Sie sind genauso geschützt wie Luchs, Biber oder Fischotter - Bachneunaugen. Die seltene Fischart findet sich im Landkreis Bad Kissingen im Flüsschen Premich. Dort kämpfen die Bachneunaugen ums Überleben. Dabei leben sie in einem besonderen Naturschutzgebiet. Die Spur führt zur Premicher Kläranlage.

Beim Vergleich von Bestandsaufnahmen der Bachneunaugen aus den Jahren 2004 und 2018 zeigt sich die Brisanz. Im Flussabschnitt zwischen Steinach und Premich sank ihre Zahl von 106 auf 26. Das entspricht einem Rückgang um rund 75 Prozent. Noch drastischer ist die Situation flussaufwärts in Richtung Premich. 2004 finden sich dort noch 13 Bachneunaugen. Im Jahr 2018 war es nur noch eines: Die Teilpopulation brach dort binnen weniger Jahre also um circa 92 Prozent zusammen.

Wie passt der Rückgang zum strengen Schutz?

Und das, obwohl es in einem Abschnitt des Managementplans für das Premichtal heißt, dass das Gebiet "eine besonders wichtige und verantwortungsvolle Stellung für den Erhalt der Art" hat. In dem Areal darf sich nichts verschlechtern.

Bei einem Ortstermin an der Premich fiel immer wieder Schaum auf der Wasseroberfläche auf. An einigen Uferstücken roch es faulig. Außerdem fanden sich an Steinen im Wasser Abwasserpilze.

Liegt es an Nährstoffen im Wasser?

Michael Kolahsa, von der Fischereifachberatung des Bezirks Unterfranken, teilt auf Nachfrage mit: "Der Schaum ist entweder vom tierischen Eiweiß, etwa von Insektenlarven - oder hängt mit der Nährstoffanreicherung des Gewässers zusammen." Auch die Abwasserpilze ließen sich auf das nährstoffreiche Wasser zurückführen.

Dass der Eintrag von Nährstoffen gefährlich sein kann, zeigt der Blick in den Managementplan für das Premichtal: Manche Arten weisen bereits ab einer Ammoniak-Konzentration von 0,006 Gramm Schädigungen auf. "Andere Arten - wie Bachneunauge oder Koppe - reagieren teilweise noch empfindlicher."

Woher kommt der Nährstoff in der Premich?

Bei der Premich stammen die Nährstoffe womöglich vom Oberlauf: Dort befindet sich eine Kläranlage, die bereits in der Vergangenheit für Kritik sorgte (wir berichteten, u.a. 2003), weil die Anlage an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ist. "Der Nährstoffeintrag von etwa gedüngten Äckern lässt sich hier ausschließen, es kommt wohl eher von der Kläranlage", sagt Kolahsa. Er meint: "Die Indizien sind da. Heiße Sommer, niedrige Wasserstände und die Einleitung der Kläranlage führen zu einer anderen Durchmischung des Wassers. "Da tut sich das Bachneunauge schwer. Ob die Tiere durchhalten, hängt letztlich auch davon ab, wie lange die Tiere der Belastung ausgesetzt sind."

Laut Heiko Schuhmann, Kämmerer des Marktes Burkardroth und Geschäftsleiter des Abwasserzweckverbands Aschach-Saale, gab es in den vergangenen Jahren lediglich zwei Probleme an der Kläranlage. Überlastet sei die Anlage nicht, sondern lediglich "stark ausgelastet" und besäße als Teichanlage "eine ungünstige Reinigungsleistung". Schuhmann weiter: "Jeder Betreiber ist dennoch versucht die Werte möglichst gering zu halten."

Dem Landratsamt ist "nicht bekannt, das in der Premich etwas nicht stimmt". Die Darstellung der Redaktion, dass die Kläranlage für das Artensterben verantwortlich ist, "wird geprüft und mit dem öffentlichen Belang der Abwasserentsorgung abgewogen werden". Hinweise auf ein Artensterben in der Premich sind auch im Wasserwirtschaftsamt Bad Kissingen bisher nicht eingegangen. Von Uwe Seidl, dem stellvertretenden Behördenleiter, heißt es: "Die Kläranlage in Premich muss verbessert werden oder ein völlig neues Konzept her.

Kläranlagensanierung angedacht

Eigentlich sollte Ausbau der Kläranlage schon länger vonstatten gehen. "Es brennt uns schon lange auf den Nägeln", sagt Schuhmann. Die Arbeiten im Bereich des Abwassers seien in Absprache mit dem Wasserwirtschaftsamt nach der Dringlichkeit angegangen worden. So standen zunächst die Verbandskläranlage in Großenbrach, dann die Arbeiten an der Katzenbacher Anlage und verschiedene Kanalsanierungen an. Aber: "Diese Maßnahmen müssen nicht nur finanziell, sondern auch personell abgewickelt werden." Gleichzeitig Projekte am Abwasser und die Sanierungen an Schule und Feuerwehrhäusern voranzutreiben, sei nicht zu stemmen. Seit 2016 strebe die Kommune den Neubau der Premicher Kläranlage an.

Im Oktober 2016 hatte es eine Überschreitung der Grenzwerte beim Nährstoff Phosphor gegeben. Daraufhin genehmigte das Landratsamt mit Zustimmung des Wasserwirtschaftsamtes einen Antrag der Kommune auf Erhöhung des Phosphor-Grenzwertes. So ließ sich eine drohende Strafzahlung für den Markt Burkardroth abwenden. Rechtlich gedeckt ist der Vorgang laut Seidl aber nur, "sofern dies zeitlich begrenzt ist und nur vorübergehend bis zu einer erforderlichen Sanierung der Anlage erfolgt." Wann das ist, lasse sich nicht sagen.

Seidl hofft derzeit auf die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie, die im Auftrag des Marktes angefertigt wird. Diese sollte 2019 fertig sein, verzögerte sich jedoch. Gründe dafür waren laut Schuhmann notwendige Abstimmungen weiterer hydrogeologischer Schritte, das Coronavirus und zu wenig Personal.

Wie geht es weiter?

Einleiten darf der Markt Burkardroth das Abwasser vorerst bis zum 31. Dezember. Und dann? "Die Gemeinde stellt im Regelfall rechtzeitig vorher den Antrag auf eine zeitlich begrenzte Bescheidsverlängerung. Die Kläranlage muss ja weiterbetrieben gehen, weshalb der Antrag relativ sicher positiv beschieden wird", teilt Seidl mit. Allerdings ist die Verlängerung auf ein bis zwei Jahre befristet und die Planung für die Ertüchtigung muss vorangetrieben werden. Schuhmann teilt mit: "Die Verlängerungen erfolgten seit 2005 in enger Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt." Es sei geplant, den Antrag heuer erneut zu stellen.

Gibt es noch andere Ursachen?

In einer vorausgehenden Mail verweist das Landratsamt darauf, dass die Kläranlage durchaus mitverantwortlich für den Rückgang des Bachneunauges sein könnte. Die Schlussfolgerung in Bezug auf die Anlage könne jedoch "nicht gänzlich geteilt werden." Denn auch menschengemachte Hindernisse wie Wehre oder Durchlässe machen es dem Bachneunauge schwer, auch ist nicht jede Stelle als Lebensraum geeignet.

Um die Art zu erhalten, wäre "die Herstellung beziehungsweise Sicherstellung der biologischen längszonalen Durchgängigkeit zwischen den Gewässern" ein Ansatz, "um beispielsweise im Zuge der Laichwanderungen der Art, den genetischen Austausch zwischen den Teilpopulationen möglich zu machen."