Lichtleins 30-jähriger Sohn ist PC-abhängig. Seit 15 Jahren geht das nun schon so: "Er vernachlässigte sich immer mehr. Ist inzwischen richtig verwahrlost." Die Frau aus der Region Würzburg schluckt. Dann sagt sie etwas, was ihr sichtlich schwer fällt: "Er stinkt. Denn er wäscht sich kaum noch."
Mithilfe seines Computers flüchtet Rita Lichtleins Sohn aus einer Welt, die ihm unerträglich scheint. Einmal fragte die Mutter ihn, warum er ununterbrochen vor der Flimmerkiste sitzt, spielt und über das Headphone mit Menschen kommuniziert, die er eigentlich gar nicht kennt. "Hätte ich das nicht, würde ich mich von der Brücke stürzen", war die Antwort.

Kaum noch soziale Kontakte


Der 30-Jährige, der einen Aufenthalt in einer Suchtklinik und eine stationäre Behandlung in der Psychiatrie hinter sich hat, leidet unter extremer Einsamkeit: "Es gibt kaum noch soziale Kontakte." Seine Mutter ruft ihn einmal in der Woche an. Will wissen, wie es ihm geht. Manchmal hebt er ab. Lichtlein: "Er selbst würde niemals anrufen."
Bei Suchtkranken, sagt Petra Müller von der Suchtberatungsstelle der Caritas in Würzburg, wird in erster Linie an Menschen gedacht, die von Opiaten wie Heroin und Morphium oder von Alkohol abhängig sind. Die um sich greifende Mediensucht wird als neues Problem noch kaum wahrgenommen. Dabei geht es vielen Eltern so wie Rita Lichtlein. Seit Jahresbeginn trifft sich die Mutter mit zwei weiteren Frauen und Petra Müller einmal im Monat, um sich auszutauschen und seelisch zu entlasten. "Unser Ziel ist es, zu lernen, dass wir uns wieder um uns selbst kümmern", sagt Mariela Noll, deren 24 Jahre alter Sohn ebenfalls nicht mehr vom Computer loskommt.

Rückfall in alte Muster


Vor einem Jahr war Rita Lichtleins Sohn auf einem guten Weg, die Mutter schöpfte neue Hoffnung, doch dann kam ihm wieder die Sucht in die Quere. "Nach dem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik war er wie verwandelt", erinnert sie sich. Der junge Mann wollte ein neues Leben beginnen. Die Sucht hinter sich lassen: "Dann verfiel er jedoch neuerlich in sein altes Muster." Warum? "Er kam in seine alte Wohnung zurück. Also dorthin, wo ihn alles an seine Sucht erinnerte", erläutert Petra Müller, die den PC-Abhängigen vor drei Jahren viele Wochen lang beraten und begleitet hat. "Eigentlich hätte er nach der Psychiatrie eine neue Wohnung gebraucht. Und ein vollkommen neues Milieu."
Rita Lichtlein hat das ständige Auf und Ab mit ihrem Sohn längst sattbekommen. Und doch will sie sich nicht völlig abwenden: "Er ist doch mein Kind." Die beiden anderen Frauen in der Runde nicken. Alle drei wissen, wie schwer es ist, sich abzugrenzen. "Ich habe meinen Sohn seit einem Monat nicht mehr angerufen", sagt Mariela Noll. Und Inge Hotz macht Druck, dass ihr 18 Jahre alter Sohn, mit dem sie zusammen lebt, endlich auszieht: "Ich habe ihm ein Ultimatum gesetzt." Denn so könne sie selbst nicht mehr weiterleben: "Mein Sohn ist ein aggressiver, lauter Spieler. Er schreit dauernd in sein Headphone, wenn ihm nicht passt, was die anderen tun." Das störe inzwischen auch die Nachbarn massiv.
Ihrem Sohn das permanente Spielen am Computer auszureden, ihn zurück ins "echte" Leben zu holen, darin sieht Rita Lichtlein keinen Sinn mehr.
Lange hat sie gekämpft. Um ihren Sohn zu unterstützten, ging sie vor wenigen Jahren zusätzlich zu ihrem Job noch auf 400-Euro-Basis arbeiten: "Er wollte doch studieren." Dann stellte sich heraus, dass all die Leistungsnachweise, die er den Eltern per Mail hatte zukommen lassen, gefälscht waren: "Da ist bei mir innerlich etwas zerbrochen." Rita Lichtlein musste sich eingestehen, dass sie keine Möglichkeit mehr hat, ihrem Jungen zu helfen: "Ich habe ihn ans Internet verloren." Mühsam versucht sie seither, innerlich Distanz zu gewinnen.
Ob das Jobcenter jenen Stein ins Rollen bringen kann, der ihrem Sohn den Weg aus der Sucht bahnt? An diesem Punkt steht Mariela Noll gerade. Wegen seiner Internetsucht schaffte ihr Junge das Abitur nicht. Er ging vom Gymnasium mit der Mittleren Reife ab. Danach bildete er sich nicht mehr weiter. Vage berufliche Wünsche hat er zwar. "Er will was mit Medien machen", sagt Noll mit einem sarkastischen Unterton. Doch die Pläne sind noch nicht weit gediehen. Inzwischen hat der 24-Jährige mit dem Jobcenter Kontakt: "Wobei wir die Miete übernehmen müssen, bis er 25 Jahre alt ist." Danach wird es keine elterliche Unterstützung mehr geben. Ob der junge Mann dann aufwachen wird?