Es war der 28. Januar 1947, als sich Josef Goldner im Ort seiner Geburt wieder anmeldete. Das belegen die Akten des örtlichen Einwohnermeldeamtes. Ein ungewöhnlicher Schritt. Denn die meisten Juden, die Krieg und Holocaust überlebt hatten, kehrten nie in ihre Heimat zurück (Cornelia Mence, die das Schicksal vieler Juden im Landkreis erforscht hat, nennt nur noch Isidor Adler aus Völkersleier). Viele wanderten aus, hauptsächlich nach Israel oder in die Vereinigten Staaten.

Nicht so Josef Goldner. Der damals 44-Jährige brachte sogar seine Frau Nina nach Zeitlofs mit. Und hinterließ dort neue Spuren.

Christa Günther kannte Goldner in ihrer Kindheit. Die heute 80-Jährige ist in Zeitlofs aufgewachsen, kehrte dem Ort erst mit 22 Jahren den Rücken. Günther weiß noch genau, wo der jüdische Mitbürger wohnte, in der Altengronauer Straße 5. Direkten Kontakt knüpfte sie zu ihm nie. "Aber mein Onkel Georg Schad fuhr ihn oft zu Viehmärkten nach Frankfurt."

Josef Goldner war von Beruf Viehhändler. Wie vor dem Krieg viele Juden in Zeitlofs, das bis 1938 eine jüdische Gemeinde besaß. Glaubt man Karl-Otto Richter, Goldners unmittelbarem Nachbarn, schuf der im Ort als "Jobbes" bekannte Rückkehrer sich in dieser Branche erfolgreich eine neue Existenz. Er kaufte in der Region Vieh auf und vermarktete es andernorts wieder.

Der heute 79-jährige Richter erinnert sich noch gut an Goldners Auto - einen Opel Kapitän. "Auto gefahren ist der Jobbes aber nie." Die Gründe dafür kennt der Zeitlofser nicht. Der 2011 verstorbene Lorenz Richter berichtete (laut Mence), dass er den Unternehmer öfters zum Viehhandel nach Unterleichtersbach gefahren habe. Karl-Otto Richter erwähnt Goldners "Knecht" Max Kimmel, der den Viehtransporter gefahren habe.

Sowohl Richter als auch Günther wissen noch, wo der jüdische Händler seine Stallungen unterhielt: an der Sinn, gegenüber dem Thüngenschen Schloss. Offensichtlich hatte er sie von der Adelsfamilie gepachtet und hatte dort auch Pferde stehen.

Goldner betrieb nach Richters Worten auch eine Landwirtschaft, in der er Flüchtlinge beschäftigte. Seine Mutter habe dem jüdischen Nachbarn sogar mal eine Kuh verkauft, für 300 Mark.

Warum Josef Goldner - anders als der Rest seiner weitverzweigten Familie - nach Zeitlofs zurückkehrte und was er während der Nazizeit erlebte, darüber können weder Christa Günther noch Karl-Otto Richter etwas sagen. "Darüber hat der Goldner nie gesprochen", berichtet der 79-Jährige. Er beschreibt die Goldners als gegenüber der Dorfgemeinschaft reserviert, teilweise von oben herab. Auch habe sein Nachbar als Viehhändler keinen guten Ruf gehabt.

Offensichtlich brachten seine Geschäfte ihn auch mit dem Gesetz in Konflikt. 1958, so beschreibt es Richter, habe Goldner sein Haus aufgeben müssen. Er spricht sogar von einer Gefängnisstrafe. Dann sei Goldner samt Frau weggezogen. "Ein Nachbar hat das Haus dann ersteigert." Bei Würzburg soll sich der gebürtige Zeitlofser eine neue Existenz, wieder als Viehhändler, aufgebaut haben. Nach Goldner kamen laut Richter "keine anderen Juden mehr nach Zeitlofs; einige machten aber Besitzansprüche geltend."

Über Goldners Schicksal vor und während des Krieges existieren Akten, die Licht ins Dunkel bringen. In den "Arolsen Archives" sind Dokumente "zu NS-Opfern, mit Schwerpunkten auf Dokumenten zu Konzentrationslagern, Zwangsarbeit und Displaced Persons" zusammengetragen.

So macht Josef in einem dort befindlichen Formular der "International Refugee Organisation", einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich um durch den Zweiten Weltkrieg heimatlos gewordene Menschen, vor allem Holocaust-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter kümmerte, Angaben zu seinem Leben. Demnach saß der am 25. Juli 1902 in Zeitlofs Geborene von 1937 bis zum 8. Juni 1938 im Konzentrationslager Dachau ein. Gleich danach verließ er Nazi-Deutschland über die Schweiz Richtung Paris.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 steckten die Franzosen den Deutschen für zwei bis drei Monate in ein Internierungslager. Danach will Josef Goldner sich der französischen Armee angeschlossen haben. An Kämpfen gegen die Wehrmacht auf deren Frankreich-Feldzug 1940 nahm der Zeitlofser aber wohl nicht teil, weil er bis 13. August 1942 in Nordafrika stationiert war.

Danach zog es Goldner nach eigenen Angaben in den von den Deutschen unbesetzten südlichen Teil Frankreichs. Dort will er fast drei Jahre lang im Örtchen Graissessac zwischen Montpellier und Toulouse untergetaucht gewesen und in einer Magnesium-Fabrik gearbeitet haben.

Nach Ende des Krieges kehrte der Zeitlofser zunächst nach Paris zurück. Für November und Dezember 1946 gibt er als Aufenthaltsort Zeitlofs an, danach wieder Paris. Ende Januar 1947 dann die offizielle Rückkehr. Dieser Werdegang lässt nicht unbedingt nachvollziehen, warum Goldner nie in die Vernichtungsmühle der Nazis geriet. Der IRO-Bearbeiter hielt die Angaben für zweifelhaft.

Interessant ist auch der Lebenslauf von Goldners Frau Nina. Es spricht einiges dafür, dass der Zeitlofser und sie sich 1939 in Paris kennenlernten. Zeitzeugin Christa Günther erinnert sich, dass er "eine französische Frau" mitbrachte. Dem war nicht so: Nina Goldner wurde am 2. März 1908 in Magdeburg unter dem Namen Freimund geboren. Aber in in Paris lernte sie sicher gut Französisch.

Auch das Schicksal Josef Goldners nach seinem (zweitem) Weggang aus Zeitlofs erscheint nebulös. Im Ort ist darüber nichts bekannt. Er soll eine Zeitlang in den USA gelebt haben. Genauen Aufschluss gibt wieder die der Redaktion vorliegende Sterbeurkunde. Demnach verschied "Josef Goldner, israelitisch, wohnhaft in Würzburg, am 2. Juli 1979, um 7 Uhr 30 Minuten". Begraben ist er auf dem jüdischen Friedhof in Würzburg.

Ein neues Rätsel gibt der Sterbeort auf. Der hieß nicht Würzburg, sondern Bad Brückenau. War Josef Goldner, damals 76 Jahre alt, zufällig dort zu Besuch, als ihn der Tod ereilte? Oder zur Kur? Oder drehte er es bewusst so, dass er in seiner Heimat starb? Es wird wohl ungeklärt bleiben.