1945 herrschte in Deutschland Zerstörung, Hunger, Hoffnungslosigkeit und Chaos, die Infrastruktur war fast komplett vernichtet. Aber die, die das Schreckliche überstanden hatten, sie lebten. Wie? Wie war das damals?
70 Jahre nach Kriegsende werden die Zeitzeugen, die das Ende und den Anfang 1945 miterlebt haben, immer weniger. Drei, die mit einer großen Authentizität aus jeder Zeit erzählen konnten, hat der Bad Kissinger Frauenring zu einer Gesprächsrunde
eingeladen. Frauenring-Vorsitzende Birgit Fischer freute sich, dass Dr. Lena Abb-Rühsen, Anni Glatt und Christel Koska von ihren Erlebnissen in der Zeit vor und nach Kriegsende 1945 berichteten.

Junge Ärztin in Würzburg

Als junge Ärztin war die 25-jährige Dr. Lena Abb-Rühsen an der Universitätsklinik in Würzburg tätig. Erst als die Angriffe immer bedrohlicher wurden, verlagerte man Kranke und Ärzte in die Schule von Ochsenfurt. Da es keinen Keller in diesem Gebäude gab, blieb sie während der Luftangriffe bei den Patienten und stand mit ihnen gemeinsam große Ängste aus.
Anni Glatt dagegen führte mit ihrer Familie zu dieser Zeit ein ruhiges Leben in Mühlhausen in Thüringen. Die 15-Jährige war zur Arbeit in einen Rüstungsbetrieb beordert worden.

Flucht nach Sachsen-Anhalt

Die Familie von Christl Koska betrieb im schlesischen Leobschütz bis kurz vor Kriegsende ein Schuhgeschäft in ihrem neu erbauten Wohn-und Geschäftshaus. Gleich zu Kriegsbeginn war der Vater eingezogen worden, so dass die Mutter das Geschäft alleine führen musste. Von den Angriffen wurde der Ort zuerst verschont. "Am 16. März 1945 wurde Leobschütz durch einen Fliegerangriff zerstört und wir mussten fliehen", erinnerte sich Christl Koska. Nach schwieriger Flucht landete die Familie bei Verwandten in Zörbig in Sachsen-Anhalt.

Fliegerangriff übestanden

Dann kam das Kriegsende. Als Anfang April 1945 die Amerikaner näher rückten, wurde auch Anni Glatts Vater zum Volkssturm eingezogen. Sie erinnert sich besonders eindrücklich an einen Vorfall, als sie mit dem Fahrrad unterwegs war und in einen Fliegerangriff geriet - ein fürchterliches Erlebnis für die 15-Jährige, das sie aber unbeschadet überstand. Als die Amerikaner in Mühlhausen einzogen, sei die Stadt schnell und ruhig übergeben worden. "Die Amerikaner fanden wir chic - sie hatten besonders tolle Musik". Es sei jedenfalls friedlich zugegangen, erzählte sie beim Frauenring, "aber meine Mutter warnte uns trotzdem immer, uns von den Amerikanern fern zu halten".

In Ochsenfurt war es ruhig

Als die Amerikaner nach Ochsenfurt kamen, sei kein Schuss gefallen, erinnert sich Dr. Abb-Rühsen. An die Kinder hätten die neuen Machthaber Süßigkeiten verteilt. Kurz nach Kriegsende kehrte die Ärztin mit ihren Patienten in die unversehrten Gebäude der heutigen Uni-Klinik zurück.
Als am 8. Mai die Nachricht kam, dass Deutschland kapituliert hatte, seien alle erleichtert gewesen, erzählte Christl Koska: "Natürlich wurde unsere Familie von Zukunftsängsten geplagt", so Koska, "wir dachten damals immer noch, dass wir irgendwann wieder nach Leobschütz zurückkehren könnten, aber zum Feiern stand uns an diesem Tag nicht der Sinn".

Die Amis zogen wieder ab

"Plötzlich ging das Gerücht um, dass die Amerikaner wieder abziehen würden", erinnerte sich Anni Glatt. Als sich dies bewahrheitete, seien die Russen in Mühlhausen eingezogen. "Im Gegensatz zu den Amerikanern kamen die neuen Besatzer auf armseligen Pferdewagen, sie waren schäbig angezogen und wir trauerten den Amerikanern nach". Alle Männer seien in eine Schule verfrachtet und nach ihrer Tauglichkeit zur Arbeit im Bergwerk untersucht worden. "Es herrschte große Willkür und Angst", erzählte Glatt.
"Unter den Amerikanern ging es friedlich zu", erinnert sich Christel Koska an diese Zeit: "Die Lebensmittelknappheit machte uns Flüchtlingen jedoch sehr zu schaffen. An Fleisch kann ich mich gar nicht erinnern und als eine Freundin uns sechs Eier schenkte, wurde das ein Festtag". Im Tausch zu Lebensmitteln habe ihre Mutter für Andere Wäsche gewaschen und gebügelt und sie sammelten fleißig Bucheckern, um Öl oder Margarine zu ergattern.

Dann kamen die Russen

Wie Anni Glatt in Thüringen erlebte auch Christel Koska in Sachsen-Anhalt den Abzug der Amerikaner und die Ankunft der russischen Besatzer. Bevor sie abzogen, seien die Amerikaner durch die Stadt gefahren und hätten die Menschen aufgefordert, mit nach Bayern zu kommen. "Wir wollten aber immer noch zurück in unsere schlesische Heimat und warteten auf unseren Vater - unser Zögern war ein Fehler, denn bei den Russen wurde alles schlimmer", so Koska. Die Versorgungslage habe sich ständig verschlechtert und es habe viele Vergewaltigungen gegeben.
Moderatorin Barbara Thieles fragte Anni Glatt, wie sie die Rückkehr der deutschen Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft erlebt habe. Sie schilderte dazu ein Erlebnis, das ihr besonders in Erinnerung geblieben sei: Eines Tages habe der Sohn der vornehmen Nachbarsfamilie als Kriegsrückkehrer vor ihrer Tür gestanden. Er hatte zuerst bei ihrer Familie geklingelt, damit sie seine Eltern auf seinen erschreckenden Anblick vorbereiten sollten. "Obwohl ich selbst noch so jung war, habe ich gefühlt, wie gedemütigt der Soldat war", so Anni Glatt.

Die Frauen waren in Angst

Christel Koska erlebte die Unsicherheit der Frauen, die um ihre Söhne und Männer gebangt hatten. Scharenweise seien sie zu Wahrsagern gegangen und die Kirchen waren wieder voll. "Im Sommer 1946 traf eine Postkarte aus einem russischen Kriegsgefangenenlager von meinem Vater ein - auf seine Rückkehr warteten wir dann bis Ende 1948", erinnert sie sich.
Christel Koska berichtete weiter davon, dass ihre Familie es später bereute, nicht den Amerikanern nach Bayern gefolgt zu sein. Es hatte sich nicht nur die Versorgungslage verschlechtert, es kam noch eine andere Bedrohung hinzu: Christl Koskas Schwester Brigitte bediente in ihrer Firma eine neuartige Buchungsmaschine, die nach Russland abtransportiert werden sollte. Und mit der Maschine sollte auch die Person, die sie bedienen konnte, mit nach Russland. "Wir überlegten nicht lange und flüchteten mit Sack und Pack in den Westen", so Koska. Die Flucht wäre fast missglückt, wenn ihnen nicht ein Grenzsoldat geholfen hätte.
Wann für jede der Zeitzeuginnen die Nachkriegszeit wirklich geendet habe, wollte Gesprächsleiterin Barbara Thiele wissen. 1947 hatte Dr. Lena Abb-Rühsen geheiratet. Ihr Mann, ursprünglich Kieferchirurg, hatte im Krieg einen Arm verloren und deshalb zum Fachbereich Röntgenologie umgeschult, um weiter als Arzt tätig sein zu können. Mehrere Jahre lebte die Familie mit zwei kleinen Kindern in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer in Würzburg.

Endlich angekommen

Später zog die Familie nach Bad Kissingen, wo Lena Abb-Rühsen unter schwierigen Bedingungen eine eigene Praxis aufbaute. Ihr Mann arbeitete in seiner Schweinfurter Röntgen-Praxis. Als die inzwischen sechsköpfige Familie in das eigene Haus einzog, in dem Dr. Lena Abb-Rühsen heute noch lebt, fühlte sie sich "angekommen".
Anni Glatt ging nach zwei Jahren Wirtschaftsschule in den Westen zu ihrer Schwester und fand schließlich eine Arbeit beim Hüttenwerk Oberhausen. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie später - beruflich bedingt - nach Bad Kissingen zog. Die fränkische Kurstadt wurde ihr "nach anfänglichen Schwierigkeiten" zur Heimat wurde. "Die Nachkriegszeit ging für mich erst zu Ende, als 1989 die Wende kam. Davor hielt uns die Teilung Deutschlands in den Klauen, da ein Teil unserer Familien im Osten lebte", erinnert sich Anni Glatt.

Eine neue Existenz aufgebaut

1947 war Christel Koska mit Mutter und Schwester schließlich im Ruhrgebiet gelandet - der Vater kam 1948 aus russischer Gefangenschaft. "Als mein Vater zurückkam, hat er sich wie ein Bettler gefühlt - als gebrochener Mann", so Koska. Die Mutter dagegen habe mit ihren Zweckoptimismus für die Familie gesorgt. Nach mühsamen Stationen hatten die Eltern ein Schuhgeschäft in Essen übernommen, das eine gute Existenzgrundlage bot und das Christel Koska später übernahm. Zuvor hatten sie und ihre Schwester sich in gute Stellungen hochgearbeitet und lernten endlich, die zurückliegenden schwierigen Zeiten zu vergessen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.