Die Arbeit macht ihm Freude. Deshalb entschied sich Dr. Gerhard Schmeisl (70), das Angebot von Chefarzt Dietmar Brückl vom Rehabilitations- und Präventionszentrum Bad Bocklet anzunehmen. Er kehrte aus dem Ruhestand zurück. Seit März arbeitet er in der Rehaklinik als stellvertretender Chefarzt der Inneren Medizin. Er hat dort bereits einige Patienten behandelt, die unter den Langzeitfolgen ihrer Corona Erkrankung leiden.

Welche Erfahrungen mit Corona-Patienten haben Sie gemacht?

Dr. Gerhard Schmeisl: Ich habe hautnah mitbekommen, wie Patienten von der Intensivstation eines regionalen Akut-Krankenhauses nach Würzburg verlegt worden sind, weil sie nicht mehr weiter beatmetet werden konnten. Mittlerweile kennen wir einen der Gründe, woran es liegt, dass die Leute sterben.

Woran denn?

Es sind Thrombosen, die sich in den Lungengefäßen bilden. Und auch im Herz oder im Gehirn Schäden hinterlassen können. Das hat man bei der Obduktion von Covid-19-Toten gesehen. 80 Prozent hatten Thrombosen in den Beinen oder an anderen Stellen. Es handelt sich um eine Multiorgan-Erkrankung, also eine Erkrankung, die mehrere Organe gleichzeitig betrifft.

In der kurzen Zeit, in der ich hier an der Klinik bin, hatte ich schon über zehn Post-Covid Patienten, zwischen 36 und 48 Jahre alt. Es sind nicht nur ältere, sondern auch jüngere Menschen betroffen. Alle hatten eine heftige Covid-Erkrankung. Zwei haben eine Anosmie, die riechen nichts. Drei sind nicht mal die Treppe hochgekommen. Das ist wirklich erschreckend. Die Patienten sehen gesund aus und sagen dann: "Ich kann nicht, ich muss langsam die Treppe gehen."

Das kenne ich von Lebererkrankungen. Das Organ sieht zunächst gesund aus, die Blutwerte sind normal, trotzdem sind die Patienten müde, kaputt, monatelang schlapp. Man könnte meinen, die behaupten das nur.

Wie prüft man,ob die Leute simulieren?

Man kann einen Herzultraschall, eine Lungenfunktionsdiagnostik oder Gefäßuntersuchungen machen oder röntgen. Viele andere Dinge wird man wahrscheinlich erst später sehen, zum Beispiel, ob neurologisch etwas ist, wenn die Leute sich nicht mehr konzentrieren können. Ich nehme die Erkrankung wirklich sehr ernst.

Welche neueren Erkenntnisse gibt es?

Wenn man Cortison schon in der Frühphase der Erkrankung verwendet, etwa dieses Spray, was Asthmapatienten regelmäßig haben, dann wird der Verlauf leichter. Auf der Intensivstation macht man das, weil man merkt, dass dann die Aufnahme der Viren über die ACE2-Rezeptoren nicht so funktioniert und die Infektion langsamer abläuft. Cortison ist ein wundervolles Mittel. Aber es führt beim Diabetiker dazu, dass der Zucker ansteigt.

Inwiefern ist das problematisch?

Wenn die Gerinnungsfähigkeit des Blutes massiv zunimmt und man gibt dann Cortison dazu, steigt der Zucker. Wenn man das nicht berücksichtig, kann das eine sehr komplexe und gefährliche Situation werden.

Das ist ein Problem in den Kliniken. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft fordert deshalb schon, bei allen Personen, die auf die Intensivstation kommen, einen Zuckertest zu machen.

Die Ärzte und alle, die dort arbeiten, müssen dafür sensibilisiert werden. Wenn Patienten und Mitarbeiter geschult sind, wissen sie: Der Blutzucker darf nicht zu niedrig und nicht zu hoch sein. Weil die Leute sonst auf der Intensivstation und auch danach vermehrt sterben können.

Das Messen des Blutzuckers ist so wichtig?

Wir wissen aus dem Verlauf von Covid-19, dass der Verlauf viel komplizierter wird und dass die Sterberate doppelt so hoch ist, wenn Leute schlecht eingestellt sind.

Während der Pandemie hat man Studien gemacht und dabei Diabetiker und Nichtdiabetiker, die übergewichtig sind, untersucht. Das Schlimme: Der Verlauf während der Covid-Erkrankung war ähnlich schlecht. Es ist alleine die Tatsache, dass die Zuckerwerte hochgehen. Auch wenn man davor noch kein Diabetes hatte, verschlechtert das die Situation dramatisch.

Was sollten Diabetes-Patienten tun?

Patienten sollten vierteljährlich zur Kontrolle gehen. Wenn sie im Disease-Management-Programm (Anmerkung der Redaktion: Behandlungsprogramme, die chronisch Erkrankten dabei helfen sollen ihre Erkrankung in den Griff zu bekommen und die Lebensqualität zu verbessern) drin sind, dann haben sie den Kontakt, den man braucht.

Aber es gibt viele, die sind nicht im Programm, obwohl sie an Diabetes erkrankt sind. Und: In der Pandemie sind viele von den Betroffen, die normalerweise zum Arzt gehen, nicht in die Praxis gegangen. Die haben Angst gehabt.

Ich sage: Leute geht hin! Lasst euch untersuchen! Macht den Blutzucker-Test und die Einstellung! Und: Haltet mit den Selbsthilfegruppen Kontakt! Selbst wenn es telefonisch ist. Aber viele Menschen mit Diabetes Typ 2, gerade ältere Personen, messen keinen Blutzucker.

Obwohl sie wissen, dass sie Diabetes haben?

Viele sagen: "Ich habe ein bissen Zucker" oder "Ich hatte mal so ein bisschen Diabetes." Das Problem ist, dass es bagatellisiert wird, von den Behandelnden als auch von den Patienten. Deshalb kann man nur immer wieder sagen, dieses Disease-Management-Programm war ein Segen. Das bringt was. Die Leute haben engen Kontakt zum Arzt, zum Diabetologen, zur Schwester oder zum Diätassistenten.

Warum sind Diabetes-Patienten momentan besonders gefährdet?

Viele Menschen haben während der Pandemie zugenommen, keinen Sport gemacht und wenn sie jetzt noch eine Infektion bekommen, dann sind sie schon an einer Grenze. Der Körper kann den Zucker dann noch schlechter verwerten. Gerade Patienten mit Diabetes Typ 2, die nicht regelmäßig messen, die können Zuckerwerte von 400, 600 oder 1000 bekommen. 1500 oder 2000 habe ich auch schon erlebt. Als Vergleich: Unter 100 ist nüchtern normal.

Zur Person: Vor seinem Wechsel an das Rehabilitations- und Präventionszentrum Bad Bocklet war Dr. Gerhard Schmeisl von 2004 bis Juni 2020 als Chefarzt in der Deegenbergklinik Bad Kissingen sowie zwischen 2011 und 2017 zusätzlich als Chefarzt in der Diabetologie an der Klinik Saale tätig. Er ist Autor und Herausgeber des "Schulungsbuch Diabetes", Initiator und Gründer des Diabetes Forums Bad Kissingen. Außerdem ist er Mitglied in verschiedenen Fachgesellschaften. Darunter die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, Deutsche Gesellschaft für Angiologie/Diabetologie, Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie nationale und internationale Advisory Boards. Er ist seit Jahren Dozent an der Sozialakademie der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV-Bund). Von 2001 bis 2020 war er Lehrbeauftragter der Universität Würzburg. 2014 wurde ihm die Leo Malcherczyk-Medaille in Gold des Deutschen Diabetikerbundes verliehen.