Viele leiden unter Corona. Knaus Tabbert nicht. "Corona befeuert Camping nachhaltig", sagt Geschäftsführer Wolfgang Speck. Während der Jahrespressekonferenz in den Düsseldorfer Messehallen präsentiert er Absatz- und Umsatzzahlen, die von Erfolg zu Erfolg eilen. Der düstere Oktober 2008, als der Hersteller von Freizeitfahrzeugen Insolvenz anmelden musste und auch im Tabbert-Wohnwagenwerk in Mottgers die Lichter auszugehen drohten, ist endgültig passé.

Die Übernahme durch HTP Investments aus den Niederlanden und der Aufschwung samt Produktinnovationen nach der Finanzkrise haben Wunder bewirkt. In Mottgers arbeiten - wie vor der Insolvenz - über 400 Mitarbeiter, die wegen der vielen Aufträge nach einer kurzen Sommerpause ihre wöchentliche Arbeitszeit aufstocken werden.

In diesem Jahr werden 4500 Wohnwagen (2017: 2700), darunter 400 bis 600 Knaus-Modelle, die Werkshallen in Mottgers verlassen. Über die Zukunft des Standorts sagt Speck: "Klare Ansage: Alle Marken und Standorte sind weiter gesetzt. Mottgers ist für uns eine wichtige Säule. Die Marke Tabbert strahlt schon von allein. Wir wollen sie aber mit dem Anspruch nach Manufakturqualität noch schärfen."

Verstaubtes Image abgestreift

Corona hat der Branche einen Schub verliehen, "denn es gibt keine Urlaubsform, die sicherer ist", sagt Speck. Dazu kämen weitere "Megatrends": der Wunsch nach Heimat, aber auch hin zu einem jüngeren Publikum. Die Freizeitmobil-Branche ist eine der wenigen, die ihr verstaubtes Image erfolgreich abstreifen konnte und mittlerweile bei der jüngeren Generation als "in" gilt. 2017 startete Knaus Tabbert die Vermietmarke "Rent & Travel", die sich laut Speck zu "einer Neukunden-Generierungsmaschine" entwickelt hat. Zurzeit können bundesweit an 180 Mietstationen 1900 Fahrzeuge ausgeliehen werden. Und das Beste: Rund 70 Prozent der Nutzer sind zwischen 18 und 44 Jahre jung. Der Gelsenkirchener Barock ist endgültig überwunden.

In diesem Jahr soll die Zahl der Buchungen gegenüber 2019 um 120 Prozent wachsen. Im ersten Quartal 2020 hat das Unternehmen mit Hauptsitz im niederbayerischen Jandelsbrunn seinen Umsatz im zweistelligen Prozentbereich gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 gesteigert. Damals betrug der Umsatz im Gesamtjahr 780 Millionen Euro.

Keine Staatshilfen

Die Zulassungszahlen im Juni 2020 übertrafen die des Vorjahresmonats um fast 100 Prozent. Damit stieg auch der Marktanteil auf 18,5 Prozent, "während alle anderen Mitbewerber verloren haben", wie Speck sagt und anfügt: "Keiner wächst dynamischer als wir."

Wie profitabel Knaus Tabbert mittlerweile unterwegs ist, wird nicht nur am wirtschaftlichen Ergebnis deutlich, das im ersten Halbjahr 2020 noch einmal höher lag als ein Jahr zuvor, sondern auch an dem Rettungsschirm in Höhe von einer halben Million Euro, die das Unternehmen während des Lockdowns über sein Händlernetz spannen konnte.

Corona selbst hat Knaus Tabbert bislang gut weggesteckt: Keine Staatshilfen angenommen, keine Kurzarbeit, sondern Urlaub und Überstunden abgebaut. "Corona ist an unserer Liquidität völlig vorbeigegangen", sagt Speck. Das Unternehmen, das seit 2015 seine Mitarbeiterzahl auf 3033 verdoppelt hat, hat in den zurückliegenden Jahren 100 Millionen Euro in seine Standorte Jandelsbrunn, Mottgers sowie Schlüsselfeld und Nagyoroszi investiert. Dort in Ungarn, wo hauptsächlich die Marke Weinsberg vom Band läuft, entsteht bis Ende nächsten Jahres eine neue Fabrik, kündigt Speck an.

Das neue Selbstbewusstsein des Unternehmens lässt sich auch aus einer Andeutung Specks während der Pressekonferenz herauslesen: Wurde Knaus Tabbert in früheren Jahren immer attraktiver für eine Übernahme durch andere Investoren, so behält es sich jetzt selbst vor, auf Einkaufstour zu gehen, sollte der Partner zum Unternehmen passen.

Frametechnik

Die von Knaus Tabbert entwickelte Frametechnik sorgt für einen verwindungssteifen, sehr festen und selbsttragenden Rahmen. Dieser ermöglicht viel mehr Flexibilität beim Grundriss und Raumdesign. So könnten beispielsweise Schränke nicht mehr nur stehend platziert, sondern an der Decke aufgehängt werden, während darunter Platz für andere Nutzungen entsteht.

Der Rahmen aus einem hochfesten Glasfaser-Schaum-Verbund ist sehr leicht und verfügt über eine höhere Crash-Sicherheit. Der Rahmen, der zurzeit in den Modellen Knaus Travelino und Deseo eingesetzt wird, soll auf alle Modelle ausgedehnt werden - auch die von Tabbert.

Roboter

Die Produktion von Freizeitfahrzeugen erfolgt zunehmend robotergestützt und damit automatisiert und kostengünstiger. Die Mitarbeiter können damit Aufgaben wie dem Möbelbau, das mehr Handarbeit erfordert, mehr Aufmerksamkeit widmen.

Der Leichtbau wird wichtiger, weil die Zuladung steigt oder es E-Autos leichter haben. Knaus Tabbert setzt auf eine faserverstärkte Rahmentechnologie und eine spezielle Leichtbau-Achse.

Im Fall der neuen Modellgeneration von Tabbert ist es gelungen, durch andere Materialien und neue Konstruktionen je nach Grundriss die Zuladung "um bis zu 15 Prozent zu erhöhen", sagt Produktmanager Armin Mäder. Man hätte auch Schränke weglassen können, aber "die Kunst ist, die Gewichtsreduzierung so zu erreichen, dass es der Kunde nicht sieht". Alexander Gies