Der Prozess wegen Mordes und Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit Sachbeschädigung und schwerem Diebstahl hat vor dem Landgericht in Hanau begonnen. Angeklagt sind zwei 52 und 35 Jahre alte Männer aus Schlüchtern. Der jüngere Mann muss sich zudem wegen eines Verstoßes gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz verantworten.
Keine 20 Minuten dauert der erste Verhandlungstag, dann vertagt Richter Peter Graßmück den Prozess auf Donnerstag, 22. Mai, 9 Uhr. Auf der Agenda steht zum Auftakt lediglich die Anklageverlesung. Doch die hält eine Überraschung bereit: Zumindest für einen der Angeklagten, einen 35-jährigen Produktionshelfer aus einem Schlüchterner Stadtteil, bleibt es nicht bei den Vorwürfen wegen gemeinschaftlichen Mordes und Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit Sachbeschädigung und schweren Diebstahls. Ihm wird zusätzlich ein Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz vorgeworfen.
Am Tag der Verhaftung hatte die Polizei bei ihm einen Koffer mit 552 Gramm Plastiksprengstoff, eine Wehrmachtspistole vom Typ Walther P 38 sowie eine Pistole der Marke Singer nebst umfangreichen Munitionsvorräten gefunden. Das Ganze soll er im April 2013 von einem Mann aus dem Raum Schlüchtern erhalten haben, gegen den bereits wegen Verbindungen zu Rechtsextremen ermittelt wurde. Im Schriftstück der Staatsanwaltschaft war dieser Mann als flüchtig bezeichnet worden.
Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze erläuterte, dass der mit europäischem Haftbefehl Gesuchte inzwischen auf Gran Canaria festgenommen wurde und sich ebenfalls wegen eines Verstoßes gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz wird verantworten müssen. Auch in dem aktuellen Prozess wird er gehört werden. Ob er sich aber darauf einlässt, ist fraglich.

Alle drei polizeibekannt

Bislang geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die beiden Schlüchterner gemeinsam mit dem Zeitlofser den Fahrkartenautomaten an der abgelegenen Eisenbahnhaltestelle Wittighausen-Gaubüttelbrunn in Tauberfranken mit einem Gas-Sauerstoff-Gemisch gesprengt haben. Dazu, so die Anklage, hätten die mutmaßlichen Täter die Öffnungen des Automaten mit Klebeband verschlossen und versucht, das Gemisch per Hand zu zünden. Dabei soll sich der 47-Jährige durch umherfliegende Teile die schweren Verletzungen zugezogen haben.
Dieses Vorgehen ist für Heinze ein Beleg, dass hier keine Profis am Werk waren. Polizeibekannt sind wohl aber alle drei Männer.
Den "blutenden und röchelnden" 47-Jährigen, so steht es in der Anklage, hätten die Angeklagten mit dessen Mercedes zwei Stunden lang 120 Kilometer weit zum Bahnhof in Salmünster gefahren. Dort wurde der Tote, mit dessen Handy die Polizei von einem angeblichen "Thomas Müller" über den Fundort informiert wurde, aufgefunden - maskiert und mit Handschuhen an den Händen. Persönliche Gegenstände hatte der Schwerstverletzte nicht bei sich. Die Anrufer hätten der Polizei eine andere Straftat vorgespiegelt, indem sie behaupteten, der Zeitlofser sei bei einer Schlägerei schwer verletzt worden.
Die Prozessbeteiligten stehen vor vielen offenen Fragen. Eine davon soll ein psychiatrischer Gutachter klären, nämlich jene, ob die Angeklagten in der Tatnacht "steuerungsfähig" waren.

Viele offene Fragen

Das heißt: Konnten sie die Lage einschätzen? Haben sie wahrgenommen, wie schwer der Zeitlofser wirklich verletzt war, und hätte er gar gerettet werden können? Standen die Männer unter Drogen? Waren sie ob der unerwarteten Ereignisse in Panik oder doch eiskalte Mörder? "Die Beweisaufnahme wird sehr umfangreich", erklärt der Oberstaatsanwalt, der dem Antrag der Verteidigung auf Bestellung eines psychiatrischen Gutachters beitreten will. "Das sind wir unserem Rechtssystem schuldig, denn hier geht es um eine mögliche lebenslange Haftstrafe", sagt er.
Graßmück hatte den Antrag bislang nur als Anregung seitens der Verteidiger aufgefasst. Dem Fall misst Heinze zudem eine besondere juristische Bedeutung bei: Immerhin habe sich das Oberlandesgericht Frankfurt bei der Haftprüfung damit beschäftigt und die Mordanklage zugelassen. Das sehen die Verteidiger der beiden Männer anders. Sie bauen ihre Strategie auf der Argumentation auf, ihre Mandanten seien davon ausgegangen, der Zeitlofser sei nur leicht verletzt. Andreas Ungermann


Nur 218,15 Euro Beute

Aus Angst, der 47-Jährige könne später seinen Beuteanteil einfordern, hätten sie die 218,15 Euro vom Tatort mitgenommen. Wenngleich sich die Angeklagten in den Vernehmungen teilweise geäußert haben, dabei jedoch stets den Mordvorwurf von sich wiesen, gibt ihnen Richter Graßmück am Ende des ersten Prozesstages den Rat mit auf den Weg in die U-Haft, sich im Prozess nun weitergehend zu äußern.