Achim Baisch wählt deutliche Worte: Für ihn hat die Sache ein "starkes Geschmäckle." Er spricht von "komischen Geschichten mit Unterschriften der Nachbarn" und von einer "nicht sauberen Vorgehensweise der Stadt". Baisch geht es um ein Mehrfamilienhaus, das ein Bauherr aus Kothen am Langeller 24, zwischen Stadt und Staatsbad Brückenau, errichten möchte. Und für das dieser in der Mai-Sitzung des Stadtrates eine Bauvoranfrage stellte, die dieser mit 12:6 Stimmen befürwortete.

Keine bedeutende Sache, wäre das geplante Haus nicht recht groß. Zu groß, um den Vorgaben des dort geltenden Bebauungsplans "Hart" zu genügen. So soll das Gebäude fünf Wohnungen mit je 80 bis 90 Quadratmetern Fläche Platz bieten; laut Bebauungsplan sind maximal vier zulässig. Auch bei der Traufhöhe (talseitig 10,41 Meter statt 9,25 Meter) und dem Carport mit Stützmauer sind Abweichungen vom Regelwerk geplant. Dafür wollte der Bauherr Befreiungen - die ihm der Stadtrat zugestand.

Anlieger der Straße äußerten Bedenken, die einige Stadträte, insbesondere Heike Greenberg-Kremser (PWG), in der Mai-Sitzung vortrugen. So war von zu großer Dominanz des Bauwerks die Rede, von mehr Verkehr und Parkplatzproblemen, wenn es bezogen sei. Und von Unruhe unter den Anwohnern, die auf den Bebauungsplan und ein Wohnen im Grünen vertraut hätten, als sie selbst dorthin bauten (wir berichteten).

Achim Baisch untermauert diese Bedenken. Zwar ist er kein direkter Anlieger des Langeller 24. Aber er weiß: "Die Meinungen in der Nachbarschaft gehen in die selbe Richtung."

Keine Unterschriften erteilt

Die Anlieger seien nicht gegen ein Bauprojekt an dieser Stelle. Aber was ihnen aufstoße, sei die Aussage, alle Nachbarn hätten der Bauvoranfrage zugestimmt. "Die umliegenden Nachbarn wurden nicht zur Unterschrift aufgefordert", sagt Baisch. Was daran liege, dass ihre Grundstücke gar nicht direkt an den Langeller 24 angrenzen. Dazwischen würde unbebautes städtisches Eigentum liegen. Logisch, dass es von da keine Unterschriften brauche. "Die mir bekannten Nachbarn würden die Unterschrift nicht leisten", ergänzt Baisch.

Er will auch kürzlich mitbekommen haben, "dass im Baugebiet so gut wie alle Bauplätze weg sein sollen". Insofern findet es der Anlieger "noch komischer, dass an die Stelle ein Mehrfamilienhaus soll". Es gebe doch Alternativen.

Der Anlieger berichtet von Ängsten von Anliegern, dass dem großen Mehrfamilienhaus weitere folgen. Und die bestehenden Einfamilienhäuser übertrumpfen könnten. "Dann hätten wir einen Block am anderen." Durch die Aufweichung des Bebauungsplanes verliere die Stadt jeglichen Handlungsspielraum, Bauherren Grenzen aufzuzeigen.

Achim Baisch fragt sich nun: "Hatten die Stadträte eine falsche Grundlage für ihre Entscheidung?" In der Diskussion im Mai hatten insbesondere Bürgermeister Jochen Vogel (CSU), Hartmut Bös (Grüne) und Dirk Stumpe (PWG) dafür gesprochen, das Haus zu bauen. Sonst werde das Baugebiet nie voll. Man sei "nicht in der Position, sich die Rosinen rauspicken zu können", so Stumpe.

Nach Baischs Worten hat eine Nachbarin am Langeller eine Unterschriftenaktion gestartet. Der Brief, der die Bedenken der Anwohner noch einmal auflistet, sei dem Bürgermeister und der Baubehörde beim Landratsamt zugegangen. "Antwort haben wir von keinem erhalten."

Baisch fragt sich, ob die Stadträte den Brief, der allerdings erst nach der Mai-Sitzung geschrieben wurde, weitergeleitet bekommen haben. Sie haben, bestätigt eine Stadträtin auf Nachfrage.

Bürgermeister Jochen Vogel kann den Vorwurf der Mauschelei "überhaupt nicht teilen".

Der Bauwerber aus Kothen habe die erforderlichen Unterschriften vor Ort eingeholt und "rechtskonform vorgelegt". Unterschriften seien nur von direkten Anliegern zu leisten. Aber wer sind diese direkten Anlieger?

Marcus Markert arbeitet beim städtischen Büro Bauleistungen. Er kann über die Verhältnisse vor Ort aufklären. Geht man demnach die Straße Langeller aufwärts, findet sich auf der rechten Seite nach diverser Bebauung ein längerer, ziemlich abschüssiger Streifen Wiese. Er teilt sich in vier Grundstücke, allesamt im Besitz der Stadt.

Nach den ersten beiden, noch freien Bauplätzen folgt Langeller 24, auf dem das Mehrfamilienhaus entstehen soll. Daran schließt sich ein schmaler Streifen an, der ursprünglich zum heute belegten Bauplatz oberhalb gehörte. Nach Markerts Angaben wollten die Interessenten aber kein so großes Areal für ihr Häuschen. Der Streifen wurde abgetrennt und verblieb im Besitz der Stadt. Er ist zu schmal, um bebaut zu werden.

Marcus Markert bestätigt Baischs Aussage, dass von den unmittelbar benachbarten beiden Grundstücken keine Unterschrift eingeholt werden muss; sie gehören der Stadt. "Die talseitigen Nachbarn haben aber alle unterschrieben." Die bergseitigen Anlieger fallen ebenfalls raus. Sie trennt die Straße vom umstrittenen Baugelände.

Bauboom seit März

Wie steht es um die von Baisch behauptete neue Beliebtheit des Langeller? Marcus Markert: "Die Bauplätze sind begehrt wie warme Semmeln." Der Boom habe im März eingesetzt - und bisher nicht nachgelassen. Von den ursprünglich 70 Bauplätzen seien noch elf zu haben; vier seien aber schon vorangefragt. Und das, obwohl bei Hanglage prinzipiell erhöhte Baukosten von circa 30 Prozent zu erwarten sind.

"Die Hanglage, die früher viele abgeschreckt hat, scheint jetzt nicht mehr die große Rolle zu spielen", vermutet Markert. Übrigens ist der Grundstückspreis am Langeller vergleichsweise billig: 44,50 Euro pro Quadratmeter, inklusive Erschließung. Und "gebrauchte" Ein- und Zweifamilienhäuser sind zu einem vernünftigen Preis auch in der Rhön kaum zu bekommen.

Trotz der gestiegenen Nachfrage: Jochen Vogel verteidigt die Entscheidung des Stadtrat pro Mehrfamilienhaus: "Zu dem Zeitpunkt hatten wir die vielen konkreten Anfragen noch nicht. Die kamen erst in den letzten Wochen. Der Stadtrat hatte in der Sitzung auch nur das Wissen, was ich hatte."

Derweil entkräftet Markert die Ängste von Anwohnern vor weiteren großen Mehrfamilienhäusern. "Zu einem zweiten Block kann ich nichts sagen. Die vorliegende Bauvoranfrage war die einzige." Auch sei nicht gesagt, dass ein zweites, gleichgeartetes Projekt genehmigt würde. Es sei jedes Mal eine Einzelprüfung.

Was sagt das Landratsamt zu der Sache? Es muss über die Bauvoranfrage entscheiden. "Über den Antrag auf Vorbescheid wurde bislang noch keine Entscheidung getroffen. Diese wird voraussichtlich in den nächsten zwei Wochen getroffen", heißt es aus der Pressestelle. Eine Befreiung von Festsetzungen eines Bebauungsplans werde seitens des Landratsamtes üblicherweise nicht gegen den Willen der Kommune ausgesprochen.