Das Weihnachtsfest wird dieses Jahr anders als sonst. Das kann neben den deutlichen Einschränkungen, auch eine Chance sein, sich auf das Wesentliche zu besinnen.

Kann man sich jetzt schon "frohe Weihnachten" wünschen?

Bernd Keller: Frohe Weihnachten ist mittlerweile so ein inhaltsleerer Begriff geworden. Schon jetzt sagen Menschen frohe Weihnachten. Das passt eigentlich nicht. Es ist keine Weihnachtszeit. Auch keine Vorweihnachtszeit. Jetzt ist Adventszeit. Adventus heißt Ankunft. Mit dem 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und wir warten auf die Geburt Jesu.

Was kann man stattdessen wünschen?

Ich wünsche gerne schöne Heilige Nächte. Die Heiligen Nächte, das sind der erste und der zweite gesetzliche Feiertag. Man hat die Erfahrung gemacht, dass Gesellschaften über Kulturen und Generationen hinweg für "das Heilige" Zeit brauchen.

Und Weihnachten? Wann fängt es an? Wann hört es auf?

Weihnachten fängt mit dem Heiligen Abend an, wenn Gott als Kind in der Krippe geboren wird. Gott wird Mensch, in Dir und in mir. Das ist die beste Botschaft, die ich kenne. Sie gilt immer. Die Weihnachtszeit geht bis zum Sonntag nach dem Dreikönigstag. Am 10. Januar ist die Taufe des Herrn.

Wir feiern Weihnachten jedes Jahr zuhause. Was ist dieses Jahr anders?

Menschen gehen nicht zur Kirche. Sie sind herausgefordert, sich selbst als Kirche zu begreifen. Es ist eine Chance, zu entdecken, dass Gott daheim ist. Ich muss nicht in ein großes Gebäude gehen und mich mit vielen Menschen treffen, um dort das Christsein zu feiern.

Ich vergleiche das mit einem Fußballspieler: Ich bin nicht dann Fußballspieler, wenn ich in ein Stadion gehe und der Mannschaft zujuble. Sondern dann, wenn ich einen Fußball sehe und Lust habe, zu spielen. So ist es auch als Christ. Ein Christ wird man, indem man die lebendige Beziehung zu Gott aufrechterhält. Das ist ein ständiger Prozess - ein Beziehungsgeschehen.

Das wirklich zu erfahren als existenzielle Berührung, die mich verändert und wandelt - das ist meine tiefste Sehnsucht.

Das ist auch der Auftrag der Kirche, den Heiland der Welt zu empfehlen. Vergleichbar mit einem Schild, das zeigt: Sieh hier! Hier ist er! Wir sind eigentlich nur Hinweisende auf den lebendigen Gott, der sich in Jesus zeigt, Hand und Fuß bekommt.

Was ist mit Online-Gottesdiensten?

Das ist auch ein Konsumieren. Jetzt geht es wirklich ums Handanlegen. Natürlich ist es ein Verlust, dass wir Gottesdienste im Großen nicht feiern können. Das ist keine Frage. Aber es ist nur eine Seite der Medaille: Es braucht einerseits die Kirche im Großen und anderseits die Kirche im Kleinen zuhause.

Wie könnte man einen Gottesdienst im Kleinen bei sich zuhause feiern?

Man kann sich an den Christbaum und an die Krippe setzen. Man wird still und betrachtet das Kind in der Krippe.

Man macht sich bewusst, dass wir alle dazu berufen sind, so wie Jesus, einen Auftrag zu erfüllen.

Man kann im Evangelium nachschauen, für einander beten, sich gegenseitig segnen, Sorgen vor Gott bringen, Dankbarkeit aussprechen und ein Vaterunser beten. Das war es dann schon. Dann schön die Geschenke aufmachen.

Kommen die Menschen anlässlich der Weihnachtszeit mit anderen Fragen auf Sie zu?

Es sind nicht die Fragen, sondern es ist die Not der Menschen. Plötzlich ist mein Partner da und man merkt, dass man schon lang nicht mehr geredet hat und sich nicht mehr kennt.

Die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Kinderbetreuung, das Bildungssystem, das sind Themen, die die Menschen beschäftigen. Es ist spürbar, dass der Druck steigt.

Es braucht seine Zeit, bis sich Menschen an ihren Grenzen abreiben und sich bei der Erziehungsberatung oder bei Seelsorgern melden.

Wir wissen, dass nach Krisen - spätestens da - Unterstützung notwendig ist. Deshalb sehen wir uns in der Kirche als Dienstleister. Caritative Dienste, Suchtberatung, die Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort - wir sind da.

An Weihnachten spüren wir die Beziehung zu unseren Mitmenschen besonders intensiv. Gerade jetzt, wenn wir klären müssen, mit wem wir feiern und mit wem nicht.

An Weihnachten zeigt sich in den Familien, wie nah ist man sich wirklich, wenn der Alltag einen nicht mehr so beschäftigt. Man weiß aus der Vergangenheit, an Weihnachten gibt es auch Familienstreit.

Aber die Botschaft ist: Auch dort, wo es Zwist und Streit gibt, bringt Jesus Frieden. Das ist genial. Das Urvertrauen in Gott schenkt uns immer wieder den Mut, in Solidarität aufeinander zuzugehen und aufeinander zu achten. Seien wir fleißig mit den drei Worten: Bitte, Danke, Entschuldige!

Die Maske zum Beispiel ist ein Zeichen dafür. Sie steht nicht für Egoismus, sondern ist ein Zeichen der Solidarität. Sie sagt: Ich schütze Dich.

Gerade an Weihnachten werden wir die Maske in kleinstem Familienkreis abziehen, weil wir einander nah sein wollen. Da gibt es das Risiko, sich anzustecken.

Das ist das Risiko des Lebens: Nähe komplett zuzulassen, das ist immer ein Risiko. Aber wenn wir mit Angst durch die Gegend laufen und diese uns steuert, dann verhält man sich auch nicht solidarisch. Dann wird man sich zurückziehen oder man wird aggressiv.

Vertrauen heißt, dass der Andere auch seine Freiheit ausübt. Dabei werden Fehler passieren. Aber ohne Vertrauen ist der Mensch nicht frei. Das ist die Trias, die uns Menschen tagtäglich herausfordert, zwischen Angst, Vertrauen und Freiheit.

Angst, Vertrauen, Freiheit? Wo bewegen wir uns gerade hin?

Wir haben zu viel Angst und zu wenig Vertrauen. Das korreliert direkt mit der Gotteskrise.

Was meinen Sie mit Gotteskrise?

Wer glaubt denn noch an einen Gott, der tatsächlich lebendig ist und mit uns Beziehung will? Stell Dir vor, Gott wird geboren und du bist nicht dabei. Wenige Menschen glauben noch, dass es real der Jesus ist, der real von Gott geboren wird. Das zeigen Studien. Damit rede ich niemandem den Glauben ab. Ungefähr 80 Prozent der Christen, also der evangelisch und katholischen Kirchenangehörigen, gehen selbst an Weihnachten nicht in den Gottesdienst. Weil wir eine Gotteskrise haben, haben wir eine Kirchenkrise.

Was kann ich machen, wenn ich merke, ich bin in der Angst gefangen?

Versuchen von sich selbst abzusehen und sich nicht als den Nabel der Welt zu betrachten, sondern als denjenigen, der von einer äußeren Perspektive betrachtet wird. Diese nennen wir Gott. Wenn alles zusammenbricht, aber du weißt, du bist von einer Instanz geliebt, die wir Gott nennen, dann bist du innerlich gehalten. Das ist Weihnachten.

Das Gespräch führte Charlotte Wittnebel-Schmitz

Weihnachten daheim

Tipp Auf der Homepage der Katholischen Kirche Bad Kissingen finden sich Anregungen, wie man Weihnachten daheim feiern kann. Siehe: https://www.katholischekirchebadkissingen.de/