Eigentlich hat Polleke viele Gründe, nicht gut drauf zu sein. Ihr Freund Mimun, den sie immer noch über alles liebt, hat mit ihr Schluss gemacht, weil seine Eltern für ihn eine andere Braut ausgewählt haben, wie das in seiner früheren marokkanischen Heimat üblich ist. Ihr leiblicher Vater Speik, einer von der Verliererseite des Lebens, der sich als großen Dichter bezeichnet, aber noch nie ein Gedicht auch nur angefangen hat, hat die Familie verlassen, um nach Amerika zu gehen. Aber er ist nur bis Antwerpen gekommen, und dann hat sie ihn plötzlich nach der Schule völlig bekifft in einer Kaufhauspassage entdeckt. Und den sie jetzt auch noch im Gefängnis besuchen muss. Ihre Mutter hat sich als Ersatz ausgerechnet ihren Deutsch- und Sozialkundelehrer Walter angelacht, der völlig unpassend bei ihr zu Hause rumhängt. Und mit ihrer Klassenkameradin Cora kommt sie auch nicht immer ganz klar.

Glücklich ist Polleke eigentlich nur bei ihren Großeltern, aber nicht, weil Oma und Opa so nett sind, sondern weil es auf ihrem Bauernhof ein Kälbchen gibt, das auch noch Polleke heißt. Plötzlich hat das Mädchen ein Ziel für seine Liebe. Aber eigentlich ist alles nicht so schlimm. Denn diese ganzen Katastrophen sind Teil eines Spiels, das Polleke für das Schulprojekt "Poetisches Schreiben" verfasst hat und das sie mit Cora und Mimun aufführt.

Es war ein geschickter Schachzug von Thomas Klischke, das Stück "Wir alle für immer zusammen" des Holländers Guus Kuijer in ein Klassenzimmer zu verlegen (nicht nur, weil auch das Publikum auf alten Schulstühlen Platz nimmt und merkt, wie unbequem die sind). Er kommt mit einem Minimum an Requisiten aus: drei Stühle und eine Tafel, die auch mal zum Raumteiler und Menschentrenner wird. Vor allem aber holt er sein junges Publikum in seine eigene Realität, verkürzt die Distanz.


Probleme der Pubertät auf den Punkt gebracht



Guus Kuijers kleines Drama ist ein wunderbares Stück Jugendtheater, weil es die Befindlichkeiten von jungen Leuten mit wissenden Dialogen auf den Punkt bringt, weil es sehr schön die Grundprobleme der Pubertät und ihrer "Opfer" auf den Punkt bringt: den Versuch, ein wachsendes Liebesbedürfnis und das Bestreben des Sich-Abnabelns, des Selbständig oder auch ein bisschen Erwachsenwerdens unter einen Hut zu bringen - Nähe und Distanz, Zuwendung und Abwendung, Egoismus und Gruppenzwang. Thomas Klischke zeigt da die große Leichtigkeit des Ernstes. Die jungen Leute, die das Stück sehen, mögen es den Älteren verzeihern, wenn die immer wieder lachen. Aber sie können sich aus der Distanz erkennen und sehen, wie sie selber einmal waren.

Die Ausführung der Textvorlage ist raffiniert: Die neun Rollen hat Klischke auf drei Schauspieler verteilt. Das beudeutet ständigen Wechsel. Nur Polleke ist immer Polleke, weil sie in jeder Szene gebraucht wird, weil's vor allem um sie geht. Iris Faber spielt mit großem Einsatz dieses Mädchen, das immer ein bisschen misstrauisch gegenüber ihrer Umgebung ist, das seine Liebe nirgendwo unterbringen kann: Mimun darf nicht mehr, die Mutter interessiert sich nicht für sie, der Vater lebt in Halluzinationen. Es ist faszinierend, mit welcher Genauigkeit und mit welchem Spielfeuer Iris Faber diese Polleke durch die Klippen des jungen Lebens steuert, wie sie sich blitzschnell auf die neuen Situationen einstellt, wier sie in ihrem Leben als Aufführung auch ein bisschen Regie führt.

Inka Weinand ist ihr eine etwas raubeinige, aber höchst verständnisvolle Schulkameradin. Aber eben nicht nur. Brust raus, Bauch rein und eine Kette um den Hals, und sie ist die selbstsüchtige Mutter, die nach der Romanze mit Walter nur langsam zur Vernunft kommt. Ein paar steife Schritte aus den Hüften und ein finsterer Blick, und sie ist der Gefängnisaufseher von Spiek. Ein große Weichheit in der Stimme und langsame Bewegungen, und sie ist Pollekes Großmutter.


Wandlungsfähige Nachwuchsdarsteller



Ähnlich ist's bei Nilz Bessel, der den erzwungenen Verzicht auf Polleke mit großen Augen so betrauert, dass man's ihm wirklich glaubt, der aber auch seinen plötzlich erwachenden Widerstand gegen seine Eltern und deren überkommene Werte ganz plausibel rüberbringt. Mit Bart ist er plötzlich der Lehrer Walter, der gegenüber Pollekes Mutter immer mehr in die Defensive gerät. Mit einem Halstuch und verhangenem Blick wird er zu Pollekes Vater Spiek, mit Güte und Verständnis zu ihrem Großvater. Es ist ganz erstaunlich, welche Klarheit und Flexibilität des Ausdrucks man mit körpersprachlichen Mitteln erreichen kann - wenn man nur die erforderlichen Ideen hat.

Es ist ein lockeres, beschwingtes Spiel, das Polleke, die Dichterin, die im Gegensatz zu ihrem Vater tatsächlich schon Gedichte geschrieben hat, in lauter kleine Facetten zerlegt hat wie einen guten Comic. Es ist ein gaz kurzweiliges, heiteres Spiel, das trotz der raschen Wechsel sein Publikum nicht überfordert, sondern immer wieder überrascht.