Ralf Bochert, Professor für Destinationsmanagement und Volkswirtschaftlehre, berät touristische Regionen. Er hat 2010 das Forschungsprojekt "Heilbronner Initiative Kennzeichenliberalisierung" gestartet. Auch Hammelburg ist als 159. Stadt Teil seiner Studie zur Einführung der alten Autoschilder.

Herr Bochert, sind Sie mit ihrem eigenen Kennzeichen zufrieden?
Ralf Bochert: Ja. Ich lebe in Stuttgart und habe ein S-Kennzeichen. Das ist in Ordnung. Mit Stuttgart kann ich mich identifizieren.

Warum haben sie nun Hammelburg für Ihre Umfrage gewählt?
Wir haben die Befragung schon in vielen Städten vorgenommen und erweitern die Stichprobe. In Bayern wollen wir insgesamt in 35 Städten befragen, weil Bayern das Bundesland mit den meisten ,auslaufenden Kennzeichen‘ ist.

Was bringt ein eigenes HAB-Kennzeichen für die Stadt Hammelburg?
Die Wirkung eines eigenen Kennzeichens geht nach innen und außen. Wir gehen fest davon aus, dass es eine positive Wirkung auf die Identifikation mit der eigenen Stadt hat. Unsere bisherigen Erfahrungen mit den Befragungen zeigen, dass es eine Mehrheit der Bürger gern möchte. Es gibt aber auch eine Außenwirkung: Städte mit einem eigenen Kennzeichen werden als größer wahrgenommen, und Größe bewirkt Anziehungskraft.

Was kostet die Einführung der Autoschilder?
Es kostet nichts, weil die Zulassungsbehörden-EDV mehrere Kennzeichen parallel verwalten kann - und es bringt positive Effekte. Daher ist es per se für die Städte als kostengünstigste Stadtmarketingmöglichkeit sinnvoll. Ganz spezifisch für die Situation im Landkreis Bad Kissingen gilt überdies, dass die touristischen Themen Hammelburgs andere sind als die Bad Kissingens. Auch das hat eine Bedeutung bei der Frage einer Produkt- und damit Symboldifferenzierung.

Gibt es konkrete Beispiele für eine positive Wirkung?
Einige Städte, wie in Bayern zum Beispiel Memmingen mit seinem ,MM‘, nutzen das eigene Kennzeichen sehr bewusst als Symbol in ihrer Marketingstrategie. Wir haben überdies vor Beginn des Projekts getestet, ob Städte mit einem eigenen Kennzeichen den Menschen größer erscheinen. Wir haben zum Beispiel in Heilbronn abgefragt, ob Künzelsau oder Öhringen, beides Städte im Hohenlohekreis, größer ist. Die Menschen haben ganz überwiegend die Kreisstadt Künzelsau für größer gehalten, was aber nicht stimmt. ,KÜN‘ ist das Kfz-Kennzeichen des Landkreises, und durch das häufige Auftauchen dieses Symbols wird die Stadt bekannter und erscheint größer.

Wenn man außerhalb der eigenen Region unterwegs ist - zum Beispiel in einem anderen Bundesland - wird doch wohl kaum einer etwas mit ,HAB‘ anfangen können. Ist Bad Kissingen nicht die bekanntere Stadt und damit ,KG‘ besser?
Das ,KG‘ soll ja auch erhalten bleiben. Das ist schon richtig: Es ist, wenn man auf die Außenwirkung abzielt, ein Regionalmarketingthema. Im 50-Kilometer-Umkreis um Hammelburg wird man mit dem HAB-Kennzeichen etwas anfangen können. Und in diesem Umfeld ist die Anziehungskraft einer Stadt von Bedeutung, weil zum Beispiel Einkaufs- oder freizeittouristische Entscheidungen auch von der gefühlten Größe einer Stadt abhängen. Eine überregionale Bedeutung gibt es nur insofern, als dass für diejenigen, die Hammelburg kennen, die Begegnung mit einem HAB-Kennzeichen eine Art kleinen Erinnerungseffekt bedeuten kann.

Schafft die Wiedereinführung der alten Kennzeichen nicht mehr Unübersichtlichkeit und Verwirrung?
Nein, in einem regionalen Umfeld gibt es eben statt heute vielleicht drei bis fünf vorwiegend vorkommender Kennungen acht bis zehn. Das ist doch nett. Das zeigt mehr Vielfalt auf, sorgt für eine Repräsentation der wichtigsten Städte einer Region. Deutschland hat nun einmal viele schöne, historisch relevante Städte. Die darf man ruhig auch symbolisieren.

Sie haben schon in vielen Städten eine Umfrage gemacht. Gibt es überall den Wunsch nach einem eigenen Kennzeichen?
Nein, der Wunsch ist zwar überwiegend zu beobachten, aber nicht überall. Es gibt manchmal spezifische Situationen, in denen die Kreisstadt stark verortet. Und in manchen Landkreisen wirkt ein regionaler Bezug, der vom Landkreis ausgeht. Nehmen wir zum Beispiel einmal das Eichsfeld im Norden Thüringens oder den Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen. Das sind gewachsene regionale Strukturen, die identitätsstiftend wirken. In solchen Konstellationen ist der Wunsch nach den Stadtkennungen deutlich geringer.

Warum engagiert sich die Hochschule bei diesem Thema so stark? Was war der Anlass für Ihre Heilbronner Initiative?
Wir untersuchen das nur. Der initiative Charakter kommt daher, dass wir uns entschlossen haben, das Projekt relativ breit anzulegen. Es bestand die Vermutung, dass es für die betroffenen Städte keine Erfolgschancen gibt, wenn man das nur an wenigen Stellen befragt. Unser Motiv ist Expertise und es so anzulegen, dass es gleichzeitig eine bundesweit repräsentative Befragung ist. Ein Eigeninteresse an bestimmten Kennzeichen gibt es aber nicht. Ich bin ja auch mit meinem S ganz zufrieden.