"In der Oper ist alles falsch", sagte einst der französische Maler Edgar Degas, "das Licht, die Dekorationen, die Frisuren der Balletteusen, ihre Büsten und ihr Lächeln. Wahr sind nur die Wirkungen, die davon ausgehen." Das galt im späten 19. Jahrhundert; und wenn das Torsten Steige erzählt, gilt es noch heute. Deshalb hat er vor vielen Jahren den Opernring in Bad Kissingen gegründet. Inzwischen ist er ein fester Bestandteil des Angebots an der Volkshochschule. "Im ersten Jahr dachte ich, das wird so drei bis vier Jahre gut gehen und dann wieder einschlafen", erinnert sich Steige. Weit gefehlt: In diesem Jahr feiert der Opernring sein 30-jähriges Bestehen.

Fast von Anfang an dabei ist Gisela Warzecha. Seit 28 Jahren ist sie festes Mitglied des Opernrings. Etwa 300 Vorstellungen dürfte sie in dieser Zeit gesehen haben, sie weiß es nicht mehr genau. Sie kann die Zahl nur schätzen: Acht Aufführungen in ganz Deutschland besucht der Opernring pro Spielzeit, also von Ende September bis Anfang Juli. Zusätzlich bietet er pro Jahr eine Opernreise im Sommer an. In acht bis zehn Tagen sehen die Teilnehmer viel Kultur, Land und Leute. Und natürlich Opernaufführungen - meist sind es zwei oder drei pro Reise. "Die Atmosphäre ist herrlich", sagt Warzecha über die Vorstellungen in Italien, "es ist wie ein riesiges Volksfest." Da wird auf den Rängen mit mitgebrachtem Rotwein angestoßen, Eis und Pizza gegessen, das schöne Leben genossen. Sobald die Musik beginnt, ist es mucksmäuschenstill.

Wenn Steige erzählt, zeichnet er ein ähnlich eindrückliches Bild von den vielen Erlebnissen, die die "Opernring-Familie" schon geteilt hat: Einmal konnte die Aufführung von Verdis "Aida" in Verona erst um 1 Uhr nachts beginnen, weil es vorher immer wieder geregnet hat. Trotz einiger Widrigkeiten - die gewerkschaftlich organisierten Bühnenarbeiter verweigerten ab 3 Uhr morgens den Dienst, die Kulisse blieb dann stehen, wie sie war - sangen die Darsteller die vierstündige Oper zu Ende. Pünktlich zum letzten Akt, dem Tod von Aida und Radames, sei hinter der offenen Arena leuchtend rot die Sonne aufgegangen, erzählt Steige voller Begeisterung.

Fast sehnsüchtig hört ihm Gisela Warzecha zu, bedauert, in den ersten zwei Jahren des Opernrings nicht dabei gewesen zu sein: "Ich bin absoluter Verdi-Fan", erklärt die 68-Jährige. Dass Steige die Oper liebt, zeigt sich auch an dem Aufwand, den er in die Organisation des Opernrings steckt. Er wählt das Programm sehr sorgfältig aus, telefoniert schon Monate vorher mit den Veranstaltern. So will er sicher gehen, eine gute Wahl zu treffen. Er organisiert Programm, Bus und Ticketreservierung, kümmert sich um einen Tisch für das gemeinsame Abendessen vor der Aufführung. Einen hohen Stellenwert nehmen außerdem die Vorbesprechungen ein, die die Opernfreunde auf die Vorstellung vorbereiten. Das ist besonders wichtig, denn: "Man sollte in die Oper gehen, wenn man genau weiß, was passiert. Dann kann man's auch genießen", weiß Steige.

Opern in und aus aller Welt

Ebenso viel Herzblut, aber noch mehr Zeit investiert der 63-Jährige in die Vorbereitung der Opernreisen. Wenn er eine solche Reise plant, fährt er die komplette Strecke mit seinem Auto ab. Ob es ihn nach Österreich, Italien, Spanien, Belgien oder Finnland führt, ist dabei egal. Vor Ort entscheidet er dann, welche Stationen die Gruppe besichtigen wird. Sogar die Hotelzimmer schaut er sich vorher an. Und das, obwohl Steige den Opernring ehrenamtlich in seiner Freizeit leitet. Hauptberuflich ist er stellvertretender Schulleiter der staatlichen Berufsschule Bad Kissingen und hat dort eigentlich schon genug zu tun.

Der "Tannhäuser" zum Jubiläum

Ein Lächeln, ein Schulterzucken: "Ja, das ist halt mein Hobby", gibt sich Steige so sympathisch wie bescheiden. Wirklich nur ein Hobby? Eigentlich ist es mehr als das. Die Liebe zur Musik, zur Klassik, zur Oper begleitet ihn schon sein Leben lang. Der Vater, ein begabter Geiger, arbeitete für das Breslauer Rundfunkorchester und später bei den Augsburger Philharmonikern. "Der hat mich als Kind überall mit hin genommen", erinnert sich Steige. Dann schildert er, wie er sich als kleiner Junge in den Sommerferien fast jeden Abend mit seinem Vater auf den Weg zur Augsburger Freilichtbühne machte - entgegen aller Mahnungen der Mutter. Dort lauschte er der Musik als "Schirmbub", direkt im Orchestergraben.

Kein Wunder, dass er auch seine eigene Familie längst mit seinem Enthusiasmus angesteckt hat. Zur ersten Vorstellung der neuen Saison kommt Steige mit Ehefrau, Tochter und Sohn. Gemeinsam mit der Opernring-Familie werden sie am 19. Oktober Wagners "Tannhäuser" in Frankfurt verfolgen - die Oper, mit der vor genau 30 Spielzeiten alles begann. Auch wenn das Stück kein typisches Einsteigerwerk ist, freut sich der Opernring immer über neue Mitglieder. "Sie müssen mit etwas Leichtem anfangen, etwas Lustigem, wo viel Handlung ist, man viel sieht", empfiehlt Steige für den Anfang und gestikuliert dabei enthusiastisch. Wie er dann über Mozart, Pavarotti und Verdi philosophiert, macht Lust auf Oper. Ob Klassikfan oder nicht.