In Heringsdorf, einem Seebad auf der Halbinsel Usedom, steht er: Der erste offizielle Kur- und Heilwald Deutschlands. Seit 2017 soll er ein Naturheilmittel nicht nur gegen Stress, sondern auch gegen Atemwegs-, Gelenk- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie gegen psychosomatische Leiden sein, heißt es vielversprechend auf der Internetseite.

Dort können Besucher beispielsweise auf Heilwaldplätzen in Ruhe verweilen, auf barrierefreien Pfaden wandeln, meditative Bewegungen oder Therapiegeräte nach Anleitung ausprobieren - und für die Kleinsten gibt es Stationen in einem speziellen Kinder-Heilwald. Der Fantasie sind wenig Grenzen gesetzt.

Neue Waldnutzung erforderlich

Für die kommende Stadtratssitzung in Bad Brückenau im März liegt ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/ die Grünen vor, Teile des Stadtwaldes in einen solchen Kur-und Heilwald umzuwandeln. Initiatorin Eva Reichert-Nelkenstock verweist darin auf das wirtschaftliche Problem, dass der Stadtwald keine Erträge abwirft. "Trockenheit und Käferschäden sowie teure Aufforstungen verlangen nach einem neuen Konzept für den Wald", sagt sie.

"Wir müssen umdenken", ist Reichert-Nelkenstock der Überzeugung. Die Idee, einen Heilwald mit therapeutischen Möglichkeiten in Zusammenarbeit mit den ansässigen Kliniken anzubieten, "würde perfekt in das Tourismuskonzept von Bad Brückenau passen". Neben den Heilquellen und der zugelassenen Trinkkur könne ein Kur- und Heilwald entsprechend vermarktet werden.

Pilotprojekt endet 2021

Gegen den Einwand, der Wald habe an sich schon eine Wirkung auch ohne die Zertifizierung, hat die Referentin für Natur und Umwelt Argumente. "Ein Ort, an dem gezielt Angebote für Menschen entstehen, spricht an." Manche bräuchten eine Anleitung gezielter Maßnahmen, wie die Natur in einer Krankheit, ob seelisch oder körperlich, helfen kann.

In Bayern ist das Thema kein neues und erlebt in den vergangenen Jahren viel Beachtung. Der Bayerische Heilbäderverband erarbeitet derzeit in einer Studie der Ludwig Maximilians Universität München gemeinsam mit 14 ausgewählten Kurbädern Kriterien für die Ausweisung von Kur- und Heilwäldern.

Ausbildung zum Waldtherapeuten

"Das Interesse an dem Thema ist sehr groß", bestätigt Projektbeauftragte Gabriella Squarra, Geschäftsführerin des Bayerischen Staatsbades Bad Reichenhall. "Wir stellen, nicht nur vor dem Hintergrund von Corona und den Beschränkungen, eine große Sehnsucht nach Natur fest", fügt sie hinzu.

Eine Waldtherapeuten-Ausbildung solle im Juli starten und die Zertifizierung von Kur- und Heilwäldern sei für Spätsommer geplant, heißt es weiter aus dem Kurort. Wenn die Pilotstudie beendet ist, liegen die Kriterien für Kur- und Heilwälder vor. "Wir freuen uns über das Interesse aus Bad Brückenau", sagt sie.

Gemischte Reaktionen

Die Malteser Klinik von Weckbecker beschäftigt sich nach eigenen Angaben schon länger mit dem Thema. Neben geführten Wanderungen und Nordic Walking durch den angrenzenden Wald, biete die Klinik zur Entspannung im Rahmen eines Achtsamkeitstrainings sogenanntes Waldbaden, eine meditative Wahrnehmungsübung, an. "Der Wald ist also schon jetzt fester Bestandteil unseres Klinikkonzeptes, und wir sind sehr überzeugt, dass die Zertifizierung zum Heilwald unser Angebot noch aufwerten wird", sagt Geschäftsführerin Stefanie Hündgen.

In der Limes Schlossklinik Fürstenhof, einer Privatklinik für Stressfolgeerkrankungen, wird das Thema etwas anders beurteilt: "Eine Natur, so ursprünglich wie rund um Bad Brückenau, muss meiner Meinung nach nicht noch zusätzlich zertifiziert werden", sagt Vorstandsvorsitzender Gert Frank. Allerdings: Wenn es spezielle Angebote im Wald gäbe, sei man grundsätzlich aufgeschlossen.

Über das Konzept

Kur- und Heilwälder sind zwei verschiedene Arten von Gesundheitswäldern: Ein Kurwald dient in erster Linie zur Gesundheitsförderung und Prävention, ist aber nicht für therapeutische Anwendungen gedacht. Ein Heilwald ist dagegen ein Behandlungsraum in freier Natur, der sich neben Prävention zusätzlich für Therapie und Rehabilitation eignet. Maßnahmen finden hier unter fachlicher Anleitung eines Waldtherapeuten statt.

Quelle: Bayerisches Landesamt für Wald und Forstwirtschaft