Im Sommer 2011 gab es eine Premiere in der historischen Innenstadt: Vor dem Bau des "Rhöncenter"-Getränkemarktes gruben sich erstmals Archäologen in die Stadtgeschichte vor. "Das Überraschende war die Qualität der Funde, aber auch wie viel wir gefunden haben", fasst Dr. Andreas Büttner vom Landesamt für Denkmalpflege die Ergebnisse zusammen. Grabungsleiter Marcus Dumler hat daraus sogar einen Bericht in der Fach-Zeitschrift "Das archäologische Jahr in Bayern" gemacht.

"Das sah ja richtig nach Archäologie aus", freut sich Büttner über die erfolgreiche Grabung. Und dabei haben die drei Archäologen Michael Wittmann, Tomasz Trzesniowski und Marcus Dumler mit ihren Winkelkratzern und Kellen nur an der Oberfläche gekratzt: "Wir haben nicht flächig überall reinschauen können", verweist Büttner auf die Vorgabe, dass nur zehn Zentimeter tiefer gegraben wird als der geplante Bau.
Und der Getränkemarkt war eben nur einfach gegründet: kein Keller, wenige Streifenfundamente, ansonsten eine flache Bodenplatte.

"Wir sind ja nicht das Landesamt für Ausgrabungen", sagt Büttner schmunzelnd über die Aufgabe der Fachbehörde. Da die Bad Brückenauer Innenstadt komplett als Bodendenkmal eingestuft ist, muss der Bauherr für die archäologische Untersuchung aufkommen (siehe Bericht rechts). Das Landesamt für Denkmalschutz ist für die fachliche Begleitung zuständig und achtet darauf, dass es nicht zu teuer wird.

Im Fall von Bad Brückenau gab es zudem weitere Verhandlungen: "Wir konnten bereits in den obersten Schichten Befunde dokumentieren, die uns von ihrem Alter doch überrascht haben." Deshalb einigten sich nach drei Wochen Grabung Archäologen und Bauherr, dass an ausgesuchten Stellen tiefer gegraben wird als die üblichen 10 Zentimeter unter Fundament. Der Kompromiss: "Wir haben ein paar Tage zusätzlich graben lassen, aber auch die Kosten dafür übernommen", sagt Büttner.

Um den Bau des Getränkemarktes nicht zu verzögern, wurde außerdem das Grabungsfeld nach den Untersuchungen sofort frei gegeben: Üblich ist eigentlich, dass erst die Dokumentation abgewartet wird. Schließlich könnten bei bedeutenden Funden weitere Grabung notwendig sein. Das Landesamt für Denkmalpflege verließ sich in Bad Brückenau jedoch auf die Erfahrung der beauftragten Archäologen. Deshalb ist seit Herbst 2011 das Grabungsfeld bereits komplett zugedeckt: Erst mit einem Geotextil, dann mit Schotter, dann erst Fundament und Gebäude. "Die ältesten, tiefer liegenden Schicht wurden konservatorisch überdeckt, der Bereich ist also geschützt und für die Nachwelt gesichert", nennt Büttner als Grundsatz für die Arbeiten: Künftige Bauherren wissen nun, auf was sie sich einlassen, falls sie dort jemals tiefer graben wollen.

In seinem Fach-Beitrag schätzt Grabungsleiter Dumler, dass die ältesten Fund aus dem 15. Jahrhundert stammen. Die Reste einer gefundenen Mauer entsprächen zwar mit einer Dicke von 70 Zentimetern den erhaltenen Resten der Stadtmauer, allerdings weist der dort efundene Rest eines glasierten Kruges darauf hin, dass es sich nicht um die Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert (siehe Info-Kasten) handeln kann.

Dumler geht in seiner Zusammenfassung auf mehrere Siedlungsperioden ein, die sich durch unterschiedliche Lehmboden-Niveuas und Brandschichten untergliedern lassen. Der laut Dumler interessanteste Einzelbefund war ein Kachelofen, der wohl auf einem alten Mühlstein errichtet wurde. Diese Siedlungsperiode war mit einer bis zu 50 Zentimeter hohen Brandschicht überdeckt.

Dumler fand Hinweise auf vier Siedlungsperioden vor der Bebauung, die im Urkataster von 1848 festgehalten wurde. Die Archäologen fanden auch Hinweise auf zwei hölzerne Waschbottiche und zwei ausgeziegelte Färbebecken der früheren Untermang. Am nordwestlichen Rand zur Sinntorstraße hin stießen sie zudem auf regelmäßig behauene Sandsteine: Möglicherweise eine Ecke des 1598 erwähnten "Thor Haus bey der Beltmuelen", vermutet Dumler.

Die enge Tallage von Bad Brückenau macht das Bauen in der Innenstadt zu einer Herausforderung, hinzu kommt im Kernbereich der Schutz als Bodendenkmal. Das musste auch die "Edeka Handelsgesellschaft Nordbayern-Sachsen-Thüringen" erfahren: "Als Bauherr haben wir die Ausgrabungen beauftragt und auch bezahlt", sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Als Ergebnis habe das Unternehmen eine "sehr umfassende Dokumentation der Ergebnisse erhalten". Die Ausgrabungen habe das Projekt um mehrere Wochen verzögert, die Zusammenarbeit mit den zuständigen Mitarbeitern der Genehmigungsbehörden und vor allem des Landesamtes für Denkmalpflege bezeichnet die Edeka-Sprecherin aber als "recht lösungsorientiert".

Zu den Kosten gibt es nur ungefähre Angaben: "Die Ausgrabungen alleine belaufen sich auf einen fünfstelligen Betrag, größer 50 000 Euro. Um wie viel sich der Bau verteuert hat, ist nicht genau zu beziffern." Ob der Handelskonzern an dieser Stelle erneut bauen würde? Diese Frage stelle sich nicht, so die Sprecherin: "Auf Grund der beengten Verhältnisse vor Ort wird es aller Voraussicht nach auf absehbare Zeit keine Anbauten/ Neubauten dort geben."

Außerdem sei nicht der Denkmalschutz das Hauptproblem gewesen: "Eine deutlich größere zeitliche Verzögerung des Projektes hat sich durch die starke öffentliche und politische Diskussion um die Gestaltung ergeben", verweist die Sprecherin auf die mehrere Monate andauernde Diskussion. Ergebnis: "Auch haben sich durch die daraufhin gewählte komplizierte Dachform die Baukosten nochmals massiv erhöht."

Entstehung
An der Sinn und am Königsweg von Würzburg nach Fulda entstand vermutlich im 13. Jahrhundert die Furten- oder Brückensiedlung Brückenau. Um 1260 soll der erste Mauerring als Sicherung gegen das Hochstift Würzburg entstanden sein, 1294 wird Brückenau als "Oppidum" erwähnt, 1310 erhält es dann offiziell die Stadtrechte. Marcus Dumler geht davon aus, dass die äußere, die Vorstadt umgebende Stadtmauer in den 1330er Jahren gebaut wurde.

Grabungsfeld
Gegraben wurde im Bereich der früheren Untermang, nahe der ehemaligen Belzmühle. Aufzeichnungen gibt es aus diesem Bereich erst nach dem Wechsel Bad Brückenaus ins Königreich Bayern 1816: Im Jahr 1848 wurde das so genannte Urkataster erstellt. Deutlich zu erkennen ist, dass der heutige Marktplatz damals bebaut war. Zudem wurde die heutige Unterhainstraße erst nach dem Stadtbrand 1876 neu angelegt.