Wir schreiben den 20.Juli 1944. Im "Führerhauptquartier" in Ostpreußen, der so genannten Wolfsschanze, versuchen "Verschwörer" Adolf Hitler mit einer Bombe zu töten. Zwischen 18.28 und 18.42 Uhr wird die Bevölkerung durch drei Propaganda-Sondermeldungen im Radio informiert, dass Hitler nur leichte Verletzungen erlitten habe und der Umsturzversuch unter dem Code-Namen "Walküre" gescheitert sei.

Überall im Land herrscht helle Aufregung. Auch in Bad Brückenau. So im alten (mittlerweile abgerissen) Kreiskrankenhaus. Unter Ärzten, Krankenschwestern, Patienten, Pflegepersonal - und selbst im Kreißsaal. Hier liegt Rina Amouroux in den letzten Wehen. Als kurz nach Mitternacht in Berlin die ersten Freiheitskämpfer um Graf von Stauffenberg hingerichtet werden, erblickt auf der Geburtshilfestation des hiesigen Hospitals die kleine Christiane das Licht der Welt. In ihrem Pass wird später als Geburtstag der 21. Juli 1944 stehen und, als Geburtsort Bad Brückenau! Was Besonderes? Ja, sicher. Was ganz Besonders!

Jean war beliebt und fleißig

Denn das Baby ist die Zweitgeborene der beiden Franzosen Rina und Jean Amouroux, die in Wildflecken als Kriegsgefangene inhaftiert sind. Das heißt, eigentlich "nur" er, der Mann. Hans, wie Jean von allen nur genannt wurde, musste in der Heeresbäckerei zwangsarbeiten, war unter den deutschen Zivilbeschäftigten und den anderen gefangenen Soldaten vorwiegend aus Russland, Polen und eben Frankreich äußerst beliebt, umgänglich und fleißig. Und durfte nicht zuletzt deshalb aus "humanitären Gründen" (ja, das gab es in der damaligen unseligen Zeit durchaus) seine schwangere Frau Rina, eine gebürtige Italienerin, nach Deutschland nachkommen lassen. Die beiden hausten in Baracken, später "wohnten" sie im ersten von drei noch bestehenden Häusern am Eingang ins heutige "Bekleidungswerk Süd" der Bundeswehr.

In der Heeresbäckerei arbeitete August Preisendörfer aus Obersinn, seine Schwester Barbara, Anfang 20, als Sekretärin auf der Schreibstube der Militärkommandantur. Langsam entwickelte sich über alle Sprach- und ideologischen Barrieren hinweg eine Freundschaft zwischen dem jungen deutschen Geschwister- und dem französischen Ehepaar, die mittlerweile über fast 80 Jahre und drei Nachfolge-Generationen sowie Ländergrenzen hinweg bis heute besteht - und mit der Geburt der kleinen Christiane am frühen Morgen des 21. Juli 1944 in Bad Brückenau auf einem festen Fundament begründet und weiter ausgebaut wurde.

Eine deutsche Patin

"Ohlala. Quelle malheur. L'attentat aux Hitler. Une grande chaos. Eine riesengroße Aufregung. Alle waren nervös, die Ärzte, die Hebammen. Jeder im Krankenhaus lief wild durcheinander, war verwirrt und ich hatte sehr starke Wehen, stand kurz vor der Niederkunft", hat mir meine Mutter jedes Jahr schon einen Tag vor und dann noch mehrfach an meinem Geburtstag erzählt", erinnert sich die jetzt 77-Jährige an hängengebliebene französische und deutsche Wortfetzen.

Barbara Preisendörfer übernahm die Patenschaft für "la petite Mademoiselle" aus Frankreich, die in Bad Brückenau profan registriert und kirchlich getauft wurde. Nach dem Krieg verbrachte die kleine französische Familie noch gut ein halbes Jahr zur Unter-, besser Obermiete - Garni, Kost und Logis frei - in einer schmalen Dachkammer bei Preisendörfers in Obersinn, als "POW" (prisoners of war) durften die Drei erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in ihre Heimat nach Südfrankreich zurückkehren. Jean, "un grand filou", brachte der halben deutschen Dorfjugend in der Sinn das Schwimmen bei, Rina führte die italienisch-französische Gourmet-Küche in die Rhön-Familie ein.

Mitte der 1950er-Jahre ging "Babette", wie Barbara fortan in Frankreich und später in ihrer deutschen Heimat genannt wurde, für ein Vierteljahr nach Puy-l'Eveque, verrichtete Kindermädchen-Dienste an ihrem Patenkind und half im "Bellevue", dem Hotel der Amouroux - die erste kulinarische Adresse vor Ort und damals schon ein Drei-Sterne-Haus - quasi als "Au-pair-Mädchen" mit aus.

Noch ungleich viel mehr Menschen versammelten sich in den Straßen, als kurz darauf eine Etappe des weltgrößten Sportereignisses, der "Tour de France", durch den mittelalterlich geprägten Ort führte. Mit einem jungen Mann aus dem Dorf lief es freilich mit der "Kontaktaufnahme" nicht ganz so rund wie bei den Rädern der Profi-Rennfahrer. Mit ihm wollten die Gastgeber nämlich eine "affaire d'amour" für Babette einfädeln, was letztlich nicht von Erfolg gekrönt war. Zuhause wartete und schrieb fleißig (letztlich erfolgreich) Liebesbriefe nach Frankreich..., - Wilhelm, den sie 1956 ehelichte und mit ihm 1957 den Verfasser dieser Zeilen als ersten Sohn bekam.

Für den wiederum fühlte sich Monsieur Amouroux aus Puy-l'Eveque sozusagen im Gegenzug als Patenonkel Jean verantwortlich, schickte zu Weihnachten und zum Geburtstag regelmäßig 50-Franc-Geldscheine nach Allemagne an Jean-Pierre, Hans-Peter. Der umgekehrte Geldfluss in D-Mark ging selbstverständlich von Babette bei Christiane en France ein.

Die deutsch-französische Freundschaft vertiefte sich, wuchs, verbreiterte sich über die Zeit mit jedem hinzukommenden Kind und Enkel. Man besuchte sich gegenseitig, was jedoch wegen der räumlichen Distanz von rund 1500 Kilometern von der Rhön in das Département Le Lot leider selten der Fall war. Dann jedoch fuhr der "alte Filou" Jean mit seinem noch älteren Renault im Stil von Spaßvogel Louis de Funes entweder schaltfaul nur im ersten oder alternativ mit dem fünften Gang an jeder Kreuzung laut hupend, über die Hochrhönstraße zum Dreiländereck an den Eisernen Vorhang, um dort mit dem Fernglas das neue Feindbild auf den DDR-Wachtürmen am Todesstreifen zu beobachten. Wohlwissend, dass aus Erzfeinden, wie das eigene Beispiel treffend zeigte, durchaus Erbfreunde werden können. Auf dem Rückweg ging es dann immer für eine Reminiszenz-Stippvisite zu den ehemaligen Gefangenen-Baracken in Oberwildflecken, bevor Jean von Babette zum Kaffee deren weltmeisterlichen Käsekuchen und zum Abendessen nach "beaucoup Kartoffeln" einen Joghurt einforderte.

Zufälliges Treffen

Den Patenkindern schmeckten bei den Gegenbesuchen, der Abitur-Bahnfahrt über Paris und Narbonne, dann späteren Urlaubsvisitationen, vor allem die frischen Croissants, der "sel de mer"-Geruch des Mittelmeers, das "savoir vivre" und "laisser faire" der französischen Mentalität. Und wie es der Zufall so will und frei dem alten Lebensmotto "denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt" trifft 20 Jahre später Hans-Peter beim 14. Juli-Feiertags-Festtanz auf Joelle, die Tochter jenes Mannes, den man Fräulein Babette seinerzeit "verschmusen" wollte, aber nicht verkuppeln konnte. Mit der "französischen Fast-Schwester in spe", die mittlerweile als Englischlehrerin in New Jersey mit einem Amerikaner verheiratet ist, besteht auch heute noch, seit gut 40 Jahren, eine deutsch-französisch-englische Sprachmix-Kauderwelsch-Brieffreundschaft - über alle vermeintlichen Grenzen, real existierenden Distanzen und scheinbaren Barrieren hinweg.

Nicht davon abhalten ließ sich Christiane, ihre schwerkranke Patentante in Deutschland noch ein letztes Mal zu besuchen. Nur einen Tag nach ihrer Rückreise, im Februar 2001, starb Babette im Alter von 80 Jahren...

Fast ebenso lange, in zweiter, dritter und jetzt schon vierter Generation, besteht die deutsch-französische Muster-Freundschaft zwischen den Familien Preisendörfer und Ehrensberger sowie Amouroux und Lasmaries, wie Christiane unterdessen heißt. Zu deren 77. Geburtstag werden zeitgemäß per Social Media und natürlich zusätzlich auch noch via Glückwunschkarte die besten Segenswünsche ausgetauscht.