Reinhard Weigand streicht mit dem Finger über den Bildschirm seines Smartphones und schwelgt in Erinnerungen. Er ist Administrator der Facebook-Gruppe "Du weißt, du bist aus Bad Kissingen und Umgebung" mit rund 5000 Mitgliedern. In der Gruppe werden regelmäßig historische Bilder und Fotos gepostet, einige auch zu den Kinos, die es früher in der Stadt gab. So wie die Aufnahme vom ehemaligen City Kino in der Von-Hessing-Straße. Außen eine rote Fassade, über dem Eingang prangt in weißer Schreibschrift das Wort City, unten rechts am Bildrand schaut sich eine Fußgängerin in weißem Wintermantel die Filmplakate im Aushang an. "Zuerst hieß das Kino Apollo, dann wurde es zur Filmburg und später hieß es City Kino", erzählt der 63-Jährige. Gut erinnern kann er sich noch an die Tankstelle und den großen Zentral-Parkplatz, die sich unmittelbar daneben befanden.

Hier hat er sich in seiner Jugend Winnetou-Filme "und den ganzen anderen Kram" angesehen - in der Filmburg noch in einem Kinosaal, im umgebauten City wurden die Produktionen schließlich in zwei Sälen gezeigt. "Manchmal, wenn man den Filmvorführer gekannt hat, durfte man mit in den Vorführraum, in dem der Projektor stand und hat sich den Film umsonst durch die Schlitze angeschaut." Darüber war er froh, denn als Schüler war der Kinobesuch eine teure Angelegenheit, die er sich nicht oft und wenn, dann mit Taschengeld-Hilfe von Oma und Opa leisten konnte. "Später in der Lehrzeit ist man öfters ins Kino gegangen", sagt Weigand. Auswahl gab es damals in Bad Kissingen reichlich: Drei Kinos wurden in den Jahren zwischen 1950 bis 1970 gleichzeitig in der Stadt betrieben. Zusätzlich wurden von 1946 bis 1975 auf Idee von Kurdirektor Karl-Heinz Proehl auch im Kurtheater Filme gezeigt.


Das erste Kino in Bad Kissingen

Laut Aufzeichnungen des Stadtarchivs gab es ab 1912 das Apollo-Theater-Restaurant. Ob dort Filme gezeigt wurden, sei möglich, ist allerdings nicht belegt. Sicher ist dagegen, dass es ab 1922 die "Apollo-Lichtspiele" an der Stelle gab, wo heute der Sparkassenkomplex steht. Im Apollo gab es Stummfilme zu sehen, die der Lehrer Friedrich W. Grell im Kino live am Klavier begleitete. 1931 gab es die erste Namensänderung inklusive Betreiberwechsel in Filmburg. Mitte der 1970er Jahre wurde es im Zuge der Übernahme durch die Familie Gahler in City Kino umbenannt. Bis zur Schließung 1990 war es das größte Tonfilmtheater in Bad Kissingen. "Im Oktober 1989 hat die Sparkasse das Gelände erworben", berichtet Heinz Schuhmann. Er hatte damals in der Bauorganisation bei dem Geldhaus angefangen und ist dort bis heute beschäftigt. Im Frühjahr 1990 begannen die Arbeiten für den Bankneubau. "Das City wurde abgebrochen, der Zentral-Parkplatz aufgelöst und die Sparkasse hat ihr Gebäude daraufgestellt", sagt er. Die weggefallenen Parkplätze ersetzte das neue Zentral-Parkhaus.

Zurück zur ehemals üppigen Kissinger Kinolandschaft: Seit 1950 mischte das Odeon in der Theresienstraße mit, bis zu seiner Schließung gute 50 Jahre später. Das Gebäude wurde nach einiger Zeit des Leerstands ebenfalls abgebrochen. Stattdessen wurde dort das heutige Bad Kissinger Augenzentrum errichtet. "Das Odeon und das City haben sich nichts genommen. Da liefen die Filme", findet Reinhard Weigand. Bevor die Hauptvorstellung anfing, ging immer eine Frau mit Bauchladen durch den Saal und verkaufte Süßigkeiten. Popcorn war damals allerdings nicht so angesagt. "Absoluter Kult war Eiskonfekt. Das war Pflicht." Die hintersten Sitzreihen waren - wie heute - die teuersten. "Die hat man sich geleistet, wenn man ein Mädchen eingeladen hatte. Vorne hat man sich nur den Kopf verrenkt", erzählt der Bad Kissinger weiter.


Verruchter Ruf

Das zweite Kino der Stadt wurde 1924 unter dem Namen "Kammerlichtspiele" in der Ludwigstraße 17 in Betrieb genommen. Es hieß zwischendurch "Gugug-Lichtspiele", den meisten Bad Kissingern dürfte es als "Union" ein Begriff sein. Das Kino war zwar etwas kleiner, aber innen aufwendig und ähnlich einem Theater gestaltet. "Im Union wurden zum Beispiel viele Märchenfilme für Kinder gezeigt. Dafür war es bekannt", sagt Weigand. Später änderte sich der Ruf allerdings. "Da liefen dann mehr so Schmuddelfilmchen wie der Schulmädchenreport." An die Schließung Anfang der 1970er Jahre entsinnt er sich gut. Als junger Mann machte er gerade seinen Führerschein. Sein Fahrlehrer habe Stühle aus dem Kino für den Unterrichtsraum der Fahrschule gekauft. "Die Stühle habe ich mit ausgebaut und zur Fahrschule gebracht", erzählt Weigand. Das "Union" Gebäude steht bis heute. Nach dem Kino war dort lange eine Filiale der VR-Bank beheimatet, derzeit befindet sich in den Räumlichkeiten eine Modeboutique.


Filme in der Kaserne

Neben den frei zugänglichen Kinos in der Innenstadt gab es noch ein Lichtspielhaus in der damaligen Daley-Kaserne, das die US-Armee für ihre Soldaten unterhielt. "Das Kino war eigentlich nur für die GI`s. Man durfte aber manchmal rein, wenn man von einem Amerikaner mitgenommen wurde, den man kannte", sagt Weigand. Nach dem Rückzug der US-Armee 1992 und der Öffnung der Kaserne, hat Peter Hofmann das Soldatenkino gekauft, umgebaut und 1996 eröffnet. Der Universum Kino Palast mit drei Sälen ist das aktuell einzige Kino in der Stadt.