Elisabeth Schwarzhaupt hat Geschichte geschrieben: Am 14. November 1961 wurde die CDU-Politikerin erste Bundesministerin Deutschlands. 60 Jahre später sind Frauen in der Politik jedoch noch immer unterrepräsentiert. Das gilt auch für den neuen Bundestag, wo der Frauenanteil aktuell mit 34 Prozent bei rund einem Drittel liegt. Vor diesem Hintergrund hat unsere Redaktion die drei Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Bad Kissingen gefragt:

Woran liegt es, dass Frauen in der Politik - wie etwa im aktuellen Bundestag - noch immer unterrepräsentiert sind?

Dorothee Bär (CSU): Es ist ganz klar, dass Parlamente unsere Gesellschaft widerspiegeln sollten. Das gelingt aber leider nie ganz. Beim Frauenanteil ist die Diskrepanz zwischen unserer Gesellschaft und dem Parlament viel zu groß. Das muss sich ändern. Der Fortschritt ist hier eine Schnecke. Ich werde nächstes Jahr 20 Jahre Bundestagsabgeordnete sein, der Frauenanteil hat sich in dieser Zeit viel zu unwesentlich erhöht, ist zwischenzeitlich sogar gesunken. Die Gründe sind sehr vielfältig: Sitzungen in den späten Abendstunden, Abwesenheit von zu Hause in den Sitzungswochen, schlechte Vereinbarkeit von Familie und politischem Engagement. Mir ist aber besonders ein Punkt wichtig: Wenn eine junge Frau in eine Sitzung eines politischen Gremiums kommt und sieht zunächst fast ausschließlich Männer, dann gehört schon viel dazu, nicht nur dabei zu bleiben, sondern sich auch hartnäckig durchzusetzen. Daher sind für mich Vorbilder und Mentorinnen ganz entscheidend.

Sabine Dittmar (SPD): Immerhin hat sich der Frauenanteil gegenüber dem vorherigen Bundestag deutlich erhöht, was aber natürlich nicht heißt, dass er ausreichend hoch ist. Mit den Grünen und den Linken gibt es zwei Fraktionen, in denen mehr als 50 Prozent der Abgeordneten Frauen sind. Auch wir als SPD-Fraktion stehen mit 42 Prozent ordentlich da. Die anderen Parteien fallen da deutlich ab. Da sie eher dem konservativen Lager angehören, spielt dort wohl ein noch immer eher patriarchalisch geprägtes Gesellschaftsbild schon eine Rolle. Politik ist eben vermeintlich noch immer Männersache. Und Frauen fehlt auch oft der Mut oder der Wille, sich in einer solchen männlichen Bastion einzubringen oder gar durchzusetzen. Eine Rolle könnte auch das Wahlsystem spielen. Direktmandate gehen - gerade in konservativen Parteien - sehr oft an Männer, da nützt dann auch eine Quote auf der Liste nicht viel.

Manuela Rottmann (Grüne): Viele Frauen neigen zu übertriebener Selbstkritik und Perfektionismus und trauen sich verantwortungsvolle Ämter deshalb gar nicht zu. Der politische Betrieb wirkt aber auch abschreckend: Mit hart ausgetragenen Konflikten können Frauen wenig anfangen. In der Öffentlichkeit wird Politik aber oft als ein solcher ständiger harter Kampf dargestellt. Dann fehlt es an partnerschaftlicher Aufteilung der Familienarbeit: Es gibt wohl keine Mutter in der Politik, die nicht immer wieder die Frage beantworten muss, wie sie das mit ihren Kindern unter einen Hut bringt. Über den Frauen schwebt das als permanentes schlechtes Gewissen. Sie steigen daher oft erst in die Politik ein, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ihre männlichen Altersgenossen haben zu diesem Zeitpunkt schon jahrelang am politischen Aufstieg gearbeitet.

Was müsste sich ändern, damit noch mehr Frauen politische Ämter übernehmen?

Bär: Die Pandemie hat in der Organisation politischer Sitzungen einiges verändert. So lange sie virtuell waren, waren sie sehr viel konzentrierter und dadurch kürzer. Das müssen wir beibehalten. Es ist nicht nur entscheidend für Frauen, das ist entscheidend, damit wir weiterhin für junge Menschen als Parteien attraktiv bleiben, damit weiterhin junge Menschen und möglichst viele junge Frauen in unserer Demokratie engagiert sind.

Dittmar: Eine konsequente Durchsetzung der Quote könnte schon ein Weg sein, vielleicht auch bei der Vergabe von Kandidaturen für ein Direktmandat. Wobei ich eigentlich wenig davon halte, jemanden nur aufzustellen, weil sie Frau ist. Im kommunalpolitischen Bereich reicht die Quote auch nicht aus. Da wird nach Bekanntheit und Beliebtheit gewählt. Oder danach, wer welche Ehrenämter bekleidet. Da haben es Frauen oft extrem schwer. Zum Kuchenbacken oder Helfen bei Festen sind sie willkommen, aber in den Vorstandschaften findet man sie viel zu selten. Was auch an den Sitzungszeiten liegt, die oft wenig familienfreundlich sind. Hier müssten Vereine und Stadt- und Gemeinderäte mehr Flexibilität zeigen. Warum nicht Sitzungen am Nachmittag und dazu eine Kinderbetreuung?

Rottmann: In der Politik kann man gestalten und lernt unglaublich viel, was man sonst im Leben verpassen würde. Darüber sollten wir mehr reden. Außerdem muss man Frauen ermutigen und ihnen die Ehrfurcht vor Politik nehmen. Wenn Frauen neu in politische Ämter kommen, hilft Begleitung. Wird eine junge Frau in einen Gemeinderat voller alter Hasen gewählt, erlebt sie nicht selten einen Kulturschock. Frauen suchen dann bei sich selbst nach vermeintlichen Fehlern und vergeuden damit viel Kraft. Dabei handelt es sich um einen simplen Mechanismus von Machtausübung. Den zu erkennen und damit umzugehen, kann man von Politikerinnen mit Erfahrung schnell lernen. Und der politische Betrieb selbst muss sich ändern. Endlose Sitzungen, bei denen sich am Ende nicht das beste Argument, sondern der mit dem besten Sitzfleisch durchsetzt - das schließt nicht nur Frauen mit Familie aus, sondern auch viele andere Menschen.

Wie haben Sie es selbst erlebt als Frau in der Politik zu sein? Hatten Sie die gleichen Chancen? Mussten Sie härter kämpfen?

Bär: Politik ist nicht planbar, eine politische Karriere schon gar nicht. "Gleiche Chancen" oder "härter kämpfen" zu müssen, würde die völlige Vergleichbarkeit voraussetzen. Jede und jeder bringt aber seine ganz individuellen Fähigkeiten und durchaus auch Eigenschaften wie Herkunft, Religion, Bildungsgrad mit. Mal nützt einem das eine, mal behindert einen das andere. Der größte Unterschied ist in meiner Erfahrung gewesen, als meine Kinder auf die Welt kamen. Hier waren die Reaktionen so unterschiedlich - egal ob von männlichen oder weiblichen Kollegen - dass ich oft nur mit dem Kopf schütteln konnte. Wichtig ist es, sich etwas zuzutrauen, nicht immer zu warten, bis man gefragt wird, und ein paar belastbare Freundschaften zu haben.

Dittmar: Ich selbst hatte nicht die Riesenhürden. Ich war mit 25 schon Kreisrätin, eine der jüngsten, als ich noch Studentin war. Damals wurde ich auf der Liste von 20 auf zwölf vorgewählt. Da hat der Beruf Arzt noch gar nicht gezogen. Alles weitere hat sich dann nach und nach so ergeben, ganz unabhängig von Geschlechterfragen. Ich weiß aber aus vielen Gesprächen, dass Frauen oft um Plätze auf Listen oder Posten kämpfen müssen. Auch in meiner Partei, obwohl wir schon seit 1988 eine Frauenquote haben.

Rottmann: Ich habe vielfältigere Berufserfahrungen als die meisten im Parlament, bin seit Jahrzehnten in der Politik und in Rechtsfragen macht mir so leicht keiner was vor. Trotzdem erteilen mir manche Kollegen immer noch ungefragt väterliche Ratschläge oder sprechen mich an, als sei ich auf der Wassersuppe daher geschwommen. Ich bin mittlerweile geübt darin, Männern diesen überheblichen Ton abzugewöhnen. Dieses beschränkte Frauenbild scheint sich aber in Teilen der Politik länger zu halten als im Rest der Gesellschaft. Und es nervt. Männer prägen zudem in der Öffentlichkeit immer noch das Normalbild eines Politikers. Kompetenz, Einfluss, Macht - werden Männern eher zugeschrieben. Frauen müssen sich Respekt, Aufmerksamkeit und Anerkennung sehr hart erarbeiten. Manchen, die es verdient hätten, gelingt das nie. Ich kenne in allen demokratischen Fraktionen viele außergewöhnlich begabte, kluge Politikerinnen, die von der Öffentlichkeit, den Medien und leider auch den eigenen Parteien systematisch unterschätzt werden. Bei den Männern in der Politik fallen mir spontan mehr ein, die deutlich überschätzt werden.