In dem Moment, in dem Harald Spitzhirn Feuer an die Zündschnur gibt, bleiben ihm noch genau 6 Minuten und 21 Sekunden. "Uns schützt nur Erfahrung und Vorsicht", sagt der Feuerwerker. Mit seinen Leuten hat er ein kleines Stück Wald akribisch durchkämmt. Das Ergebnis: Ein rund 50 Kilogramm schweres Geschoss der Amerikaner, ein Leuchtgeschoss und eine Patrone, kaum größer als eine Handbreit. Absperrband und knallrosa Farbspray markieren die Fundstellen. Routiniert schneidet Spitzhirn ein Päckchen mit 500 Gramm PETN auf und legt es auf das Leuchtgeschoss. Jetzt muss er die rosa Knetmasse nur noch mit der braunen Zündschnur verbinden und dann nichts wie weg.
Seit 1938 schießt das Militär auf das Dammersfeld, zuerst die Wehrmacht, dann die Amerikaner und jetzt die Bundeswehr. Alle hinterließen Spuren. Doch die tiefen Krater, die sich wie Narben in den Boden graben, sind kein Problem. Die Gefahr geht von den Blindgängern aus. Denn was in den Geschossen steckt, weiß selbst Spitzhirn nicht. Noch nicht.

Gerüchte halten sich hartnäckig


"Die Bundeswehr schießt auf einer Bahn entweder scharf oder mit Übungsgeschossen", erklärt Harke. "Die Amis haben da keinen Unterschied gemacht, deshalb kann prinzipiell überall was liegen." Aus diesem Grund gibt es in der Rhönkaserne einen Keller, in dem Geschosse aller Art ausgestellt sind.
"Damit die jungen Feuerwerker mal sehen, was uns hier alles begegnen kann", sagt Harke. Sogar Geschosse aus den Weltkriegen sind dabei.
Nur eines findet sich im Keller nicht: Sprengköpfe für mit Uran angereicherte Munition. In der Bevölkerung hält sich das Gerücht hartnäckig, dass in Wildflecken Atomwaffen gelagert haben sollen. "Es gab hier keine Atomwaffen", stellt Harke klar und ergänzt: "Wir haben die Dammersfeldkuppe untersucht, weil wir den Verdacht hatten, dass hier uranhaltige Munition vernichtet wurde. Das hat sich aber nicht bestätigt."

Einmal hätte es Harke fast erwischt


Mittlerweile hat es Spitzhirn rechtzeitig aus dem Wald geschafft. "Um 10.32 Uhr müsste die Ladung hochgehen", sagt er und schaut auf seine Uhr. Es ist 10.29 Uhr. Für Feuerwerker wie ihn gehören Explosionen zum Alltag. Ein spannender Job? "Wenn wir nichts finden, ist es sogar regelrecht langweilig", sagt er. 10.31 Uhr. Für Wolfgang Harke liegt die größte Gefahr auch gar nicht in der Erde verborgen. "Routine ist unser Tod", sagt er und erzählt, wie er einmal ein Geschoss völlig falsch eingeschätzt hat. "Das hat sich mir fest eingebrannt."
Um 10.32 Uhr tut es einen Schlag, der durch Mark und Bein fährt. Spitzhirn zuckt nicht mit der Wimper. Später verbrennt er mit einer Magnesiumfackel die Reste der Geschosse. In keinem war Sprengstoff.