Kein Aufatmen für die 22 498 Menschen oder Firmen, die im Landkreis Bad Kissingen Dieselautos der Schadstoffklassen Euro 1 bis Euro 5 besitzen: Zwar hat das Bundesumweltministerium gemeldet, es habe das Thema Blaue Plakette bis zum Herbst auf Eis gelegt. Das Umweltbundesamtamt bläst aber trotzdem weiter zum Sammeln für alle, die mittels blauer Umweltzonen rot-gelb-grünen Dieseln die Einfahrt in Stickoxid belastete Stadtzentren verbieten wollen: "Wir halten eine Blaue
Plakette, mit der nur noch die Dieselfahrzeuge in die Innenstädte fahren dürften, die die Euro-6-Grenzwerte auch im Fahrbetrieb nicht überschreiten, für die effizienteste Maßnahme",' zitiert dpa die Behördenchefin Maria Krautzberger. In Stuttgart fordert der Verkehrsclub Deutschland an Tagen mit hoher Belastung nun generelle Fahrverbote. Die dortige Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart - eine der größten Deutschlands - plädiert dagegen schon länger für ein anderes Konzept: Umstiegsprämien von alten auf neue Diesel oder Benziner oder Elektroautos. Aber nur, wenn dafür auch alte Diesel verschrottet werden und die Luft sauberer wird.


Problematische Verteilung

Beim jetzigen Stand der Dinge gäbe es im Kreis Bad Kissingen für rund 93,9 Prozent aller Diesel keine blaue Plakette. Und wenn aktuell sogar noch 6018 Menschen mit Diesel-Pkw der Schadstoffklassen Euro 1 bis Euro 3 unterwegs sind, wie die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes für 2016 ausweisen, dann gilt für die, was auch in der "Feinstaubhauptstadt" Stuttgart gilt. Dort wies Torsten Treiber als Obermeister der Innung darauf hin, dass die Blaue-Plaketten-Idee nicht nur die Besitzer von Dieselfahrzeugen bis Euro 5 jetzt bares Geld kostet, weil der Wert ihrer Pkw bereits durch die Diskussion sinke. Er kritisierte auch, dass alle, die auf den Diesel eindreschen, vollkommen vergessen hätten, wen das trifft: "Menschen, die ältere Pkw fahren, tun dies meistens nicht, um der Umwelt bewusst zu schaden, sondern weil das Haushaltseinkommen begrenzt ist. Wenn die Politik die gestern hochgelobten Umweltdiesel morgen aus dem Verkehr ziehen will, dann geht das nur mit Umstiegsprämien.''

Bei Dieseln sind die Partikel krebserregend und der Stickoxidausstoß ist gesundheitsgefährdend. In beiden Fällen gilt die Faustregel, je älter der Diesel, desto problematischer. Deswegen gibt es unterschiedliche Schadstoffstufen, und bei denen sah die Verteilung zu Jahresanfang und im Vergleich zu 2015 im Landkreis Bad Kissingen so aus: Euro 1: 171 Diesel-Pkw (Vorjahr: 198). Euro 2: 1659 Diesel-Pkw (Vorjahr: 1928). Euro 3: 4188 Diesel-Pkw (Vorjahr: 4611). Euro 4: 7224 Diesel-Pkw (Vorjahr: 7524). Euro 5: 9256 Diesel-Pkw (Vorjahr: 7896). Euro 6: 1259 Diesel-Pkw (Vorjahr: 379). Ohne Emissionsgruppe, weil zumeist Oldtimer, sind 62 Diesel-Pkw (Vorjahr: 63).


Die Zeit regelt das Problem

Das Problem der Partikel- und NOx-Schleudern erledigt zumindest teilweise auch der Zahn der Zeit: In der Gruppe der Euro 1-Diesel sank die Zahl der Pkw im Kreis Bad Kissingen binnen eines Jahres um 27. In der Gruppe Euro 2 betrug der Rückgang 269 Pkw. Euro 3-Diesel wurden von 2015 auf 2016 um 423 weniger. Euro 4-Diesel verringerten sich im gleichen Zeitraum um 300. Neue und gebrauchte Diesel der Gruppe Euro 5 kamen aber noch 1360 zusätzlich auf die Straßen. Die Euro 6-Diesel nahmen um 880 zu.

Wenn's schneller gehen soll, muss der Austausch durch Anreize beschleunigt werden. Jetzt liegt der Ball bei den Verkehrsministern. Eine Arbeitsgruppe der Verkehrsministerkonferenz soll bis Herbst Vorschläge machen. "Wir sind offen für Alternativen", heißt es aus dem Umweltministerium. Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des baden-württembergischen Kraftfahrzeuggewerbes, kennt schon eine realistische: "Die Hersteller von Nachrüstsystem sind dabei, Euro 6-fähige Systeme zu entwickeln."