Zeit, zurückzuschauen? Oder um sentimental zu werden? Fand Dirk Hönerlage wenig in seinen letzten Tagen am Franz-Miltenberger-Gymnasium. Viel zu organisieren gab es neben dem Unterricht. Auch mit seinem Nachfolger Martin Steinel hatte er öfter Kontakt. Bei ihm weiß der 64-Jährige sein Amt als Stellvertretender Schulleiter gut aufgehoben. Dass er 35 Jahre an derselben Schule - in einer Stadt, mit der er anfangs kaum warm wurde - verbrachte, glaubt Hönerlage selbst nicht: "Dafür hätte meine Fantasie nicht gereicht."

Als es den jungen Lehrer aus Aschaffenburg im Februar 1987 ans Römershager Schulzentrum verschlug, schätzte er sich nur glücklich, eine Stelle erhalten zu haben. Die waren damals rar und Hönerlage freute sich, für seine Arbeit "nur" den Spessart überwinden zu müssen.

Doch so sehr ihm die kleine Schule gefiel und er von seinen neuen Kollegen empfangen wurde: Mit der Stadt fremdelte der Mann vom Untermain deutlich. "Ich wusste nicht einmal, wo Bad Brückenau liegt."

Dass dort jeder jeden kennt - das kannte er aus Aschaffenburg so nicht. Mt anderen zugezogenen Eltern gründete Hönerlage eine Initiative für Spielplätze, Zebrastreifen, für Musikschulförderung und anderes - der erste Schritt zur Eingewöhnung.

Er gewöhnte sich an die Menschen vor Ort, lernte die Vorzüge der Rhön und des Bad Brückenauer Wassers zu schätzen. Am meisten erleichterte ihm das Ankommen aber die familiäre Atmosphäre, die flachen Hierarchien, das Grundvertrauen am Gymnasium. "An einer kleinen Schule kann man viele verschiedene Dinge machen. Man schaut, wer mitmacht. Und dann geht es los", so Hönerlage; "vielleicht gibt es hier weniger Türen; aber sie sind nicht verschlossen." Als Projekte nennt er den Frankreich-Austausch oder die ihm unterbreitete Idee, Psychologie zu unterrichten.

Als nach fünf Jahren in Bad Brückenau das Angebot kam, an eine Schule in Aschaffenburg zu gehen, lehnte Hönerlage ab. "Ich habe gemerkt: Ich komme ganz zufrieden nach Hause." So richtig habe seine Integration dann über seine inzwischen drei Kinder geklappt, die unter anderem die Musikschule und den Handballverein besuchten.

Früh - im Herbst 1987 - startete der Mittzwanziger eine "Dritte-Welt-Initiative". Sie mündete in die heutige "Eine-Welt-Gruppe", die den Weltladen in der Ludwigstraße betreibt. Dirk Hönerlage hat sich immer als politisch denkenden und aktiven Menschen gesehen und seine Überzeugungen gelebt. Ein Stück weit hat er das in seine Schule getragen.

Anderes, wofür er heute nach außen hin bekannt ist, fand den Weg in die Gegenrichtung. So gilt Hönerlage als Experte für jüdisches Leben in Stadt und Staatsbad Brückenau. Mit seinen Schülern beschäftigte er sich damit in einem Projektseminar, aus dem der "Arbeitskreis Stolpersteine" entsprang. Dieser, mitgeprägt durch Hönerlage, deckte zahlreiche Spuren von Juden im Brückenauer Stadtbild auf.

35 Jahre sind eine lange Zeit für einen Lehrer. Hat er da nicht mal gedacht, etwas anderes zu machen, quasi "umzuschulen"? Schließlich unterrichtete er neben Deutsch auch Evangelische Religionslehre; Sohn Niels besetzt die Pfarrstelle in Weißenbach. Der Vater antwortet klar: "Lehrer ist ein schöner Beruf."

Sicher habe es auch Tiefs gegeben, Klassen und Schüler, bei denen "der Motor nicht angesprungen" sei. Dirk Hönerlage weiß auch, dass seine Fächerkombi nicht zu den beliebtesten gehört. Aber die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen habe meist Spaß gemacht.

Schule als "Improtheater"

Dabei habe er versucht, weder "Schleifer" noch "extremer Kumpeltyp" zu sein. Ihm war wichtig, eine "natürliche Autorität" zu entwickeln. "Dann hören die Schüler mehr zu." Er habe gewollt, dass die Schüler mitdenken. Und dass sie kritisch bleiben, wenn sie die Einrichtung verlassen.

Ein Stück weit betrachtete Hönerlage Schule auch als "Improtheater". Wissensvermittlung nach Lehrplan und jahrelange Erfahrung ja; aber immer hätten sich unvorhersehbare Situationen ergeben, Schüler überraschende Fragen gestellt. Vielleicht auch daher die Leidenschaft für die schulische Theatergruppe. "Dieses Miteinander, mit den Schülern etwas gemeinsam zu stemmen; das hat mir sehr viel gegeben."

Als der Aschaffenburger im Februar 1987 ans Schulzentrum kam, war es die Zeit der Zwischenzeugnisse. Genau dreieinhalb Jahrzehnte später beendet er seine Laufbahn als Lehrer an diesem Freitag. Es ist ein um 17 Monate vorgezogener Ruhestand, ein Stück weit mitausgelöst durch die Corona-Krise und überbordende Bürokratie.

Doch diesmal denkt der 64-Jährige nicht daran, seiner Wahlheimat den Rücken zu kehren. "Meiner Frau und mir geht es privat hier gut." Alle drei Kinder und die drei Enkel leben nicht weit entfernt, in Weißenbach, Gelnhausen und Würzburg.

Einen Masterplan für die Zukunft besitzt Hönerlage nicht. Auf jeden Fall möchte er sich mit seinen Enkeln beschäftigen, mehr im Garten machen, vielleicht etwas schreiben. Bei der Eine-Welt-Initiative und dem Arbeitskreis Stolpersteine liegt der Schwerpunkt jenseits der Schule. Da wird er aktiv bleiben. So bereitet Hönerlage die fünfte Stolperstein-Verlegung am 1. Juli mit vor.

Ein paar Mal wird er in den nächsten Wochen an sein altes Gymnasium zurückkehren. Gemeinsam mit vier Schülern erstellt er eine Art Anleitung für die über die Jahre umfangreich gewordene Theatertechnik. Denn eines ist Hönerlage wichtig: Diese Tradition an der Schule soll nicht abbrechen.