Wer sich in den Wald begibt, der tut Gutes für seine Gesundheit und seinen Stressfaktor: Diana Richter lehrt den Städtern und anderen, die das Bewusstsein für die Natur vielleicht verloren haben, was "Waldbaden" bedeutet.

Einen Waldsee gibt es hier nicht, aber "waldbaden" kann man trotzdem: dabei einen Sprung ins Blättermeer wagen, in die Natur eintauchen, über Farne, Moos und Wurzelwerk hinweg navigieren und sich freischwimmen von Berufsfrust und Alltagsstress. Das geht ganz ohne Bikini oder Badehose, dafür braucht's heute Regenmantel und Gummistiefel, als "Waldbademeisterin" Diana Richter in den Wald hineinführt.

Der Regen klatscht aufs Blätterdach, schwere Tropfen fallen einem aufs Haupt. Doch es stört kaum, sondern verstärkt fast noch das Gefühl, jetzt eins mit der Natur zu werden. Diana Richter ist in Zeitlofs aufgewachsen, umgeben von Wäldern, berichtet sie. Seit jeher liebt sie die Bäume, die Pflanzen, die Natur: Im Wald tankt sie ihre Kräfte auf. Da lag es nahe, als Entspannungspädagogin, Mentorin und Waldbadende auch anderen beizubringen, sich auf den Wald einzulassen. Unter anderem kooperiert sie mit dem Biohotel LindenGut im Dipperzer Ortsteil Kohlgrund, deren Gäste sie immer wieder durch den hofeigenen Wald führt.

Einatmen - ausatmen

Der kleine Badeurlaub beginnt mit einer einfachen Übung: einatmen, ausatmen, einatmen und wieder ausatmen. Die 40-Jährige spricht mit sanfter Stimme und fordert auf, das Plätschern des Regens, das Trillern der Vögel und den würzigen Duft des Waldbodens wahrzunehmen.

"Das Waldbaden stärkt unser Immunsystem; unsere Atmung wird ruhiger und tiefer, der Blutdruck sinkt, wir fühlen uns insgesamt wohler und sind entspannt. Unsere Sinne werden stimuliert", erklärt sie. Sie selbst sei kaum krank - und wenn sie doch mal Krankheitssymptome verspüren sollte, dann seien sie schnell wieder weg.

Grün beruhigt

Woran das liegt? Diana Richter zählt viele Faktoren auf, zum Beispiel die Farben: "Grün wirkt beruhigend. Braun kommt von der Erde, es vermittelt Sicherheit, gilt als Lebensbasis, und wir verbinden mit dieser Farbe häufig auch Wärme und Behaglichkeit." Im Wald fühle man sich außerdem durch das dichte Blätterdach beschützt. Die Bäume kommunizierten miteinander, alles sei verbunden: "Das Immunsystem des Waldes interagiert mit dem Immunsystem des Menschen", glaubt die 40-Jährige, die hauptberuflich als Krankenschwester in einer psychosomatischen Klinik in Bad Brückenau arbeitet. "Dort gehe ich auch mit Patienten waldbaden", berichtet sie. "Selbst jemand, der ADHS hat, kommt dann zur Ruhe."

Tatsächlich gelingt es schon nach kurzer Zeit, die Welt da draußen völlig auszublenden. Diana Richter verschreibt den Waldbadenden auf ihren Touren, die zwischen zwei und vier Stunden dauern, immer auch eine "Solozeit", in der sich jeder ein schönes Plätzchen suchen kann, um zu meditieren, zu träumen, zu staunen. Die Waldbadenden nehmen die Atmosphäre und die Schönheiten des Waldes viel stärker wahr: Mal schaut man nach unten auf verschlungenes Wurzelwerk, mal nach oben zu den Wipfeln der Bäume, die sich in den Himmel recken. Der Boden unter den Füßen federt beim Laufen, die Äste knacken. Dort liegt ein umgefallener Baum, der von Moos, Farnen und Zweigen bedeckt aussieht wie ein Dinosauriergerippe. Und dahinten steht ein faszinierend geformter Zwiesel: zwei Bäume mit einem einzigen Stamm.

"Bäume umarmen muss niemand", erklärt Diana Richter augenzwinkernd. "Aber wer neugierig ist, ist herzlich dazu eingeladen", erklärt sie und schlingt ihre Arme um eine dicke Eiche. Auch wenn sich das Waldbaden doch ein wenig spirituell anfühlt, können auch Teilnehmer ohne Hang zu Esoterik oder gar Religion hier Spaß, Genuss und Befriedigung finden, unterstreicht Richter.

Dazu tragen auch Übungen bei, die die Sinne schärfen. So sollen die Badenden die Augen schließen und erraten, was die Bademeisterin einem unter die Nase hält: eine Handvoll Waldboden mit Erde und Laub zum Beispiel oder ein einfaches Stück Holz. Die Teilnehmerin liegt beim Raten zwar jedes Mal falsch, aber die natürlichen Duftstoffe beruhigen. Der Wald ist eben nicht nur schlichte Badeanstalt, sondern ein hervorragendes Kur- und Heilbad.

Waldbaden Woher? Der Trend Waldbaden kommt aus Japan, heißt dort "Shinrin-Yoku" und ist als medizinische Anwendung anerkannt. Nicht selten verschreiben Ärzte ihren Patienten einen mehrtägigen Aufenthalt im Wald. Viele nehmen an Shinrin-Yoku-Exkursionen teil und lernen, sich bewusst auf die Natur einzulassen. Seit 2012 ist "Waldmedizin" ein Forschungszweig an japanischen Universitäten. Untersucht wird, welche Faktoren für die gesundheitlichen Effekte sorgen.

Touren Wer selbst ausprobieren möchte, wie sich das Waldbaden auswirkt, kann sich bei Diana Richter melden, die Touren unter anderem in ihrer Heimat Bad Brückenau durchführt. Infos und Anmeldung per E-Mail an: willkommen@DeinFreiRaum.net oder auf www.deinfreiraum.net.

Sabrina Mehler