Genau genommen hat Bad Bocklet ein kleines historisches Datum verschlafen. Denn bereits vergangenes Jahr hat sich zum 40. Mal gejährt, was man als den ersten Schritt auf dem Weg zu der Marktgemeinde bezeichnen könnte, die Bad Bocklet heute ist: Eine Gemeinde, die aus den Ortsteilen Bad Bocklet, Aschach, Großenbrach, Nickersfelden, Hohn, Roth und - nicht zuletzt - Steinach besteht. Die Gebietsreform, die üblicherweise ins Jahr 1972 datiert wird, hatte hier bereits früher Spuren gezogen, nämlich ein Jahr zuvor. Und es gibt nur wenige, die als Zeitzeugen davon erzählen können, wie sich diese Verschmelzung vollzogen hat, an der sie selbst aktiv mitgewirkt haben. Helmut Schuck ist so ein Zeitzeuge.
Wenn man mit ihm über die Jahre vor und um die Gebietsreform ins Plaudern kommt, blüht der inzwischen 76-jährige Steinacher auf. Man merkt, dass er ein bisschen stolz ist auf die vielen Jahre, die er aktiv Gemeindepolitik gemacht hat. "Ich darf für mich in Anspruch nehmen, die Gemeinde gestaltet zu haben. Heute wird mehr verwaltet", sagt er, während er in seinen Unterlagen von damals blättert. "Ich habe alle Kalender und Aufzeichnungen aufgehoben, da erinnert man sich." Und wenn er recht überlegt, wie es dazu kam, dass aus sieben eigenständigen Dörfern eine Einheitsgemeinde geworden ist, gesteht er: "Die Sonder schlüsselweisungen waren das Lockmittel." Will heißen: Es gab Extra-Geld vom Freistaat für alle, die sich zu größeren Verwaltungseinheiten zusammenschließen. Die Idee zur bayernweiten Gebietsreform kam vom damaligen Bayerischen Innenminister Dr. Bruno Merk und wurde zwischen 1971 bis 1980 mit dem Ziel umgesetzt, leistungsfähigere Gemeinden und Landkreise zu schaffen. Größere Verwaltungseinheiten, so die Ansicht der Staatsregierung, arbeiten effizienter.
In Roth und Nickersfelden, erinnert sich Schuck, waren die Voraussetzungen zur Vereinigung mit Steinach günstig: Eine Kirche, ein Friedhof, die Schule in Steinach unterhielt ein Schulverband der drei Orte. Roth votierte mit 86, Nickerfelden mit 95,5 Prozent dafür, und das bedeutete für Roth 93 000 und das damals wie heute 66 Einwohner starke Nickersfelden 40 000 DM Schlüsselzuweisungen.
Hohn kam ein halbes Jahr später dazu. Die Voraussetzungen waren nicht ganz so gut, denn Hohn hätte zwar schon bei Auflösung seines Schulhauses Mitte der 50er Jahre schultechnisch nach Steinach gesollt, was aber am Platz gescheitert war.
Als frisch gewählter Bürgermeister des Marktes Steinach mit nun vier Orten konnte Helmut Schuck dank des Lockmittel-Geldes erst einmal kräftig Geld ausgeben: "Für ein Feuerwehrhaus in Nickersfelden, den Anschluss des Nickersfeldens ans Wassernetz Unterebersbach; für ein Kanalnetz in Roth, für Bürgersteige in Steinach", erzählt er. Und seine Frau Ingrid, die schon damals das Leben mit ihm teilte, ergänzt augenzwinkernd: "Bis dahin galt: Wenn Jauche über sieben Steine läuft, ist wieder alles klar." Das Lockmittel-Geld in Steinach investierte Schuck u. a. für die Henneberghalle, die heute als Veranstaltungszentrum in - mit Vereinen gesegneten - Steinach nicht mehr wegzudenken ist. "Trotzdem mussten sich die Befürworter des Zusammenschlusses damals sogar als Verräter beschimpfen lassen", erinnert sich Schuck. Ab und an ein freundliches Dankeschön hätte er sich damals schon auch gewünscht.
Aber: Schucks Zupacken wurde auch in den Nachbarorten beobachtet. "Das war vielleicht meine Bewährungsprobe für später", sinniert er. Denn 1978 wurde er zum Bürgermeister der Einheitsgemeinde Markt Bad Bocklet gewählt und blieb es bis 1994. Unvergessen spätere Kämpfe um den Stausee bei Hohn - eine andere Geschichte.
Sein Fazit zur Gebietsreform: "Es war richtig, wie alles gelaufen ist. Profitiert haben alle eingemeindeten Orte. Steinach hätte sonst keine Henneberghalle, es gäbe keinen zentralen Bauhof, kein Gewerbegebiet in Großenbrach mit hunderten Arbeitsplätzen und keine Dorfgemeinschaftshäuser", sagt er. Dass alles so kam, darauf ist Schuck auch ein bisschen stolz - und dankbar für alle Wegbegleiter, die diesen Weg mit ihm gingen.

Der erste Zusammenschluss im Landkreis Bad Kissingen überhaupt wurde bereits zum 1. April des Jahres 1971 vollzogen, als die kleinen Gemeinden Nickersfelden und Roth in den - damals selbstständigen - Markt Steinach eingegliedert wurden.
Zum 1. Januar 1972 wurde auch Hohn zum Markt Steinach eingegliedert. Im selben Jahr gaben auch der Markt
Aschach und die Gemeinde Großenbrach ihre politische Eigenständigkeit auf, mit Bad Bocklet bilden die drei Orte ab Mai 1972 das kommunalpolitische Gebilde, das fortan als Markt Bad Bocklet firmiert und von dort aus verwaltet wird.
Der Steinacher Gemeinderat muss sich entscheiden: Freiwillige Eingemeindung des Marktes Steinach in den Markt Bad Bocklet und im Gegenzug dafür 350 000 Deutsche Mark Sonderschlüsselzuweisungen bekommen, oder Nein zu sagen mit dem Risiko, nach der Phase der Freiwilligkeit doch nach Bad Bocklet zwangseingemeindet zu werden und die Eigenständigkeit ohne Geldzugabe zu verlieren. Die Abstimmung endet 8:5, ein Votum für pro Geld und Eingliederung.
Zum 1. Mai entsteht die neue Einheitsgemeinde Markt Bad Bocklet mit den Ortsteilen Bad Bocklet, Aschach, Großenbrach, Hohn, Nickersfelden, Roth und Steinach.
Die Gemeindegebietsreform verringerte zwischen 1972 bis 1978 die Zahl der Gemeinden von 6962 im Jahr 1970 um über zwei Drittel auf etwas mehr als 2000 kreisangehörige Gemeinden. Mehr als 900 der Gemeinden wurden zu Mitgliedsgemeinden in Verwaltungsgemeinschaften. Das Gesetz zum Abschluss der kommunalen Gebietsreform vom 1. Januar 1980 besiegelte die Gebietsreform, in dem noch kleinere Korrekturen vorgenommen wurden.
abra