Früher stand praktisch in jedem Haushalt ein Spinnrad. Denn neue Kleider kaufen, gab es kaum, und wenn doch, dann waren sie viel zu teuer. Heute werden die Spinnräder oft nur noch zu dekorativen Zwecken aufgestellt, auf Flohmärkten verkauft oder sie wandern ins Museum - zum Beispiel nach Münnerstadt.
"In unserem Depot stehen so einige Spinnräder", erzählt der Leiter des Hennebergmuseums, Björn Hein, und zeigt ein paar seiner Schätze, die schon eine leichte Staubschicht angesetzt haben. Ein altes Sprichwort, das die Zeit, zu der Spinnräder gebraucht wurden und die damit verbundenen Lebensumstände treffend beschreibt, lautet: "Spinnen am Morgen - Kummer und Sorgen. Spinnen am Abend - erquickend und labend." Wer von frühmorgens an schon für seinen Lebensunterhalt spinnen musste, der gehörte zu den Ärmsten, dort waren Kummer und Sorgen zuhause.


Entspannend und kreativ

Heute sind Handarbeiten keine lästige Pflicht mehr, sondern ein entspannendes und kreatives Hobby, wie es der zweite Teil des Sprichwortes besagt. Eine, die das nur bestätigen kann, ist Christel Hild aus Burglauer. Sie spinnt schon seit gut 14 Jahren.
"Das Interesse am Spinnen nimmt ab. Viele Leute wissen kaum mehr etwas darüber, immerhin muss heute niemand mehr das Leinen für seine Aussteuer spinnen", sagt sie und lacht. Damit das alte Handwerk nicht in Vergessenheit gerät, werden zum Beispiel beim Ferienprogramm des Münnerstädter Museums die Spinnräder wieder zum Leben erweckt - Christel Hild war dabei aktiv.
Handspinner sind heute in der glücklichen Lage, tierische und pflanzliche Fasern aus aller Welt verarbeiten zu können. Dadurch eröffnet sich mit einer Spindel oder mit modernen Spinnrädern eine bunte und kreative Welt. "Spinnen macht Freude und ist mit etwas Fingerspitzengefühl und Geduld leicht zu erlernen", schwärmt Christel Hild von ihrem Hobby. "Der Faden entsteht durch zusammendrehen und gleichzeitiges Verziehen von Einzelfasern", erklärt sie. "Eine Handspindel kann sich jeder leicht selber bauen, man kann sie überallhin mitnehmen." Zusammen mit etwas kardierter Wolle passt die kleine Spindel in jede Handtasche und ist jederzeit einsatzbereit. "Hat man erst mal den Dreh raus, dann ist es ein herrliches Gefühl, selbst gesponnene Wolle zu einem Kleidungsstück zu verarbeiten, statt sie zu kaufen."


"Es ist immer ein Erlebnis"

Außer den vielen verschiedenen Schafwollen kann man viele Naturfasern verspinnen oder mischen, wie beispielsweise Angora, Alpaka, Mohair, Hundehaare, Kamelhaar, Ziegenhaar, Seide, Leinen, Baumwolle oder Hanf. Langweilig wird die Arbeit also nicht. "Es ist immer wieder ein Erlebnis, einen Faden entstehen zu sehen, ein eigenes Garn zu entwerfen für einen speziellen Verwendungszweck", findet Hild. Statt nach einem hektischen Tag auf Wellness zu setzen, entspannt sie am Spinnrad. "Da kann man wunderbar abschalten", sagt sie. "Das gleichmäßige Treten, die rhythmischen Handbewegungen und das leise Surren des Spinnrads helfen, den Alltagsstress zu vergessen und zur Ausgeglichenheit zu finden", beschreibt sie die fast meditative Tätigkeit.


Wolle muss vorbereitet werden

Bis das Spinnrad gleichmäßig surrt, ist aber einiges zu erledigen: Die Wolle - beispielsweise vom Schaf - muss vorbereitet werden. Das geht so: Nach der Schafschur werden aus dem Vlies die verschmutzten Teile entfernt, Heu und Kletten ausgezupft. Dann wird die Wolle einige Stunden in Regenwasser eingeweicht. In frischem Wasser wird die Wolle anschließend mit etwas Waschmittel erhitzt, bis leicht Dampf aufsteigt. Dadurch löst sich Schmutz und das Wollwachs. Beim Klarspülen muss man darauf achten, dass der Temperaturunterschied des Spülwassers nicht mehr als zehn Grad beträgt, denn ist das Wasser zu heiß, verfilzt das Material.


Ein kleiner Trick

"Im letzten Spülwasser gibt man etwas Essig hinzu", erklärt Christel Hild, "Das entspannt die Wolle." Danach können die Wollflocken geschleudert werden und trocknen. Je nachdem, ob man ein glänzendes, feines und festes Kammgarn erhalten will, sortiert man schon nach der Schur vom Vlies die Teile mit den schönsten und längsten Wolllocken aus. Diese werden nach dem Waschen und Trocknen mit einer sogenannten "Flickkarde" oder Wollkämmen zum Spinnen vorbereitet. Die kürzeren Teile des Vlieses kann man nach dem Waschen und Trocknen mit Handkarden oder einem Tischkardiergerät zum Spinnen vorbereiten. Im langen Auszug versponnen ergibt das weiches, luftiges Streichgarn.


Das kann man lernen

Lernen kann man das Spinnen auf verschiedenen Wegen: Im Internet findet man Videos, die das Spinnen mit der Handspindel zeigen. Wer lieber in Gesellschaft ist und nach einer Spinngruppe sucht, findet über die Internetseite der Handspinngilde "www.handspinngilde.de" entsprechende Infos. Außerdem ist man dort gerne bereit, Kontakte zu Mitgliedern in Wohnortnähe zu vermitteln.