Die Angliederung der Nüdlinger Mittelschule an die in Münnerstadt sorgt für dicke Luft. Der Gemeinderat hatte am Dienstag beschlossen, dass Schüler aus Nüdlingen ab dem kommenden Schuljahr auf die Freiherr-von-Lutz-Mittelschule gehen. Kritiker bemängeln, dass wichtige Beteiligte bei der Entscheidung übergangen wurden. Weder Schulleiterin Ritta Helfrich, noch Elternvertreter, noch der zuständige Schulverbundskoordinator wurden einbezogen.

Der Gemeinderat hat den Anschluss ab September mit sinkenden Schülerzahlen und wegbrechenden Klassen begründet. Drei von fünf Klassen würden dann auch ohne Zusammenlegung in Münnerstadt unterrichtet. "Man hat seit Jahren gewusst, dass die Schule irgendwann geschlossen wird", sagt Nancy Stahl, Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule. Dass die Gemeinde allerdings so schnell handle, habe die Eltern überrascht. Die Eltern hätten sich gewünscht, mit einbezogen zu werden. "Der Übergang ist sehr kurz", sagt sie. Aus ihrer Sicht wäre besser, Eltern und Kindern mehr Zeit zu geben.

Nüdlingen gehört seit 2010 zum Schulverbund mit Maßbach und Münnerstadt. Für die Planung des Verbundes ist Maßbachs Rektor Wolfgang Wittmann zuständig. Er hält den Anschluss der Nüdlinger Schule nach Münnerstadt erst ab dem Schuljahr 2018/2019 für sinnvoll und widerspricht zentralen Begründungen, die im Gemeinderat für die sofortige Entscheidung angeführt wurden. Nüdlingens Bürgermeister Harald Hofmann (CSU) hatte etwa argumentiert, dass durch den Zusammenschluss mehr Lehrerstunden pro Kind übrigbleiben. "Ein Schulverbund mit drei Standorten erhält vom Kultusministerium mehr Lehrerstunden als ein Verbund mit zwei Standorten", sagt Wittmann. Unterm Strich müsse der Verbund dann sogar mit 20 Lehrerstunden weniger auskommen.


Schule in Münnerstadt gesichert

Münnerstadts 2. Bürgermeister Michael Kastl (CSU), lobt Hofmann dagegen in den höchsten Tönen: "Das war eine mutige, zukunftsweisende Entscheidung." Denn eines sei auch klar: "Eine solche Entscheidung trifft man nicht ohne Gegenwind." Beide Schulen seien Gewinner, ist er überzeugt. "Die Nüdlinger sind nicht Gäste, sondern mit uns zusammen Träger der Schule." Er habe den Prozess begleitet und höchsten Wert darauf gelegt, dass die Entscheidung in Nüdlingen fällt, ohne Störungen von außen. Im Klartext: Michael Kastl hat nichts nach außen dringen lassen, bis die Entscheidung gefällt war. Der Mittelschulstandort Münnerstadt sei damit natürlich gesichert.

Für ihn liegen die Vorteile klar auf der Hand. Es gebe mehr Lehrerstunden, Fahrzeiten der Pädagogen verringern sich. "Dadurch erhöhe sich die Qualität des Unterrichts." Noch wichtiger: "Idealerweise können wir den M-Zug ab der 7. Klasse anbieten." Er kommt zu dem Schluss: "Ich habe den größten Respekt vor Harald Hofmanns Entscheidung."

Auch im Nüdlinger Gemeinderat wurde das Argument vorgebracht, dass sich die Qualität des Unterrichts verbessere. Wittmann, der zugleich Personalratsvorsitzender am Schulamt ist, wehrt sich gegen solche Äußerungen. "Dies trifft alle Kollegen und Kolleginnen aus Nüdlingen ins Mark. An der Mittelschule Nüdlingen wird - wie auch an den Schulen in Maßbach und Münnerstadt - hervorragende pädagogische Arbeit geleistet", schimpft er.


Kein durchgängiger M-Zug

Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Vorbereitung der Schüler für die Mittlere Reife in M-Kursen und M-Klassen. Die Politiker erhoffen sich, dass durch die Zusammenlegung künftig ein durchgehender M-Zug ab der 7. Klasse in Münnerstadt angeboten wird. Bisher ist das nicht möglich. Wittmann dagegen betont, dass sich daran allein durch den Zusammenschluss beider Schulen nichts ändert. Der Kooperationsvertrag für den Schulverbund regele, dass in der 7. und 8. Klasse vorbereitende M-Kurse an allen Schulen angeboten werden. Das sollte die kleinen Standorte Nüdlingen und Maßbach stärken. In der 9. und 10. Jahrgangsstufe können die Schüler dann in M-Klassen nach Münnerstadt wechseln und die Mittlere Reife ablegen. "Das gilt weiterhin", sagt Wittman. Es sei falsch, einen M-Zug ab der 7. Klasse zu versprechen.

Schulamtsdirektor Klaus Jörg hält einen durchgängigen M-Zug in Münnerstadt für die pädagogisch sinnvollere Lösung. M-Kurse und M-Klassen seien zwar gleichwertig eingestuft, M-Klassen hätten in der Praxis aber eine andere Qualität. Für einige Eltern sei es ein Grund die Schule zu wechseln, wenn kein durchgängiger M-Zug vorgehalten werde. Für einen schnellen Zusammenschluss beider Schulen spricht in seinen Augen auch der akute Lehrermangel im Mittelschulbereich. Der werde verschärft, "wenn ich mir viele kleine Klassen leiste", sagt Jörg. Er versucht Befürchtungen entgegenzutreten, die in Nüdlingen einen Präzedenzfall für weitere Schließungen sehen: "Der Schulstandort Maßbach bleibt bestehen." Laut Maßbachs Bürgermeister Matthias Klement (CSU) sind solche Bedenken nicht von der Hand zu weisen. "Unsere Mittelschule darf nicht beschädigt werden", betont er.

Am Freitag hat es kurzfristig ein Treffen in Münnerstadt mit Bürgermeistern, Rektoren und Schulamt gegeben, an dem Wittmann und Ritta Helfrich jedoch aus terminlichen Gründen nicht teilgenommen haben. Dicke Luft? Nein, beruhigt Kastl. Es habe sich um ein Infogespräch gehandelt, zur Vorbereitung auf die nächste Sitzung des Münnerstädter Stadtrats. "Mir war wichtig, mit allen Beteiligten zu sprechen", sagt er.


Kommentar

Demokratie muss manchmal weh tun
Das Paradoxe beim Streit um die Nüdlinger Mittelschule ist, dass sich die Beteiligten bei vielen Fakten einig sind: Die Schülerprognosen sind nicht rosig, der Schulstandort hat auf mittlere Sicht keine Zukunft. Dass die Gemeinderäte auch im Hinblick auf die Sanierungskosten und das Schulamt mit Blick auf den Lehrermangel bei Mittelschulen sagen: Wir gehen eine Zweckehe mit Münnerstadt ein - dann ist das nachvollziehbar. Aber: Gute Gründe sind das eine. Dass zentrale Beteiligte übergangen wurden und dass die entscheidende Vorberatung nichtöffentlich stattgefunden hat, ist eine andere Kiste. Zum demokratischen Prozess gehört, die Betroffenen zu hören. Ob das Gremium deren Belange berücksichtigt oder nicht, entscheidet die politische Diskussion. Dass die Öffentlichkeit vor zwei Wochen von der Gemeinderatssitzung komplett ausgeschlossen wurde, um schmerzhafte Auseinandersetzungen zu vermeiden, ist ein Verstoß gegen die Gemeindeordnung. Die legt fest, dass der Gemeinderat immer öffentlich tagt, es sei denn in begründeten Ausnahmen. Die sind aber relativ präzise gefasst und die Diskussion über die Zukunft einer Mittelschule gehört eher nicht dazu. Das Allgemeinwohl, also wichtige Interessen des Staates und Belange der öffentlichen Sicherheit wären Gründe, die Bürger auszusperren. Oder aber berechtigte Interessen Dritter, also wenn es etwa um Personal- und Grundstücksangelegenheiten geht. Im Falle Nüdlingens hieße das, der Gemeinderat hätte die Frage nach der Zukunft der Lehrer nichtöffentlich und den Rest öffentlich beraten müssen. Das Landratsamt als Rechtsaufsicht verweist darauf, dass die Sitzung den Charakter einer "internen Infoveranstaltung" gehabt habe. Weil dort Interna besprochen wurden und kein offizieller Beschluss gefasst worden sei, gehe das Vorgehen in Ordnung. Das mag juristisch korrekt sein, aus demokratischer Sicht ist es das nicht. Der Beschluss war bereits vor der öffentlichen Sitzung gefallen, die Bürger hatten keine Chance, ihre Belange einzubringen. Das ist, mit Verlaub, eine Sauerei!