Von Gerhard Fischer

M atthias Adrians Traum aus Kindertagen ist in Erfüllung gegangen. Als kleiner Bub irgendwo im Alpen-Urlaub hatte er seiner Mutter ins Ohr geflüstert: "Ich will einmal eine Frau mit einem Lift heiraten." Wahrscheinlich hatte sich der Naturbursche damals noch etwas hochalpine Bergwelt dazu gewünscht.
Daraus ist zwar nichts geworden. Aber hier oben, an der Bergstation des Arnsberg-Doppelliftes in der Rhön, ist eine ähnliche Verzückung garantiert: Baum um Baum im dick gepolsterten Schneekleid, ein unbegrenzter Blick hinunter ins Brendtal, die Kuppen gegenüber fein überzuckert, Schneewolken und blauer Himmel bilden ein ideales Muster.
Ein Winterparadies eben. Und für Matthias Adrian das Hochzeitsparadies. Am 11.1.2011 hat er unter dem Gipfelkreuz unweit der Bergstation seiner Madeleine das Ja-Wort gegeben, unter den Augen des damaligen Bürgermeisters Udo Baumann. Das Gipfelkreuz ist offizieller Trauungsort der Stadt.


Mit Lift und Liebe

Und mit seiner Madeleine ist Adrian nicht nur zur Liebe seines Lebens, sondern auch zu seinem Skilift gekommen. Madeleine ist die Tochter von Gustav und Ingeburg Schrenk, die 2002 die Arnsberglifte übernommen haben und mit Tochter und Schwiegersohn seit 2013 fleißige Lift-Erben um sich wissen.
Madeleine sitzt mit ihrer Kollegin Simone Hornung aus Schönderling im Kassenstübchen des Arnsberg-Doppelliftes. Von oben bläst die Gasheizung wohlig warme Luft in die Bude, draußen an den Fenstern rutschen farbenfroh die Skifahrer und Snowboarder vorbei. "Eine Halbtageskarte für Kinder!", ruft es durch das kleine Fenster. "Nein, der Kleine geht noch nicht in die Schule", sagt eine andere Stimme. Es brummt am Arnsberglift. Ticket um Ticket wird abgestempelt, bunte Mini-Papiersternchen von den entwerteten Punktekarten landen auf dem Thekenbrett. Dann fragen zwei Mädchen nach Skiwachs und werden an die Talstation verwiesen.


Tricksen mit Tickets

"Es macht Spaß, hier zu arbeiten. Es ist viel los und die Zeit geht auch schnell rum", sagt Simone Hornung, eine ehemalige Arbeitskollegin von Madeleine Adrian. "Und wir kennen unsere Pappenheimer, die mit den Tickets zu tricksen versuchen", schmunzelt Hornung, die an den Wochenenden da ist.
Flexibles Personal, das ist das A und O. Wenn es heute ausreichend schneit, muss am nächsten Tag der Betrieb starten. Die Winter sind unzuverlässig geworden, die Rhöner Winter zumal. "Aber eigentlich kennt das auch schon mein Vater aus der Vergangenheit, dass es gute und schlechte Winter gab", sagt Madeleine Adrian.
Bemerkenswert sei aber schon, dass sich der Winter immer später meldet. Auch heuer war bis auf das Dreikönigswochenende in den Winterferien nicht an Liftbetrieb zu denken. Der Januar und Februar sind mehr und mehr die Schwerpunkte des Winters. Mittlerweile gibt es auch Pläne, den Lift im Sommer für einen Bike-Park für Mountainbiker zu nutzen. Die können gerne auch auf den Campingplatz kommen, den Familie Adrian in Bischofsheim ganzjährig betreibt.

Draußen brummen die Dieselmotoren, die den Doppellift antreiben. "Hier läuft ein Sechszylinder Deutz-Motor mit 90 PS, im Tal ist es ein Achtzylinder mit 150 PS", weiß Matthias Adrian, der täglich die Technik kontrolliert. Am Lifteinstieg stehen die "Anbügler", bei den Damen gerne auch scherzhaft "Liftboys" genannt. Einer davon ist Felix Adrian, der Bruder des Chefs. "Das ist schon körperliche Arbeit den ganzen Tag in der Kälte, und hin und wieder bekommt einer auch mal einen Bügel ab. Da heißt es aufgepasst", hat Madeleine allen Respekt vor dem Job ihres Schwagers. Felix ist eine wichtige Kraft im Familienbetrieb. Er kümmert sich um den Internetauftritt, um das tagesaktuelle Facebook-Profil und seit neuestem um die Arnsberg-App, die sich Wintersportler auf ihr Smartphone laden können und die mit Wetterbericht, Öffnungszeiten und Webcam-Bildern aufwartet. Eigentlich arbeitet Felix Adrian beim Zoll in Frankfurt, packt aber gerne mit an, wenn der Arnsberg ruft. Der ruft, wenn der Schnee gut gefallen ist, schon früh am Morgen. "Mit der Pistenpräparierung beginnen wir früh um 5  Uhr", erklärt Adrian. Vier Stunden dauert es, um die Abfahrten in Schuss zu bringen. Mit dem hauseigenen Unimog wird noch der große Parkplatz geräumt, bevor der Betrieb startet. Und nach einem langen Tag mit Kontrollen und Arbeiten ist auch nach Liftschluss noch lange nicht an Feierabend zu denken.
"Etwa eine halbe Stunde nach Betriebsende werden die Pisten wiederum etwa vier Stunden präpariert. Wenn's über Nacht schneit, dann am nächsten Morgen noch mal", sagt Adrian. Arbeit genug gibt es auch für die jungen Leute des Arnsberg-Funparks für Snowboarder. Sie haben sich in den vergangenen Jahren allerlei Hindernisse geschweißt, über die sie mit Snowboards gleiten und springen.
Seit er Madeleine kennt, kennt er die viele Arbeit rund um den Pistenspaß für andere. Und sie macht ihm bis heute Spaß. Drei Pistenwalzen sind auf dem Arnsberg unterwegs, zwei große und eine kleine für die Liftspur. Dazu kommen zwei Schneekanonen im Tal. Kürzlich haben Unbekannte die Schläuche für die Kanonen zerschnitten und damit für einigen Ärger gesorgt. "Sie müssen pudelnass geworden sein", ist es Matthias Adrian immerhin ein schwacher Trost. Der Kunstschnee kommt hauptsächlich im Talbereich zum Einsatz, kann bei Bedarf aber auch auf den Berg transportiert werden.
Dort oben bläst ein kalter Wind. Am Liftende holen die Skifahrer noch einmal tief Luft, bevor sie eine der Pisten hinabsausen. Immerhin bis zu zwei Kilometer kann man am Stück ins Tal gleiten, neuneinhalb Pistenkilometer stehen bereit. Wie ein Hochsitz thront die Beobachtungskanzel der Bergstation. Drinnen sitzt Berthold Morber, ein Rentner aus Schönderling. Sein kuscheliger, roter Pullover ist eine Farbexplosion im weißen Einerlei hier oben. "Letztes Jahr habe ich hier angefangen. Und gleich hat sich ein Bügelseil im Lift verheddert. Dann muss man mit der Leiter auf das Liftseil hinauf, eine wacklige Angelegenheit im Tiefschnee", erzählt Morber.


Jahrzehntelang erprobte Telefontechnik

Vor sich hat er die zwei gelben Notschalter, um den Lift sofort zu stoppen, wenn sich Skifahrer beim Ausbügeln verheddern. Außerdem stehen zwei ehrfurchtgebietende Telefone auf dem Tisch, mit denen schon Jahrzehnte der Kontakt zur Talstation gehalten wird. "Es ist überhaupt nicht langweilig hier oben, man muss immer mit wachsamen Augen dabei sein", sagt Morber und vergisst dabei nicht, mit einem Auge das Liftende zu observieren. "Manchmal stieren die Leute einfach zu mir in die Bude hinein, sekundenlang. Dann stiere ich einfach zurück."
Der große Arnsberglift mit der Talstation Oberweißenbrunn geht heuer in die 50. Saison. 1966 wurde er gebaut, 1970 folgte der Doppellift mit dem Einstieg an der Kreuzbergstraße, 1972 kam der Kinderlift hinzu.
"Ein solcher Liftbetrieb in der Rhön lässt sich nur aufrechterhalten, wenn die ganze Familie zusammenhält", sagt Madeleine Adrian. Deshalb sind auch Gustav und Ingeburg Schrenk immer vor Ort, wenn es geht. Und schon der zweijährige Maiko, jüngster Spross im Familienbetrieb, und sein vierjähriger Bruder Malte, haben beim Ritt auf dem Schneescooter ihren Spaß.
Und wenn die Scooter-Ketten den Rhöner Pulverschnee aufwirbeln lassen und das Winterpanorama vorbeirauscht, dann will kein Zweifel aufkommen, dass der Winter in der Rhön eine Zukunft hat.