Sie waren Lehrer, Ladenbesitzer und waren fester Teil des Bad Brückenauer Stadtlebens. Menschen jüdischen Glaubens degradierten die Nazis zunächst zu Nummern, am Ende blieb nur Asche. Der Arbeitskreis Stolpersteine will den Bad Brückenauer Toten des Holocausts ihre Identitäten und Namen zurückgeben und auf ihre Schicksale verweisen. Am 19. Juli verlegt der Künstler Gunter Demnig dafür zum dritten Mal Stolpersteine in der Stadt. Der Verlegung wird der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beiwohnen, dessen Wurzeln in Bad Brückenau liegen.

Bad Brückenau: Kurstadt hatte reiches jüdisches Leben

"Wir verlegen dieses Mal sieben Stolpersteine", sagt Dirk Hönerlage, vom Arbeitskreis. Die Kleinstadt Bad Brückenau habe damals ein reiches jüdisches Leben gehabt. "Wir haben hier etwa 40 bis 50 Schicksale", ergänzt Jan Marberg, städtischer Kulturbüroleiter und ebenfalls Teil der Arbeitsgruppe.

Arbeitskreis Stolpersteine: Bewegender Fund im Schularchiv

Einer der Toten aus Bad Brückenau, derer bei der diesjährigen Verlegung gedacht wird, ist Ludwig Goldschmidt. "Von ihm haben wir das Übertrittszeugnis im Schularchiv gefunden", sagt Hönerlage. Das jetzige Franz-Miltenberger Gymnasium hat der Junge nie besucht.

Hinterlassenschaft eines Holocausts-Opfers aufgespürt

"Die Drangsalierungen und Anfeindungen waren im Herbst 1934 wohl schon zu stark." Im Januar 1939 fertigte er noch eine Skizze der Synagoge Bad Brückenaus vor ihrer Zerstörung an. Die Zeichnung der Gebetsstätte existiert noch heute, der Arbeitskreis spürte sie bei Ludwigs Schwester auf, der die Flucht über London in die Vereinigten Staaten gelang. "Die Skizze hat Knicke vom Falten, seine Schwester Elise hat sie wohl immer mit sich geführt auf ihrer Flucht", vermutet Hönerlage.

Von Frankfurt am Main nach Litauen

Ludwig zog es nach Frankfurt am Main. Am 22. November 1941 musste er mit knapp tausend anderen Menschen den Zug von der Frankfurter Großmarkthalle nach Osten besteigen. Nach drei Tagen im Zug erreichten sie Kowno in Litauen. Dort hatten zuvor russische Kriegsgefangene Laufgräben ausgehoben.

Durch diese mussten Ludwig und die anderen 1000 Menschen laufen, während Soldaten sie von der Brüstung aus beschossen. Laut dem Bericht des zuständigen SS-Standartenführers, Karl Jäger, töteten Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst an diesem Tag 2934 Menschen - 1159 Männer, 1600 Frauen und 175 Kinder. Darunter Ludwig Goldschmidt - am Tag seiner Ankunft.

MItglieder des Arbeitskreises: Schockierende Schicksale

"Es bewegt einen unheimlich. Es ist zwar heute kaum vorstellbar, was damals geschehen ist, aber ich bin trotz der vielen Gewalt in den Schicksalen nicht abgestumpft", sagt Sarah Hofmeister, die bereits bei der ersten Stolpersteinverlegung - damals Teil eines Praxisseminars des Gymnasiums - beteiligt war. Viel mehr zeichne sich aus der großen Zahl an Toten durch die Beschäftigung mit den Einzelschicksalen wieder der Mensch ab. "Man liest sich ein - etwa zehn bis zwölf Seiten - und muss das dann alles erst einmal sacken lassen", fügt Marlon Benkert, Schülersprecher des FMG an. "Das sind Sachen, die sich keiner ausgedacht hat."

Bad Brückenau: Erinnern, Mahnen und Auftrag

Für ihn gilt deshalb: "Wir können als Nachgeborene nichts für die Taten. Aber was wir machen können, ist dem Untertitel des Projekts "Erinnerung, Mahnung und Auftrag" Rechnung zu tragen." Christina Stretz - ebenfalls Mitglied der Gruppe - will im kommenden Schuljahr deshalb ein Praxisseminar zum Thema Schule ohne Rassismus besuchen.

Umfassende Recherchen notwendig

Die Recherchen zu den verschiedenen Schicksalen führen über Einwohner-Melderegister, Holocaust-Gedenkstätten und -Bücher. Einfach ist das nicht immer. "Zu einem jüdischen Mitbürger haben wir den Todesschein aus Theresienstadt und dessen vorherigen Stationen gefunden - aber nur sehr wenig zu Bad Brückenau", beschreibt Hönerlage einen Problembereich. Die Arbeitsgruppe habe sich daher dazu entschlossen, diesen Stein noch nicht zu verlegen, sondern "lieber alles fünfmal zu prüfen".

Aufreibend und bewegend war für den Arbeitskreis auch der Kontakt zu den Nachfahren der Bad Brückenauer Juden. Nachfahren der Familie Goldschmidt wollten sogar von den Vereinigten Staaten nach Bad Brückenau reisen, um der Verlegung der Steine beizuwohnen. "Leider kam Corona dazwischen. Wir wollen die Zeremonie deshalb mitfilmen", sagt Hönerlage.

Bad Brückenau Stolpersteine werden verlegt

Das Virus sorgt bei der Zeremonie für einigen Organisationsaufwand. Abstand halten und Mundschutz sind Pflicht, ähnlich wie in der Gastronomie gibt es Anmeldelisten vor Ort. Beim Vortrag des Künstlers Gunter Demnig, am 18. Juli in der Georgi-Halle ab 18.30 Uhr, dürfen nur 50 Gäste anwesend sein.

Für die Mitglieder der Gruppe ist es mit der Stolpersteinverlegung am 19. Juli allerdings nicht getan. In regelmäßigen Abständen müssen die Messingsteine geputzt werden. Außerdem nimmt nun die Recherchearbeit wieder Fahrt auf. Marberg sagt: "Jetzt kommen spezielle Fälle, die mehr Zeit brauchen und bei denen die Recherche schwieriger ist."

Vortrag Die Möglichkeit mit dem Künstler Gunter Demnig in Kontakt zu kommen, besteht bei dem Vortrag am 18. Juli ab 18.30 in der Georgi-Kurhalle. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es notwendig sich dafür anzumelden. Anmeldungen entweder über die E-Mail-Adresse Dirk.hoenerlage@fmg-brk.de oder aber per Tel. Nr.: 09741/ 912 80.

Stolpersteine lässt der Künstler Gunter Demnig am 19. Juli in Bad Brückenau zum dritten Mal in den Boden ein. Die Steine finden sich mittlerweile in ganz Europa. Die Verlegung beginnt am 19. Juli um 9 Uhr an der Unterhainstraße 25. Demnig verlegt anschließend weitere Steine in der Stadt.