Seit sechs Jahren lebt Diana im Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg. Die 13-Jährige wohnt dort in einer Wohngruppe mit acht anderen. Insgesamt leben 65 Kinder- und Jugendliche - vom Kindergartenalter bis zur Volljährigkeit - im Kinderdorf. Sie kommen dorthin aus den unterschiedlichsten Gründen. Allen gemeinsam ist, dass sie vorübergehend oder längerfristig nicht bei ihren Eltern leben können.

Die Corona-Pandemie stellte und stellt auch das Kinderdorf vor Herausforderungen. Wie ist es für Diana, während Corona im Kinderdorf zu leben? "Es ist eigentlich recht schön", sagt die 13-Jährige. "Natürlich gibt es mit Corona mehr Beschränkungen, und weil wir so viele auf einen Haufen sind, ist es manchmal auch nicht leicht." Es sei gerade keine tolle Zeit, aber man komme damit zurecht.

"Das, was am meisten fehlt, ist der Kontakt. Die Gemeinschaft. Dass man Dinge gemeinsam macht", sagt Einrichtungsleiter Stephan Schilde. So dürften sich aktuell etwa die einzelnen Wohngruppen untereinander nicht besuchen. Das könne auch Geschwisterkinder treffen. Anders sehe es im Freien auf dem Gelände des Kinderdorfes aus. Dort sei vielmehr möglich.

Besuche von oder bei den Eltern wegen Corona zeitweise ausgesetzt

Als die Inzidenz sehr hoch war, musste zwischenzeitlich auch auf den Besuch von oder bei den Eltern verzichtet werden, wie Schilde berichtet. "Wir haben für eine gewisse Zeit mehr oder weniger zugemacht." Mit den Eltern seien Gespräche geführt und Besuche verschoben worden, weil das Risiko zu groß und nicht kontrollierbar gewesen sei.

Gerade den Jugendlichen fehle zudem der Kontakt nach außen, sich mal mit Freunden zu treffen oder in die Disko zu gehen, erklärt Schilde. Auch Diana erzählt, dass ihr der Kontakt zu ihren Freunden am meisten fehlt. Was möchte sie als Erstes tun, wenn der Lockdown vorbei ist? "Mich mit meinen Freundinnen treffen", sagt die 13-Jährige. "Und vielleicht gemeinsam in die Stadt gehen."

"Wir haben wie alle gelernt, mit Corona zu leben", sagt Einrichtungsleiter Schilde. Zu Beginn der Pandemie sei die Verunsicherung groß gewesen, mittlerweile habe sich eine gewisse Routine entwickelt. Und die Situation habe auch ihre Vorteile. "Der Zusammenhalt zwischen den Kindern und Jugendlichen ist deutlich intensiver geworden. Und es gibt weniger Einflüsse von außen, die stören."

Home-Schooling als große Herausforderung

Das Leben im Kinderdorf sei "am Ende wie in den meisten Familien", erklärt Schilde. "Vielleicht etwas disziplinierter." Der Tag beginne mit einem gemeinsamen Frühstück. Danach gehe es für die Schulkinder in den Unterricht. Aktuell meist ins Home-Schooling. Auch Diana sitzt seit Dezember im Fernunterricht, wie sie berichtet. "Das Internet hängt manchmal, aber sonst klappt es recht gut", erzählt sie.

"Das Home-Schooling war eine große Herausforderung für uns", berichtet Schilde. Während die Kinder sonst vormittags meist aus dem Haus sind, seien nun alle da gewesen. Das habe auch mehr Arbeit für die Mitarbeiter bedeutet. Der Betreuungsbedarf sei durch das Home-Schooling gestiegen. "Wir haben zum Beispiel auch eine eigene Kindergartengruppe aufgemacht, damit die Kleinen die Großen nicht beim Home-Schooling stören."

Inzwischen sei es "sehr, sehr viel einfacher" als am Anfang, sagt Schilde. "Wir lernen alle dazu und die Kinder und Jugendlichen haben sich darauf eingestellt." Nach dem Unterricht werde im Kinderdorf in den Wohngruppen gemeinsam zu Mittag gegessen. Danach bleibe Zeit für Ruhe und Freizeit oder auch Therapietermine. Abends treffe man sich dann wieder zum Essen und danach werde vielleicht noch etwas ferngesehen.

Betreuungsbedarf könnte nach der Pandemie massiv steigen

Ein Corona-Effekt, was etwa den Bedarf an Betreuungsplätzen angeht, zeichne sich nicht ab, berichtet Schilde. Die Jugendämter seien aber in ihrer Tätigkeit aufgrund der Pandemie aktuell eingeschränkt ebenso Kontrollinstanzen wie Kindergärten und Schulen, die sonst Verdachtsfälle meldeten.

"Nach der Pandemie muss man mal sehen", sagt Schilde. "Aber es wird mit Sicherheit so kommen, dass ein hoher Bedarf an Unterstützung für Familien gefragt ist. Wie hoch der stationäre Bedarf sein wird, müssen wir abwarten. Von einzelnen Jugendämtern aus Ballungsgebieten kommen aber schon deutliche Signale, dass sie Nachfrage nach stationären Plätzen massiv steigen könnte."

Regelmäßige Corona-Tests bei den Mitarbeitern

Infektionen mit dem Coronavirus gab es im Kinderdorf bislang nur bei einzelnen Mitarbeitern, wie Schilde berichtet. Diese hätten sich extern angesteckt und intern niemanden infiziert. Zudem würden die Mitarbeiter regelmäßig getestet. Die Franz von Prümmer-Klinik habe das Kinderdorf hier sehr unterstützt, sagt Schilde. Ein Dankeschön richtet der Einrichtungsleiter auch an den Träger, den Caritasverband für die Diözese Würzburg, sowie an das Gesundheitsamt, das bei allen Fragen zur Seite gestanden habe.

"Was auch deutlich wurde, ist, wie sehr wir uns auf unsere Mitarbeiter verlassen können. Wir ziehen das gemeinsam durch und unterstützen uns gegenseitig", sagt Schilde. Außerdem habe die Pandemie gezeigt, wie leistungsfähig die Kinder und Jugendlichen seien. Alle hätten sich an die Regeln gehalten. "Und trotz der Entbehrungen kriegen wir das gut hin."

50.000 Quadratmeter Gelände umfasst das Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg. Die Einrichtung finanziert sich über die Belegung, für die sie Geld vom Jugendamt erhält. Träger ist der Caritasverband für die Diözese Würzburg. Pro Wohngruppe gibt es im Kinderdorf sechs Mitarbeiter, die eine Betreuung rund um die Uhr gewährleisten.