Der Berufsberater des Arbeitsamtes kommt heute in die Mittelschule Bad Brückenau. Die Termine bei ihm sind vor allem für diejenigen reserviert, die auch kurz vor Ende des Schuljahres noch keinen Ausbildungsplatz haben. "Das sind aber zum Glück nur wenige", freut sich Schulleiterin Birgit Herré über die positive Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt. Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus, damals gingen selbst Schüler mit Quali leer aus. Diese Zeiten sind vorbei: "Alle, die den Quali haben, haben auch einen Ausbildungsplatz." Nur eine Handvoll sei derzeit noch auf der Suche, bei genau 50 Abschluss-Schülern also gerade einmal jeder Zehnte.
Für die Schulabgänger bahnt sich ein grundlegender Wandel an: Vor ein paar Jahren noch mussten sie sich um eine Lehrstelle reißen, heute klopfen die Firmen bei den Schulabgängern an. Auch in Bad Brückenau und Umgebung suchen einige Unternehmen noch Azubis für 2012 (siehe Umfrage). "Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind so gut wie nie", bestätigt Max-Martin Deinhard, Bereichsleiter Berufsausbildung bei der IHK Schweinfurt-Würzburg. So verzeichnet die Lehrstellenbörse der IHK bundesweit noch mehrere hundert freie Ausbildungsplätze für dieses Jahr. Köche, Fachinformatiker und Kaufleute im Einzelhandel führen die Top Ten der offenen Stellen an.
Der Fachkräftemangel, der überall so heißt diskutiert wird, kündigt sich an. In den kommenden Jahren werden 13 000 Fachkräfte in der Region fehlen, erklärte im Juni Jürgen Bode, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Schweinfurt-Würzburg. Das sind düstere Aussichten für die Unternehmen. Wer sich langfristig Fachkräfte sichern will, zieht sich am besten seinen eigenen Nachwuchs heran.
"Gezieltes Ausbildungsmanagement" nennt das beispielsweise Gerardo del Rio Romero, Personalleiter bei Paul & Co in Oberwildflecken. "Wir sorgen dafür, dass die paar jungen Menschen, die noch da sind, uns kennen", erklärt del Rio Romero das Konzept. Also schickt das Unternehmen seine Azubis zum "Tag des Berufes" in Schulen und lädt sich Klassen zur Werksbesichtigung ein. So lernen pro Jahr mehrere hundert potentielle Bewerber das Unternehmen kennen, noch bevor sie ihre erste Bewerbung schreiben.
Bei GKN Sinter Metals schlägt der demografische Wandel gleich doppelt zu: Spätestens ab 2017 gehen jährlich zehn bis 20 Mitarbeiter in Rente. Gleichzeitig gibt es immer weniger Jugendliche in der Region. "Wir tun uns von Jahr zu Jahr schwerer, junge Leute zu finden", sagt Wolfgang Müller, Personalleiter bei GKN. Deshalb gebe es seit November 2011 ein eigenes Ausbildungszentrum, das wie ein "Betrieb im Betrieb" funktioniere, erklärt Ausbildungsleiter Lutz Schäfer. Das Unternehmen wird zum September 2012 die Zahl der Azubis auf insgesamt 50 aufstocken. Wenn die Leistungen und das persönliche Auftreten stimmen, stehe einer beruflichen Perspektive im Unternehmen nichts im Weg, versichert Schäfer. Und er fügt hinzu: "Wir suchen Mädchen."
Nicht alle spüren den Fachkräftemangel jetzt schon. "Insgesamt geht die Anzahl der Bewerber leicht zurück, aber bisher gab es keinen dramatischen Einbruch", sagt Horst Schünzel, kaufmännischer Direktor der Hartwaldklinik und des Reha-Zentrums Bad Kissingen. 42 Azubis lernen in den Kliniken, die Schünzel leitet, 17 davon in Bad Brückenau. Aber der Blick in die Zukunft bereitet auch Schünzel Sorge. "Wir kommen ja erst in die geburtenschwachen Jahrgänge. In drei bis vier Jahren wird das dann deutlich schwieriger", lautet seine Prognose.

Bei GKN Sinter Metals fangen im Herbst 13 neue Azubis an. Ein Industriekaufmann für ein duales Studium an der Fachhochschule (FH) Würzburg wird noch gesucht. "Wir müssen vier oder fünf Jahre im Voraus planen", sagt Personalleiter Wolfgang Müller. Das Unternehmen spürt den demografischen Wandel doppelt: Immer mehr Arbeiter gehen in Rente. Gleichzeitig gibt es weniger Schulabgänger, die nachrücken. GKN bildet Werkzeugmechaniker, Elektroniker, Werkstoffprüfer, IT-Systemadministratoren, Technische Zeichner und Industriekaufleute aus. Im dualen Studium wird die Ausbildung zum Industriemechaniker (FH Schweinfurt) oder Industriekaufmann (FH Würzburg) angeboten.

Der Fertighaushersteller Hanse Haus stellt zum 1. September neun Azubis ein. Ein Schreiner und ein Anlagenmechaniker werden noch gesucht. "Tendenziell tun wir uns schwerer als in den vergangenen Jahren", sagt Personalleiter Oliver Schaub. So fangen in diesem Jahr weniger Azubis an als noch 2011. "Ich sehe es von zwei Seiten", sagt Schaub. "Zum einen geht die Anzahl der Schulabgänger zurück. Und zum anderen ist hier bei uns in der Region die Ausbildungssituation sehr gut." Das Unternehmen bildet Industriekaufleute, Bauzeichner, Schreiner, Zimmerer, Elektroniker, Maler und Lackierer, Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klimatechnik sowie Fachinformatiker aus.

Im Dorint werden sieben Azubis an den Start gehen. Eine Stelle zum Koch ist zum 1. August noch zu besetzen, da ein Azubi kurzfristig abgesprungen ist. Personalleiterin Sarah Zielonka sieht den Fachkräftemangel weniger dramatisch: "Mir ist es lieber, wenn ich keine 60 Bewerbungen auf dem Tisch liegen habe, von denen ich 50 absagen muss." Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen falle dabei je nach Position verschieden aus. "Wichtig ist vor allem, dass ein Azubi Begeisterung für den Beruf mitbringt und ins Team passt", nennt Zielonka die wichtigsten Kriterien. Das Unternehmen bildet Köche, Restaurantfachleute, Hotelkaufleute, Hotelfachleute und Veranstaltungskaufleute aus.

"Wir haben ausgesorgt", sagt Gerardo del Rio Romero, Personalleiter bei Paul & Co. 13 Azubis und ein dualer Hochschulstudent fangen zum 1. September in Oberwildflecken an. Das Unternehmen betreibt seit einigen Jahren offensives Ausbildungsmanagement, besonders an Schulen. Den Fachkräftemangel spüre man zwar auch schon, aber nicht so stark, sagt del Rio Romero. "Wir qualifizieren unsere eigene Brut, damit sie die Zukunft mit uns schreiben kann." Die Firma bildet Industriekaufleute, Industriemechaniker, Industriemechatroniker, Fachkräfte für Lagerlogistik, Maschinen- und Anlagenführer, Packmitteltechnologen, Teilezurichter sowie Fachinformatiker aus.

Die Staatliche Mineralbrunnen AG hat zum 1. September drei Azubis fest unter Vertrag, Fachkräfte für Lebensmitteltechnologie werden derzeit aber noch gesucht. Der demografische Wandel greift auch beim Mineralbrunnen. "Personalabbau ist kein Thema bei uns", sagt Vorstand Ingo Vialon. Seit 2010 habe man sogar fünf Azubis mehr eingestellt als die Jahre zuvor. "Uns interessiert vor allem der Mensch, der sich bei uns bewirbt", sagt Vialon. Junge Leute, die sich für die Ausbildung interessieren, können sich direkt im Betrieb über das Berufsbild informieren. Das Unternehmen bildet Industriekaufleute, Fachkräfte für Lebensmitteltechnik und Informatikkaufleute aus.