Werner Richter legt seine Hand auf die gelbe Tischdecke. "Ich will keine große Schau machen", sagt er. Das ist sein erster Satz. Dann legt er den Jahreskalender von 2008 und 2009 auf den Tisch. Mit filigranen Buchstaben steht dort sorgfältig alles aufgelistet. Besuch beim Lungenarzt am 2. Juli 2008. Reha-Klinik vom 23. Sep tember bis 14. Oktober 2008. Cortison, 20 Milligramm, am 26. Januar. Irgendwann wird die Schrift zittrig.
Im Herbst 2009 hören die Eintragungen schließlich ganz auf.

Die Bleistift-Notizen stammen nicht von Werner Richter. Sie stammen von seiner Frau Amanda. Auf dem Bild, das den Besucher anblickt, sobald er die Wohnküche betritt, trägt Amanda ein helles Halstuch mit ein wenig blau darin. Ih re blonden Haare zeigen den typischen Kurzhaarschnitt vieler Frauen Mitte 60. Das Bild steht auch auf einem Sims neben der Sitzecke. Und auf der Todesanzeige. Am 4. Oktober 2009 um 9 Uhr schließt Amanda Richter für im mer die Augen.

Ein Fall von tausenden

"Sie hat gekämpft bis zuletzt", sagt Richter über seine Frau, mit der er 42 Jahre lang verheiratet war. Nun tut er es ihr gleich, lässt sich nicht abbringen von seinem Ziel. Gerechtigkeit. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) hat im Jahr 2011 insgesamt 12 686 Vorwürfe von Behandlungsfehlern untersucht. Fast ein Drittel davon, nämlich 32,9 Prozent, wurden bestätigt. In den seltensten Fällen schaffen es Angehörige und Be troffene den Ärztepfusch vor Gericht zu bringen. Richter hat zwei Anläufe gebraucht. Nun hat die Justiz das letzte Wort.

Begonnen hatte alles ganz harmlos. Im Frühsommer 2008 ging Amanda Richter zu einer routinemäßigen Kontrolle beim Kar diologen. Dem Arzt fallen Geräusche in der Lunge auf, er schickt sie weiter zum Lungenarzt in Bad Kissingen. Anfang Juli ist sie in der Sprechstunden, eine Woche später der erste Be such im Thoraxzentrum Münnerstadt. Die Ärzte stecken einen Schlauch in Richters Lun ge - Bronchoskopie nennt man das. Sie finden nichts.

Die Suche nach der Wahrheit

Im September schlagen die Ärz te vor, mit Hilfe einer Sonde Gewebe aus dem linken Lungenflügel zu entnehmen. "Ein Ba gatelle-Eingriff wie uns ge sagt wurde", erinnert sich Richter. Routine. Doch während der Operation am 11. September 2008 tritt eine Blutung auf. Der Arzt reagiert schnell, setzt Ti tan-Clips, um die Wunde zu verschließen. Danach ist nichts mehr wie früher. "Ich weiß nicht, was sie mit mir gemacht haben", sagt seine Frau zu ihm, als Richter sie nach dem Eingriff im Krankenhaus besucht.

Zuhause hängt ein schmales Kreuz an der zartgelben Wand über der Küchentür . "Von dem Tag an wurde sie schwach", er innert sich Richter. Eine Reha im Oktober brachte keine Besserung. Bis Weihnachten verliert seine Frau etwa 20 Kilogramm Gewicht. Die Krankheit schlägt sich auf den Körper, die Un ge wissheit auf die Psyche. Weihnachten feiert die Familie bei einem der drei Söhne. "Aber was heißt feiern", sagt Richter, "sie hat dabei gesessen." Amanda zeigt keinerlei Anteilnahme. Am 27. Dezember 2009, gleich nach den Feiertagen, packen Va ter und Sohn die Mutter ins Auto und bringen sie in die Uni-Klinik nach Würzburg.

Erst im Januar - nach einer Odyssee durch verschiedene Kliniken - redet ein Arzt Klartext. Auf den Röntgen-Bildern sind die Clips, die der Arzt bei der OP im Thoraxzentrum gesetzt hat te, klar zu erkennen. Einer davon, erklärt der Arzt, sitze di rekt auf ei nem Nerv. Richter leide an einem "Zwerchfellhochstand". Deshalb die Atemnot bei jeder noch so kleinsten Anstrengung. Deshalb die Sauerstoff-Flaschen. Aber so ein Nerv lässt sich nicht wieder herstellen. Der Schaden ist irreversibel.

Hoffen auf Gerechtigkeit

Im März greift Amanda Rich ter zum Hörer. "Sie haben mich zum Krüppel gemacht", sagt sie zu dem Arzt, der sie da mals operiert hatte. Ein paar Wochen später spricht das Ehe paar mit Chefarzt Boris Kardziev. "Das hätte auch mir passieren können", gibt Richter dessen Reaktion wider. Er findet diese Antwort auf das Schicksal seiner Frau zu billig.

"Ich habe 30 Jahre auf Lkw und Bus gesessen. Ich hätte mir auch keinen Fehler erlauben dürfen", sagt Werner Richter aufgebracht. Er lehnt sich zurück. Die Stühle sind allesamt mit blauem Stoff bezogen. Er wolle kein Schmerzensgeld. "Der Arzt soll für das, was er an gestellt hat, zur Rechenschaft gezogen werden."

Gelb und blau. Überall in der Wohnküche treffen diese beiden Farben auf einander. "Das hat alles sie gemacht", sagt Richter. "Ich ha be nichts verändert."