Die Räume sind hell, freundlich, voller verschiedenster Materialien, mit denen die derzeit 43 Mädchen und Jungs in zwei Klassen auf eine Weise lernen, die sich grundlegend von traditionellen Grundschulen unterscheidet.
Hier duzen nicht nur die Lehrkräfte die Kinder, sondern auch die Kinder die Lehrer. Schon das schafft eine besondere Lernatmosphäre. "Uns geht es um die individuelle Förderung eines jeden Kindes", sagt Lutz, denn: "Jedes Kind hat seinen ganz eigenen Bauplan." Jedes soll - in einem gemischten Klassenverband von Sechs- bis Zehnjährigen - in seinem Tempo lernen, ausprobieren und Lösungen entwickeln. Getreu dem Grundsatz von Maria Montessori geben je zwei Kissori-Lehrkräfte pro Gruppe den Kindern die Möglichkeit, eigene Entdeckungen zu machen, wissend, dass das Interesse des Kindes allein davon abhängt. "Über den Erfolg bei der eigenen Arbeit entdecken sie die Freude daran", sagt der Schulleiter.
Ganz anders als an anderen Schulen ist hier Ruhe im Gebäude. In der Küche schnipseln Niklas, Fabio und Joshua Apfelschnitze, Barbara Pfeuffer, zuständig für Schulgarten und -café, betreut das "Apfelprojekt", und Niklas erklärt: "Wir haben die Äpfel selber im Schulgarten geerntet." Jetzt wird damit gekocht und gebacken. "Thema ist der Umgang mit der Natur und mit heimischen Produkten", sagt die Betreuerin. Und Fabio gefällt, dass er in der Küche im eigenen Tempo arbeiten kann: "In meiner früheren Schule musste alles immer so schnell gehen."
Während die Jungs das Mittagessen bereiten, lernen in zwei anderen Räumen zwei gemischte Gruppen miteinander. Ein Mädchen rechnet mit Perlen, ein Bub ist stolz auf seine selbst geschriebene Geschichte, ein anderer sagt "Mathe ist toll", ein Mädchen zeigt - hoch konzentriert - einem anderen das Schreiben von Buchstaben. "Psst", macht ein Bub, der sich vom Gespräch zweier Mitschüler gestört fühlt beim Nachdenken. Ungewollt nimmt er dem Lehrer, Stefan, das Einschreiten müssen ab, und der lässt sich von den Kindern nacheinander erläutern, wer gerade was lernt oder gelernt hat. Wie überblickt man, wer was macht? Stefan Göbel sagt, "man sieht die Fortschritte jedes Einzelnen und bespricht sich ständig." Kollegin Ilka Weißenberger bestätigt das, und der Chef, den alle Richard nennen, ergänzt: "Es ist etwas unbequemer, hier Lehrer zu sein, als vorne zu stehen und gegen die Wand zu reden. Man muss sehr flexibel sein, sich ständig über jedes Kind mit den Kollegen austauschen." Was Kinder brauchen, um sich zu selbstständigen Menschen zu entwickeln, seien Offenheit, Freiheit, Geduld, Achtung, Führung, Grenzen und Zuwendung. Nach der Stunde spricht man, im Kreis am Boden sitzend, darüber. In ruhigem Ton. Auch wenn die Kinder ihre spannenden Erfahrungen schildern. Man spürt ihren Appetit auf mehr Wissen. "Wer so aktiv und konzentriert ist, kennt keine Langeweile", erklärt Schulleiter Lutz später die gespannte Ruhe, und: "Wo Aufmerksamkeit ist, braucht es kein Ritalin."
Zwei Jahre hat der Montessori-erfahrene Pädagoge am Konzept für Kissori geschrieben, ein Volks- und ein Grundschulleher sowie drei Erzieher/-innen arbeiten mit ihm an der Umsetzung. "Und natürlich die Eltern", sagt Lutz.