Es ist wichtig, seelische und psychosomatische Erkrankungen schnell zu behandeln. Sonst besteht die Möglichkeit, dass sie sich verschlechtern und chronisch werden. Um hier in der Region die psychosomatische Versorgung zu verbessern, hat sich im Juli 2008 der Arbeitskreis "Psychosomatisches Versorgungsnetz Main-Rhön" gegründet.

Normalerweise organisiert der Arbeitskreis eine Aktionswoche zum Tag der Seelischen Gesundheit, am 10. Oktober. In diesem Jahr fand das coronabedingt nicht statt. Stattdessen redete Vertreter des Arbeitskreises mit der Redaktion über Risiken und Chancen in der Krise.

Veränderung: Bedrohung und Kontrollverlust

Toni Hauck ist Klinikmanager bei Heiligenfeld, Hans-Peter Selmaier ist Chefarzt der Fachklinik Heiligenfeld und Arzt für psychosomatische Medizin. Elisabeth Lambrecht ist Psychotherapeutin mit einer Praxis in Bad Kissingen und zudem Mitinitiatorin des Arbeitskreises. Für die drei steht fest: Die Umstände der Pandemie begünstigen die Anfälligkeit für psychische Probleme.

Sicher ist für Selmaier: "Auf Veränderungen reagieren Menschen weniger gut. Es hat etwas Bedrohliches und kann zu einem Kontrollverlust führen. Man kann sich nicht mehr an Gewohntem orientieren." Dazu kommt, dass manche Menschen anfälliger sind als andere. "Es gibt bedeutende Unterschiede bei den Menschen. Zum Beispiel, ob ich kleine Kinder habe oder nicht", sagt Lambrecht. In diesem Fall sei es schwierig, vorauszuplanen und Sicherheit zu haben.

Risiken für bestimmte Gruppen

Einkommensverluste sind ebenfalls ein Faktor, unter psychischen Problemen zu leiden. Nach Studien erleiden vor allem Menschen mit Migrationshintergrund und Eltern Einkommensverluste, ebenso Freiberufliche, Selbstständige und das Gastgewerbe.

Auch die Personen, die im Gesundheitswesen beschäftigt sind, seien derzeit sehr belastet. Die derzeitigen Arbeitsumstände begünstigen Angst, Unruhe und depressive Phasen. Klinikmanager Hauck fügt hinzu, dass Menschen mit Vorbelastung in einer solchen Situation Probleme hätten. Beispielsweise die, die schon zuvor mit Angstproblemen zu tun hatten.

Angst als Auslöser

In Lambrechts Praxis ist Angst ebenfalls ein Thema. Aber: "Die Leute kommen nicht, weil sie vor der Pandemie an sich Angst haben, sie ist nur der Auslöser für vieles." Beispielsweise das Gefühl von Einsamkeit oder Stimmungsschwankungen. Vor allem die, die sowieso oft alleine sind, hätten zu kämpfen, sagt Lambrecht mit Blick auf Alte oder Menschen ohne Familie. Häkeltreffen, Chorproben oder Kaffeekränzchen, oft die einzige Möglichkeit, andere zu sehen, sind weggefallen.

Aus psychologischer Sicht erläutert Selmaier, dass das Social Distancing ein Problem darstellt. Hauck hakt ein: "Die Menschen sind sowieso schon einsam, und zu dem Verlust von Kontakten durch die Pandemie kommt noch das Abstandsgebot." Die Folge: Die Menschen verlieren die Verbindung zueinander. Es sei jedoch wichtig, den Kontakt zu anderen aufrecht zu erhalten und sich Alternativen ausdenken.

Kunder und Jugendliche betroffen

Auch Kinder und Jugendliche seien stark von der Pandemie betroffen. Sie konnten lange Zeit nicht in die Schule und waren auf sich allein gestellt. Bei den Jüngeren sei zudem die Möglichkeit des Spiels sehr eingeschränkt, das einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat.

Die Befürchtung: Die Kinder könnten Probleme bei den ersten Prüfungen haben, nachdem sie ein halbes Jahr keinen Präsenzunterricht hatten. "Das braucht eigentlich eine Begleitung der Schüler", meint Hauck und hofft darauf, dass die Lehrkräfte die Schülerschaft unterstützen wird. Verhaltensstörungen bei manchen Kindern seien möglich. "Spätfolgen befürchten wir, können aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts dazu sagen", berichtet Hauck.

Die Unsicherheit in dieser Zeit ist angstfördernd: Lambrecht sieht die Verbreitung von Verschwörungserzählungen als Folge, wie manche Menschen mit Unsicherheit umgehen: "Es ist eine Form, Angst zu bewältigen." Selmaier fügt hinzu: "Es ist ein Erklärmodell, so etwas sucht der Mensch."

Pandemie als Chance

Trotz alldem kann die Pandemie auch als Chance verstanden werden. Bei der psychologischen Beratung gibt es Fortschritte in der Telemedizin. "Wir haben in der akuten Phase die Sprechstunde über ein Videoprogramm aufgenommen", sagt Lambrecht. Das sei erstaunlich konstruktiv gewesen.

"Andererseits hat man auch gemerkt, dass die Menschen hier nicht nur die Therapie bekommen, sondern auch Rückzugsräume. Die haben sie zu Hause teilweise nicht." Es werde zwar nicht die klassische Sprechstunde ersetzen, "aber wir haben gemerkt, dass es die Sprechstunde gut ergänzen kann. Beispielsweise, wenn Patienten in Quarantäne sind, oder längere Zeit beruflich unterwegs", sagt sie.

Selmaier sieht eine weitere Chance: Dadurch, dass vieles nicht mehr funktioniere, könne es zu einer Entschleunigung kommen. Es gebe weniger Ablenkungsmöglichkeiten. "Vielleicht wird mittelfristig dieses höher, weiter, schneller aufgelöst", hofft Hauk.

Tipps der Experten

Ein paar Tipps können die Experten auch geben: Lambrecht rät, die Menge an Informationen zu begrenzen. Neuigkeiten bewusst nur einmal am Tag zu hören, danach besser eine heitere Sendung. "Sonst nimmt das zu so viel Raum im Kopf ein." Selmaier schlägt vor, in Bewegung zu kommen, am besten in der Natur.

Ebenso würden sämtliche Formen von Entspannungsverfahren helfen. Sie wirken therapeutisch und vorbeugend." Hauck erwähnt einen Bekannten, der begonnen hatte, seine Heimat zu erkunden und dabei viel Schönes entdeckt hat.

Die Drei hoffen, dass dadurch bei den Menschen das Bewusstsein für Naheliegendes und die Schönheit ihrer Umgebung wächst. Und, dass das den Menschen vielleicht etwas mehr Lebenszufriedenheit und Dankbarkeit bringt.

Weitere Infos:

Angebot Die offene Sprechstunde soll helfen, psychische Erkrankungen schnell abzuklären und Betroffene in Behandlung zu geben. Termine und Infos unter Tel. 0971 /844 888.

Mitglieder Ärzte, Therapeuten, Pflegepersonal, Kliniken, Sozialarbeiter, Beratungsstellen und sozialpsychiatrische Dienste gehören zum Versorgungsnetz Main Rhön.emue