzwischen alle ursprünglichen Regelwerke über Bord geworfen worden. Die EZB versucht - zusammen mit der Politik - ein Gemeinschaftswährung zu verteidigen, deren Teilnehmerstaaten weder wirtschaftlich, noch kulturell ausreichend homogen sind. Dies kann ihr noch ein paar Jahre gelingen, aber final wird das Primat der Politik durch die wirtschaftlichen Fakten eingeholt. In zehn Jahren dürfte die Währungswelt in Europa anders aussehen als heute. Es war einfach ein Fehler, die Währungsunion vor der politischen Union durchzusetzen... und leider sind wir heute von einer politischen Union weiter weg als vor 15 Jahren. Die Regierung sollte den Bürgern endlich einmal sagen, was der Verbleib und was das Ausscheiden aus dem Euro den deutschen Bürger kosten würde. Die Kosten des Auseinanderbrechens werden uns täglich aufgezeigt, über die des Verbleibs hält man sich - wohl aus guten Gründen - bedeckt.

Welche Rolle spielt die Politik, sollte sie regulieren oder sind vor allem einzelne Staaten im Alleingang sowieso machtlos?
Im Alleingang sind Staaten heute machtlos. Wer eine Gemeinschaftswährung unterstützt, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und Kapitalmarkt schätzt, der muss Regulation auf Ebene der EU oder zumindest der Eurozone installieren. Hier stößt man aber schnell an ähnliche Grenzen wie bei der Gemeinschaftswährung, jedes Land hat seine Eigenheiten und Prioritäten ... und man endet schnell bei Missverständnissen. Kaum ein Ausländer hat Verständnis für die Bedeutung des Genossenschafts- und Sparkassensystems in Deutschland, wir können die Schuldenmentalität in Großbritannien nicht nachvollziehen. Kurzum: nationale Alleingänge verschlimmern die Situation eher als zu nutzen. Entweder wollen wir die Vereinigten Staaten von Europa mit Haut und Haaren oder wir müssen in vielen Bereichen zurück zum Nationalstaat. Darüber muss aber das Volk entscheiden und nicht von Lobbygruppen gesteuerte Parlamentarier.

Sie stehen Banken eher skeptisch gegenüber, gilt das nur für die Global Player oder auch für die kleine Hausbank?
Egal ob Global Player oder lokale Hausbank: Wichtig ist, dass sie ausreichend kapitalisiert ist, um auch einen kräftigen Sturm abzuwettern, und dass man etwas vom Geschäft, das man betreibt, versteht. Beides ist leider bei vielen Finanzinstituten, egal ob groß oder klein, immer noch nicht sichergestellt und muss in den nächsten Jahren schnellstens nachgeholt werden. Grundsätzlich sollte man sich als Kunde immer fragen: Sind die Interessen von Berater und mir als Kunde identisch. Wenn das der Fall ist, hat man den Richtigen, sonst muss man schleunigst wechseln. Eine lokale Verwurzelung kann durchaus von Vorteil sein, muss aber nicht.

Sollte das Investment-Geschäft ausgelagert werden, wie von der EU-Kommission empfohlen?
Ja, nur so können Interessenskonflikte glaubhaft beseitigt werden.
Grundsätzlich raten Sie den Anlegern zur eigenen Immobilie, gilt das nur für die boomenden Städte oder würden Sie auch ein Haus auf dem Land, etwa in Bad Brückenau, kaufen?
Die Preisentwicklung von Immobilien in Bad Brückenau und Umgebung hat in den letzten Jahrzehnten die wirtschaftliche Entwicklung weitgehend nachvollzogen. Immobilien hier sind zwar preiswerter als solche in München oder Hamburg, deswegen per se aber nicht billig. Wer langfristig seinen Lebensunterhalt in der Rhön bestreiten kann, über genügend Eigenkapital (mindestens 30 Prozent) zur Finanzierung verfügt und seine Gesamtwohnkosten durch einen Kauf gegenüber der Mietwohnung nicht erhöht, sollte über einen Kauf nachdenken. Das gilt prinzipiell - nicht nur in Bad Brückenau. Denn eine abgezahlte Wohnimmobilie reduziert die Lebenshaltungskosten im Alter massiv. Wer Immobilien kauft, nur um sein Geld in Sicherheit zu bringen, macht sehr oft ökonomisch einen riesen Unfug. Dafür gibt es bessere Alternativen.

Was darf sich der Bürger von Ihrem Vortrag in Bad Brückenau erwarten?
Hoffentlich ein paar Denkanstöße durch die die Anwesenden dann mit Hilfe ihres gesunden Menschenverstandes ein paar Themen in der Politik und an den Finanzmärkten besser verstehen und sich eine unabhängiges Meinung bilden können. Was ich in 60 Minuten definitiv nicht erreichen kann, ist die völlig vernachlässigte ökonomische Bildung an unseren Schulen nachzuholen. Wir lehren dort unsere Kinder, wie sie zukünftig ihren Lebensunterhalt verdienen können. Wie sie aber dieses hart erarbeitete Geld dann vernünftig bewirtschaften, das bringt man ihnen nicht bei. Kein Wunder also, dass in Deutschland nur sechs Prozent der Bevölkerung Aktien besitzen, für eine Marktwirtschaft wie unsere ein absoluter Witz. Ich bin sicher: Langweilig wird´s nicht.

Das Interview mit Philipp Vorndran führte Ralf Ruppert.

Privat Philipp Vorndran ist in Bad Brückenau aufgewachsen, seine Familie betreibt seit Generationen die "Holzwerke Vorndran", deren Geschäfte aktuell sein Bruder Wolfram Vorndran führt. Philipp Vorndran lebt in Höchberg bei Würzburg, ist 50 Jahre alt und hat zwei Kinder.

Ausbildung 1982 legte Philipp Vorndran sein Abitur am Franz-Miltenberger-Gymnasium in Bad Brückenau ab. Danach studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und war dort mehrere Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. Ekkehard Wenger.

Karriere Seinen beruflichen Werdegang startete Philipp Vorndran bei der Bank Julius Bär in Frankfurt und Zürich. Dort leitete er von 1992 bis 1996 unter anderem den Bereich Derivative von Julius Bär Asset Management. Von 1996 bis 1997 fungierte er als Portfolio-Manager in Zürich. Von 1997 bis 2008 arbeitete er bei der Credit Suisse Gruppe, unter anderem als globaler Chefstratege im Asset Management (1997 bis 2004 in Zürich und 2005 bis 2008 in Frankfurt) sowie von 2004 bis 2006 Chief Executive Officer (CEO) der Credit Suisse Asset Management in Deutschland. Seit 2009 ist Vorndrabn als Partner und Kapitalmarkt-Stratege bei "Flossbach von Storch" in Köln tätig. In dieser Funktion tritt er regelmäßig als Experte im Fernsehen auf.

Vortrag "Die Schuldenlawine - Hintergründe und Auswirkungen zur Euro- und Finanzkrise" ist der Bürgertisch mit Philipp Vorndran morgen, Mittwoch , 10. Oktober, überschrieben. Beginn ist um 20 Uhr im Café "DoninikAna" in der Bad Brückenauer Georgi-Halle. Philipp Vorndran ist Mit-Autor eines gleichnamigen Buches und geht in seinem Vortrag auf Hintergründe und Auswirkungen der Finanzkrise ein. rr